Tag 90:
Meine Büchse der Pandora

Meine letzten Tage waren eine Achterbahnfahrt. Ich habe versucht dieses Monster in mir genauer zu erforschen, es kennenzulernen und mich mit ihm anzufreunden. Ich weiß, dass ich den Kampf gegen dieses Wesen in mir nicht gewinnen kann. Wie auch? Soll ich es töten? Dann töte ich einen Teil von mir. Es gehört zu mir. Es ist ein Teil von mir. Es ist wie die Geschichte von Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Zwei Seelen, die in meiner Brust wohnen. Vielleicht sogar mehr als „nur“ zwei. Es geht nicht um die Frage: Ich oder das Monster? Der Kernaspekt ist viel mehr: Wie kann ich das, wofür das Monster steht in meine Persönlichkeit integrieren. Wie kann ich die unterschiedlichen Komponenten so zusammenbringen, dass sie sich nicht mehr gegenseitig versuchen zu bekämpfen? Wie bekomme ich das beste aus beiden Welten in einer Person vereint? Wie kann ich diese Ambivalenz in mir, die ich schon so lange verspürte, auflösen und in etwas Neues und Fruchtbares überführen?

Nicht Monster, sondern Kiste

Je tiefer ich in den letzten Tagen in mich hinein spürte, desto bewusster wurde mir, dass dieses Monster eigentlich gar kein Monster ist. Es ist viel mehr eine verschlossene Kiste, in der all die Gefühle lagern, die ich immer verdrängt und mir nie erlaubt habe. In dieser Kiste lagern Wut, Angst, Trauer, Scham, Ekel, Unverständnis und Hass. Es ist meine ganz persönliche Kiste der Pandora. In ihr lagert all das Unheil meiner Welt.

Ich fühle mich wie ein Mensch, dem ein Rätsel aufgegeben wurde und nur wenn er in der Lage ist dieses zu lösen, wird ihm Erfüllung geschenkt. Meine Aufgabe ist es diese Kiste in mir zu öffnen und Kontakt zu diesen Gefühlen aufzunehmen, ohne dass sie meine Welt zerstören. Leider weiß ich aktuell nicht wie ich sie aufbekommen kann. Ich weiß noch nicht einmal ob ich nach einem Schlüssel, einem Zahlencode oder einem Zauberspruch suchen muss.

Ich möchte endlich diese so lang verdrängten Emotionen spüren. Gleichzeitig weiß ich nicht ob es wirklich sinnvoll wäre diese Kiste in einem Ruck zu öffnen und all diese unheilvollen Gefühlen mit einem Mal freizulassen. Das, was ich bisher in kleinen zarten Anflügen aushalten konnte, war nur ein Bruchteil davon, wie es wäre alles auf einmal an mich heranzulassen. Es hätte womöglich das Potenzial meine Welt in absolutes Chaos und Verderben zu stürzen. Und so kämpfe ich mit mir geduldig zu sein. Auch wenn ich diese Kiste am liebsten mit der Brechstange aufhebeln möchte.

Meine Angst vor der Liebe

Genau wie eine Menge negativer Gefühle in dieser Kiste sind, musste ich auch realisieren, dass das wonach ich mich am meisten sehne ebenso in dieser Kiste verschlossen ist – das Gefühl reiner Liebe. Wenn man als Kind von einer nahstehenden Person missbraucht wird, ist in der toxischen Mischung aus Wut, Angst, Abwehr, Trauer und Scham auch Liebe eingewoben. Die Liebe, die man für diese Person hatte bzw. haben sollte.

Ich musste mir eingestehen, was es bedeutet, dass das Gefühl der Liebe mit in dieser Kiste verbannt wurde. Es bedeutet, dass ich mich auf wahre Liebe nicht einlassen kann, ohne dass ich auch die anderen Gefühle aus dieser Kiste befreie. Liebe ist in meiner Seele mit Missbrauch, Angst, Wut und Verletzung verknüpft. Und immer wenn ich versuchte mich für eine partnerschaftliche tiefe Liebe zu öffnen, übermannten mich diese negativen Gefühle. Sie übermannte mich immer dann, wenn ich begann mich in einen Mann zu verlieben. Sie ängstigen mich. Ich wusste nicht wie ich mit ihnen umgehen sollte. Um vor ihnen wegzulaufen, musste ich mich auch von der Liebe zurückziehen.

Deshalb erlebte ich immer wieder und ganz plötzlich wie meine Gefühle von einem auf den nächsten Moment aufhörten. Wenn dies geschah, war ich stets am Boden zerstört und davon überzeugt, dass dieser Mann dann wohl doch nicht der Richtige für eine langfristige Partnerschaft sei. Ich dachte, dass ich diese Beziehung aufgeben und mich aus ihr herauswinden müsse. Ich konnte bis dahin nie verstehen, warum meine Gefühle so fragil waren. Gleichzeitig hatte ich fortwährend Angst, dass es dem Mann an meiner Seite auch so gehen könnte. