Reflexionen zu Online Apps und Online Dating

Tag 5:
Virtuelle Liebe(leien)

Ich bin heute wirklich berührt von all euren Nachrichten, die mich zum gestrigen Beitrag “Erst denken, dann ficken” erreicht haben. Ihr macht mir mit eurem vielseitigen Feedback eine große Freude, denn oft sitze ich stundenlang an einem Beitrag und jongliere mit meinen Gedanken und Worten hin und her. Es ist daher unglaublich motivierend, wenn ich von euch Rückmeldung und Zuspruch zu meinen Texten bekomme. Gerade gestern habe ich zuerst mit mir gehadert, ob ich den Titel wirklich so frei von der Leber weg schreiben kann. Es scheint gut gegangen zu sein. Und was mich wirklich sehr freut, ist, dass mir so viele von euch schreiben, dass meine Texte sie zum Nachdenken anregen. Denn genau das ist es, was ich erreichen möchte. Wachrütteln. Zum Nachdenken anregen. Ein Vorbild sein Dinge anders zu machen. Alle eure Rückfragen sind sehr willkommen und ich antworte aus tiefstem Herzen und gern darauf. Auch deswegen, weil ich beim Beantworten eurer Fragen selbst wieder ins Nachdenken komme und die Themen noch breiter und tiefer denke. Das mit dem virtuellen Schwarm, den ich im Opener erwähnt habe, funktioniert also bereits ganz gut. Daher herzlichen Dank für alle eure persönlichen und offenen Nachrichten. Ich freue mich wirklich über jedes Wort!

Gestern erreichte mich eine Nachricht von Johanna (Name von der Redaktion geändert), die mir über ihre Erfahrungen mit virtuellem Kennenlernen und Online-Flirts erzählte. Auf dieses Thema möchte ich im heutigen Beitrag näher eingehen.

Und ja, schon vorab. Auch ich habe vor einiger Zeit Dating-Apps wie Tinder und Co. ausprobiert. Das Ganze ist nicht grundsätzlich falsch. Es hat nur unzählige Tücken, derer man sich bewusst sein sollte. Hier eine Auswahl:

Tücke #1: Wir öffnen uns auf digitalem Wege oft viel schneller als wir es im echten Leben tun würden.

Tücke #2: Unsere Wahrnehmung der anderen Person ist auf wenige Informationen beschränkt.

Tücke #3: Es befeuert die Konsumhaltung und den Wettbewerbscharakter im Miteinander.

Digital vor real

Es ist nicht nur so, dass es viel einfacher ist, in einer geschützten Online-Umgebung jemanden kennenzulernen. Die Schamgrenze ist oft viel niedriger und man kann sich viel leichter ausprobieren ohne wirklich ins Risiko gehen zu müssen. Es ist auch so, dass wir beim digitalen Kennenlernen oft mindestens drei Schritte vor dem sind, was wir zeitgleich in der Realität machen oder machen würde, wenn der andere in persona vor einem sitzt oder steht. Es ist so viel leichter sich einzulassen, wenn man aus schützenden Distanz operiert. Unsere Smartphones sind dabei wie ein Schutzschild oder ein Panzer – sie schützen vor Verletzungen von außen, verhindern aber auch, dass jemand uns wirklich nah kommen und uns in dieser Nähe verletzen kann. Ohne echte Nähe und heruntergefahrene Schranken, entsteht leider auch keine Tiefe. Viele von euch haben mir von eurer Angst vor dem Einlassen geschrieben und von eurer Scheu vor erneuter Verletzung. Zu viele von uns haben es zu oft versucht, haben sich eingelassen und sind ein ums andere Mal gescheitert.

Wir sind frustriert, desillusioniert und in Teilen entromantisiert. Wir wagen es nicht mehr uns fallen zu lassen, weil wir nicht wissen ob der andere nicht einfach wegläuft und uns ohne doppelten Boden fallen lässt. Wir haben uns bei den bisherigen Versuchen oft zu viele blaue Flecken und Beulen geholt, sind verunsichert, verängstigt und verstecken das hinter einer Mauer der Unnahbarkeit. Unnahbarkeit ist aus meiner Sicht das Symptom einer Generation, die Angst vor dem Einlassen und vor dem Schmerz hat, der daraus entstehen kann. Es sind die alten Narben, die immer noch wehtun, die Erinnerungen an alte Wunden, die immer noch schmerzen. Und dem versuchen wir zu entgehen, indem wir uns nur auf ein sehr oberflächliches Niveau des Miteinanders begeben. Oberflächlichkeiten, die uns ablenken, beschäftigt halten und uns davor beschützen, die alten Narben wieder aufzureißen. Ein Zustand der uns vor erneutem Schmerz bewahren soll und gleichzeitig nicht erfüllt. Schlimmer noch, der uns die Chance nimmt, Erfüllung und Tiefe zu finden. Um dem zu entgehen, müssten wir zuerst an uns selbst arbeiten. Und das ist anstrengend. Also doch lieber wieder ablenken und ein paar Matches generieren?

