Tag 35:
Lernen Nein zu sagen (Loslassen von Erwartungen Teil 1)

Nachdem ich mich in den letzten Tagen mit dem Loslassen von Erinnerungen und Zukunftsfantasien beschäftigt habe, geht es jetzt weiter mit dem Loslassen von Erwartungen.

Erwartungen können schwer auf uns lasten. Ich meine dabei nicht nur die Erwartungen anderer an uns. Ich meine auch die eigenen Ansprüche, die wir gegen uns und unsere Mitmenschen richten. Sich von diesen zu befreien, öffnet das Tor zu persönlicher Freiheit und langfristigem Glück. Denn wie Martin Seligman – ein amerikanischer Psychologe – in seiner Theorie der “Erlernten Hilflosigkeit” darstellt, ist das Gefühl der eigenen Selbstwirksamkeit ein essentieller Grundpfeiler einer selbstbestimmten Lebensführung. Es ist eine wichtige Zutat im Rezept sein Leben so zu führen, wie man es sich wünschst, statt sich passiv treiben zu lassen und in der Opferrolle zu verharren. Daher ist nicht nur das Aufdecken der eigenen Bedürfnisse, sondern auch das Verteidigen dieser essentiell. Nein sagen zu können ist dafür eine wichtige Voraussetzung. Insbesondere um in Situationen, in denen wir Erwartungen ausgesetzt sind – die eigenen oder die anderer – die persönlichen Grenzen zu ziehen und verteidigen zu können. Dies hilft, um aus der Statisten-Rolle und dem “mein Leben ist halt so ” herauszutreten und sein Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Viele von den Erwartungen, die ich hatte, waren tief in mir eingemeißelt. Viele von ihnen sind Ausdruck meiner Glaubenssätze und unbefriedigter Bedürfnisse aus meiner Kindheit. Sie waren lange tief in mir verankert und trieben dort ihr Unwesen – wie Geister in einem alten Haus. Keiner will sie haben. Daher gilt es sie auszutreiben, bevor das Haus neue Mieter finden kann. Und das erfordert Willen etwas zu verändern und Kraft diesen Veränderungsprozess anzustoßen, voranzutreiben, dran zu bleiben und erfolgreich abzuschließen.

Allerdings geht das Abändern lang tradierter Rituale nicht von heute auf morgen. Erneuerung braucht ihre Zeit. Ich habe mich heute morgen beim Meditieren wieder daran erinnert, wie wichtig beim Neuerlernen von Verhaltensweisen die Wiederholungen sind. Deshalb möchte ich dieses Thema heute genauer beleuchten, denn es ist die Grundlage von so vielen Dingen, auf die ich in Zukunft noch eingehen werde.

Wenn du etwas anders machen oder etwas Neues lernen willst, musst du dir Zeit geben dies in dein neuronales Programm zu integrieren. Manche Autoren sprechen davon, etwas siebenmal tun zu müssen, damit das Verhalten stabilisiert ist, andere von 20 Wiederholungen. Wie oft du brauchst, hat ganz viel damit zu tun, wie tief deine alten Verhaltensweisen in deinem Kopf verankert sind und wie stark du daran glaubst diese verändern zu können. Je älter und vertrauter sie dir sind, desto mehr Zeit wirst du brauchen, dies zu überschreiben.

Wenn du dir ein Ziel setzt etwas anders machen zu wollen, kämpft der gute Vorsatz gegen die althergebrachten Verhaltensweisen in dir an. Nicht weil diese besser wären oder dir von größtmöglichem Nutzen sind, sondern weil das Ausführen dieser Dinge so fest in deinem neuronalen System verankert ist. Da du es bisher so oft getan hast, sind die Neuronen in deinem Kopf und Körper, die von einer Idee ausgehend deren Ausführung initiieren, genauso verschaltet, dass sie dieses Programm optimal ausführen. Sie sind quasi die Autobahn für diesen oder jenen Impuls. Von diesen Verschaltungen hast du Millionen oder sogar Milliarden in deinem Nervensystem. Individuell angelegt für all deine Gedanken und Verhaltensweisen. Je öfter du diesen Dingen nachgehst, desto mehr werden die entsprechenden Neurone gereizt und desto „stärker“ werden ihre Verschaltungen. Du kannst es dir vorstellen, wie das Trainieren eines Muskels – je öfter du eine Übung machst, desto stärker wird er und desto leichter fällt es dir die Bewegung durchzuführen. Dies alles dient dazu, dass neuerlernte Verhaltensweisen irgendwann quasi automatisch ablaufen können ohne, dass du bewusst darauf Einfluss nehmen musst. Stattdessen kannst du deine Aufmerksamkeit anderen Dingen widmen.

