Tag 1:
Ich möchte, dass mir Sex wieder etwas bedeutet

Als Kind der Generation Porno war ich vielleicht 14 oder 15 Jahre alt als ich zum ersten Mal einen Sexfilm sah. Meine ersten sexuellen Erfahrungen hatte ich kurz darauf mit 15. Die Neugierde und der Kitzel waren groß. Ich weiß noch wie mein ganzer Körper bebte, als mich mein erster Freund mit seiner Zunge zu meinem ersten Orgasmus in Zweisamkeit brachte. Alles war neu und ungewohnt und ein verrückter Cocktail von Hormonen in meinem Blut erzeugte eine wilde Achterbahnfahrt an Gefühlen. Ich wollte alles entdecken, die unterschiedlichen Spielarten ausprobieren und Ekstase und Leidenschaft in den höchsten Höhen spüren. Und was ich auch immer wollte, war die große Liebe. Heute bin ich 29 Jahre alt – 14 Jahre, viele Dates und sexuelle Begegnungen später ist Sex für mich etwa so spannend wie Zähneputzen. Na gut, vielleicht nicht ganz so banal, vielleicht eher wie Autofahren. Ich kenne die Knöpfe, weiß was ich will, liebe meinen Körper und gehe mit einer Mischung aus absoluter Gelassenheit und Selbstsicherheit in die Horizontale.

Aber fühlen? So richtig? Mehr als nur Orgasmen, die ich auch mit meinem Spielzeug hätte haben können? Die letzten Male als ich Sex hatte, hatte ich danach Tränen in den Augen. Es hat mir einfach nichts bedeutet. Es war wie Autofahren – Anlasser an, Knöpfe drücken, Motor heult auf, ein paar Kurven und man ist am Ziel. Fast schon ein bisschen wie auf Autopilot. Ich ging danach ins Bad und schaute mich im Spiegel an – nackt und mit Tränen in den Augen, die ich mir wegwischte, um dem Herrn im Bett meine Emotionalität zu ersparen. Er konnte ja schließlich nichts dafür, dass ich mal wieder aus den falschen Gründen oder in der falschen Ausgangssituation Sex hatte. Aber es machte etwas in mir,  mich dort selbst zu sehen – die Frau, die Liebe sucht und Sex findet, immer und immer wieder. Es war der Moment, an dem ich mir sagte: „Es reicht. Ich brauche eine Pause.“

Ich bin keine Schlampe. Ich bin auf der Suche nach Mr. Right. Nach dem Mann, der mich wirklich nackt sehen will – nicht nur meinen nackten Körper, sondern auch meine nackte Seele. Mit allem was mich ausmacht und der DAS will – dieses absolut ergreifende Gefühl, das die Kraft hat dich hochzuwerfen und mit allmächtiger Gewalt auch wieder zurück auf den Boden zu hauen – Vollgas mit dem Kopf auf den Asphalt und dem Herz gegen die Wand. Ich will das und wollte das immer – lieber zu intensiv, als sich am Frühstückstisch anzuschweigen, weil man sich nichts mehr zu sagen hat. Und gleichzeitig wurde Sex für mich zum wichtigen Teil dessen, was ich die „Due Diligence“-Phase nenne. Die Phase des Kennenlernens, des gegenseitigen Beschnupperns, Abwägens und nach erfolgreicher Betrachtung und gegenseitigem Einverständnis eine gemeinsame Absicht zu vereinbaren. Ich wollte sicher gehen, dass es im Bett passt, da mir Treue in einer Beziehung wichtig ist und es einfach gut sein muss, damit mich der Gedanke „mit diesem Mann bis zum Rest meines Lebens“ nicht in Panik versetzt. In unserer sexualisierten und untreuen oder polyamourösen Gesellschaft schien mir das wichtig. Dabei habe ich oft vernachlässigt, ob alles andere passt.

Ein gutes Sexleben ist mir wichtig. Ich bin sehr körperlich. Mich und den anderen im Miteinander zu spüren. Das Gefühl miteinander zu verschmelzen, nicht mehr zu wissen wo man selbst aufhört und der andere anfängt, seine Hände nicht einmal für eine Sekunde voneinander lassen zu können. Absolute Ekstase und Leidenschaft. Komplett im Fluss sein – sprachlos, ergriffen, tief und bedeutungsvoll.

Und genau das war der Wendepunkt. Denn dieses Gefühl des absoluten Verschmelzens habe ich diesen Sommer erlebt. Eine Nacht im Mai – keine Sekunde ohne Körperkontakt. Verliebtsein auf den ersten Blick – leider nur für wenige Wochen.