Ein Hallo ist schnell geschrieben und so unverbindlich wie ein „How are you?” in einem amerikanischen Aufzug. Von der ersten Grußformel wird oft viel zu schnell zu leicht bis unbekleideten Bildern gewechselt – man will ja nicht prüde sein und im Wettbewerb mit den vielen anderen Chatbekanntschaften bestehen. Die anzüglichen Nachrichten erzeugen ein temporäres High. Es gibt einem einen Kick – das Gefühl begehrt zu sein und das Blut zwischen die Beine strömen zu spüren. Die Beschleunigung von Puls und Atem wahrzunehmen, während das Kopfkino beginnt – stimuliert von den mehr oder weniger schnell getippten Worten des anderen. Worte, die man fast schon copy-pasten kann, da sie immer wieder so oder so ähnlich gesagt werden könnten. Worte, die so auch von einem Chatbot stammen könnten. Wirklich einzigartig oder tiefgreifend ist das alles in der Regel nicht (mehr). Schnell getippt, schnell vergessen. Und in jeder dieser Situationen stumpfen wir ab.

Am Anfang hat das Ganze noch seinen Reiz. Ich erinnere mich noch an mein erstes vorsichtiges Sexting mit 16 oder 17 Jahren. Damals nutze man noch Skype und man behielt noch seine Sachen an – zumindest ich tat dies. Zugegeben, ich war damals auch um einiges unsicherer was meinen eigenen Körper betraf. Heute ist das Oben-Ohne-Bild schnell geschickt. Bilder von erigierten „Handtuchhaltern“ bekommt man schneller, als es einem lieb ist. Es gibt sogar eine Dating-App (STANDR) in der man den anderen anhand der Bilder seines Geschlechtsteils matched. Das Gesicht wird einem erst angezeigt, wenn sich beide auch unten herum interessant finden. Verrückt? Definitv!

Und genau hier liegt das Problem. Wir haben nur ganz wenige Informationen, auf denen unser erster Eindruck beruht. In der virtuellen Welt basiert unser Kennenlernen i.d.R. auf kuratierten Bildern und schöngefärbte Erzählungen über die eigene Person. Oft mehr Wunsch als Wirklichkeit. Im gestrigen Beitrag „Erst denken, dann ficken“ hatte ich euch bereits geschildert, wie schwierig es ist, sich auf Selbstbeschreibungen zu verlassen. Gleichzeitig gilt das psychologische Gesetz der Gestaltwahrnehmung als Ganzheit. Egal wie wenige und unzusammenhängende Informationen wir haben, unser Geist versucht einen Zusammenhang bzw. eine Ganzheit darin zu erkennen. Ist dieses Bild einmal entstanden, verfestigt es sich. Das entstandene Gebilde verteidigt seine eigene Existenz. Es ist dadurch viel schwerer, den ersten Eindruck später zu revidieren. Deshalb ist es oft so hart „bye bye“ zu sagen, wenn sich der erst so liebe und aufmerksame Mann, dann doch als egoistisches Arschloch entpuppt. Er ist in unserem Hirn als Romeo abgelegt. Gerade wenn wir jemanden mögen, wollen wir ihn auch in positivem Licht sehen – die berühmte rosarote Brille. Und je bedürftiger wir nach Aufmerksamkeit und Nähe sind, desto eher wollen wir die Dinge auch rosarot sehen und knüpfen an beiläufige Aussagen große Erwartungen. In unserem Kopf wird aus dem Mann, der gern reist, dann schnell der Traumprinz, mit dem wir in die große Weltreise starten. Alles oft mehr Luftschloss als solides Fundament, weil unsere Wünsche unsere Wahrnehmung massiv beeinflussen.

In der Realität hätten wir viel mehr Sinneswahrnehmungen zur Verfügung, um den anderen – auch in seiner Umwelt – einzuschätzen. Beim Online-Dating fehlt uns unser natürlicher Lügendetektor, der in unserem Unterbewusstsein schnell winzige Aspekte von Gestik, Mimik und Vokabular ausliest und uns das Bauchefühl gibt ob wir dem anderen vertrauen können oder lieber Reißaus nehmen sollten. In der digitalen Welt sind wir der Selbstdarstellung des anderen maßlos ausgeliefert.

Und diese Selbstdarstellung ist meistens nicht darauf ausgerichtet, ein wahres Bild der Wirklichkeit zu präsentieren, sondern einen Eindruck zu erschaffen, der dabei hilft die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. ICH. WILL. JETZT. Dabei gilt zu oft: Wenn ich es von dir nicht bekommen, dann matche ich schnell weiter. Hauptsache ich bekomme das, was ICH will.

Das Problem ist die Vielzahl der Optionen, die wir heute haben. Früher waren es die Menschen, denen man direkt begegnet ist bzw. denen man im gesellschaftlichen Umfeld begegnen durfte. Heute ist es mehr oder weniger die ganze Welt, die potenziel als (Sexual-)partner in Frage kommt. Auch die Alters- und Geschlechtergrenzen verschwimmen. Eigentlich könnte jeder Mensch auf dieser Welt eine Chance für uns sein. Früher hat sich das Bild durch Ehe und Familiengründung gelichtet. Bei den heutigen Scheidungsraten, sind auch hier viele weitere Optionen zu finden, denn nach 25 Jahren sind 392 von 1000 initial geschlossenen Ehen wieder geschieden. Ein fluider Markt mit einer fast grenzenlosen Anzahl von Gelegenheiten. Bei dieser Vielzahl der Möglichkeiten reicht es den Meisten von uns nicht, den oder die eine zu finden, die uns gut tut, befriedigt und glücklich macht, wir suchen nach dem perfekten Paket. Nicht selten fragen wir uns auch wenn wir glücklich sind, ob wir nicht noch glücklicher sein könnten. Es ist ein Hamsterrad, ein Dopamin-Teufelskreis und ein Gefängnis der Freiheit durch Milliarden von Möglichkeiten.

Vor fünf Jahren habe ich in Japan an einem zweiwöchigen Trainingsprogramm teilgenommen. An einem dieser Tage sollten wir uns eine Frage überlegen, die uns derzeit beschäftigt. Mit dieser sollten wir in den Wald gehen und uns ein einsames Plätzchen suchen, an dem wir den ganzen Tag verbrachten und Zeit hatten darüber nachzudenken. Mir fällt es oft schwer Entscheidungen zu treffen – insbesondere wenn ich nicht alle Optionen kenne. So kann ich mich beispielsweise Tage mit Produktvergleichen beschäftigen, um zum Schluss doch meinen initialen Favoriten zu kaufen. Allerdings habe ich erst nach intensiver Recherche ein gutes Gefühl im Bauch, weil ich sonst befürchte, dass ich etwas noch tolleres verpassen könnte. An diesem Tag in den japanischen Alpen nahm ich mir fest vor einen Ort zu finden, der ausreichend war und mich dann darauf einzulassen. Es gelang mir und ich hatte einen wundervollen Tag, an dem ich mir intensiv darüber Gedanken machen konnte, was meine Bestimmung im Leben ist. Statt zu suchen, hatte ich Zeit zu sein. Im Gegensatz dazu, kamen andere Programmteilnehmer abends zurück und erzählten, dass sie den ganzen Tag herumgelaufen waren und kaum Zeit zum Nachdenken hatten oder, dass sie über mehr als eine Frage nachdachten, aber bei keiner richtig zum Ziel gekommen waren. Ihre Gesichter sahen unglücklicher aus, als das, welches ich im Spiegel erblickte.

Oft hatte ich in der Vergangenheit bei meiner Männersuche das Gefühl, dass ich zu viel Zeit und Energie darauf verwende nach dem Einen zu suchen, anstatt einfach das Beste aus dem Leben zu machen, dass ich derzeit habe. Ich war immer so fixiert auf das fehlende Puzzleteil in meinem sonst so perfekten und glücklichen Leben. Die Krux daran: Wenn ich dann tatsächlich mal ein einigermaßen passendes Puzzleteil fand, war ich mir nicht sicher ob ich es auch wirklich wollte. Plötzlich kamen Zweifel auf und es fiel mir schwer mich zu entscheiden, weil ich nicht wusste was es sonst noch so auf dem Markt gab und ob ich nicht doch noch etwas besseres finden könnte. Unter uns, wir wissen alle, dass kein Mensch perfekt ist. Und gleichzeitig ist es Fakt, dass man niemals alle 7 Milliarden Menschen auf unserem Planeten daten kann, bevor man sich entscheidet. Lasst uns deshalb versuchen einen Platz zu finden, der schön genug ist zu verweilen. Dann können wir auch den Rest unseres Lebens viel mehr genießen als immer rastlos und auf der Suche zu sein.

Ich wünsche euch einen schönen Rest eures hoffentlich schon wundervollen Tages.

Eure Lena

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