Ein schönes Beispiel dafür ist das Laufen. Kleinkinder brauchen lange bis sie Laufen lernen. Immer wieder fallen sie hin, bis sie es irgendwann können und sicher dabei agieren. Erwachsene fallen beim Gehen normalerweise nicht mehr. Der Gang ist ein automatisierter Prozess, der deinen Arbeitsspeicher kaum noch fordert. Deshalb kannst du beim Spazieren telefonieren oder deine Umgebung beobachten. Dein Rechenzentrum hat Kapazität für neue Eindrücke. Aus den anfänglich lose verbundenen Nervenbahnen, sind starke Neuronenverbände geworden, die das Bewegungsprogramm Laufen als eine dieser Nervenautobahnen in Gang setzen.

So ähnlich kannst du es dir auch vorstellen, wenn du etwas neu lernen oder anders machen möchtest. Deine Neurone müssen sich erst neu verschalten und starke Nervenverbindungen bilden, damit dein neues Verhalten automatisch ablaufen kann – ohne, dass du dich jeden Tag dazu zwingen musst. Ich vergleiche das gern mit folgendem Bild: Stell dir einfach vor du willst in einem Dschungel eine Autobahn bauen.

Zuerst musst du dir das Gebiet anschauen. Dabei läufst du mehrmals durch die Landschaft und es entstehen Trampelpfade. Dies entspricht den ersten zarten neuronalen Kontakten, die entstehen wenn du etwas ein- oder zweimal gemacht hast. Je öfter du den Weg gehst, desto breiter wird er (Nervenbündel entstehen). Irgendwann ist er breit genug, dass ein Auto entlang fahren kann. Schließlich wird er geteert, damit die Fahrt noch schneller und bequemer ist, sodass du quasi im Autopilot-Modus die neue Autobahn entlangfahren kannst. Dies entspricht dann einer langfristig stabilen Verhaltensänderung. Die neue Fahrbahn ist etabliert und der alte Weg wächst zu, weil er nicht mehr genutzt wird. Wenn du dieses Stadium erreicht hast, ist die neue Verhaltensweise fest in deinem neuronalen Programm verankert und da die Alternativstrecke zugewachsen ist, gibt es wenig Anreize in alte Verhaltensmuster zurückzufallen.

Mir hilft dieses Bild sehr. Zum einen, um zu verstehen warum Verhaltensänderungen oft so schwierig und mit Rückschlägen behaftet sind. Zum anderen die Zeit und Geduld aufzubringen beständig die neuronalen Verknüpfungen aufzubauen und zu widerstehen alte Muster zu verfolgen.

Jetzt zurück zum Thema Erwartungen. Das Verteidigen meiner Bedürfnisse und das Nein sagen waren für mich seit ich denken kann große Herausforderunegn. Mir fiel es immer so unglaublich schwer klare Grenzen zu ziehen und zu einem einmal ausgesprochen Nein zu stehen. Insbesondere wenn es um Sex ging, ließ ich mich oft überzeugen. Die sexuellen Reize oder die Lust und Hoffnung der Gegenseite überredeten dann meinen Verstand und ich ärgerte mich schon dabei oder spätestens danach, dass ich nicht ausreichend zu mir stand. Um Situationen zu entgehen, in denen ich mit Erwartungen konfrontiert war, ging ich Bindungssituationen oft lieber aus dem Weg.

Dieses Muster gilt es nun für mich aufzulösen. Mein Ziel ist am Ende entspannt meine Bedürfnisse vertreten zu können, ohne mich deshalb schlecht zu fühlen. Ich möchte nur noch tun und zulassen, was ich wirklich mit voller Überzeugung und aus mir selbst heraus will. Aufgrund mangelnder Courage Tränen vor dem Badezimmerspiegel zu trocknen, gehört der Vergangenheit an.

Da ich heute so viel Theorie beschrieben habe, möchte ich den Hintergrund warum es mir oft so schwer viel Männern auf die Finger zu hauen und ein klares Nein auszusprechen bzw. zu diesem zu stehen, morgen im Detail erklären. Der Post würde sonst noch länger werden als er auch jetzt schon ist.

Ich hoffe ihr könnt euch bis dahin gedulden.

P.S.: Hier der direkte Link zum zweiten Teil des Themas Loslassen von Erwartungen: “Ich erlaube mir mich abzugrenzen” (einfach anklicken)

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