Ich glaube, dass ich erst seit dieser Nacht weiß, wonach ich all die Jahre gesucht habe. Denn ich habe vorher und nachher nichts intensiveres als das erlebt. Seitdem bedeutet mir „Standardsex“ nichts mehr – selbst wenn ich dabei komme. Einmal, mehrmals, scheißegal. Kurzes Hoch und zurück. Standardsex ist für mich nur noch wie die Fahrt im Golf nach Hause, nachdem man gerade auf der Rennstrecke den Lamborghini ausgefahren hat – erfüllt seinen Zweck, aber mehr auch nicht. Ich hatte zu viel belanglosen Sex, den ich oft so gar nicht richtig wollte und ich hatte diese eine Nacht im Mai, nach der alles andere nur noch wie die unbeachteten Gummibärchen neben der Triple-Chocolate-Torte liegt. Wenn die Torte aus ist, greif ich auch mal dazu und ärgere mich danach, weil ich doch weiß, dass ich Gummibärchen gar nicht mag.

Und da ich lieber nichts esse, als schlechtes und ungesundes Junk-Food, habe ich entschieden für die nächsten 12 Monate auf Sex komplett zu verzichten. Ich will Liebe und Sex neu lernen. Liebe ist für die meisten, eines der wichtigsten Dinge wenn nicht sogar das Wichtigste im Leben. Aber eine fundierte Ausbildung hat keiner von uns. Manche haben in der Familie bessere, andere schlechtere Vorbilder erlebt. Die Grundausbildung in Mathe und Deutsch hilft hier allerdings leider wenig. Daher fange ich noch einmal von vorne an und werde mich im Detail mit den Konzepten von Liebe und Zusammensein auseinanderzusetzen: Was ist die große wahre Liebe? Und wie findet man sie? Welche kulturellen Unterschiede gibt es und was sagen die großen Philosophen zu dem Thema? Wie hat man erfüllten Sex – dauerhaft?

Ich sehe es wie eine Fastenkur – ein Jahr nichts und danach will ich mich wieder darauf freuen können. Ich hoffe, dass ich nach 12 Monaten das Gefühl habe, dass mir Sex wieder etwas bedeutet und dass ich das Geheimnis der Liebe etwas weiter entschlüsselt habe. Ich will Männer als Persönlichkeiten kennenlernen und nicht als penisbestückte Wesen, deren Attraktivität für mögliche Kopulationsvorgänge ich bewerten muss. Einfach, entspannt und auf die Charakterzüge der Personen ausgerichtet, anstatt deren Brauchbarkeit für die Horizontale. Und vor allem will ich mich einfach ein Jahr ganz auf mich und mir wichtige Menschen konzentrieren, statt zu daten und Optionen auszuloten. Was ich auf dieser Reise erfahre und erlebe, werde ich in diesem Blog veröffentlichen. Wohin die Reise führt? Ich bin gespannt. Und ich freue mich auf eure Kommentare und Perspektiven aus eurer eigenen Erfahrungswelt. Was ich hier schreibe, trifft für mich zu und ist an geeigneter Stelle um Fakten aus der Wissenschaft, Literatur o.ä. ergänzt. Ich betone ausdrücklich, dass Liebe ein sehr individuelles Gefühl ist, dass sich bei unterschiedlichen Menschen, ganz verschieden ausdrücken und anfühlen kann. Daher freue ich mich umso mehr, auf eure Kommentare und Erfahrungen, um in einem gemeinsamen Prozess, in einem virtuellen Schwarm, noch besser die Konzepte und Geheimnisse der Liebe und eines erfüllten Sexlebens zu erforschen.

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14 Gedanken zu „Tag 1:
Ich möchte, dass mir Sex wieder etwas bedeutet
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  1. Du willst einfach nur geliebt und begehrt werden – bedingungslos. Du willst einfach nur lieben und begehren… bedingungslos… und im Idealfall empfindet auch der so, mit dem Du vögelst… und Ihr zusammen den großen Knall und die Verschmelzung erlebt,,, immer und immer wieder…

    Aus Erfahrung kann ich sagen, dass man sich nie mehr wieder mit dem Heiligen zufriedengeben wird, wenn man einmal vom Teufel geritten wurde…

    Oder kurz: Du willst lebendig sein.
    Ich wünsche Dir viele, viele kleine Tode mit dem, der genauso fühlt…

    Auf das Leben,

    Llebe Grüße

    Mag

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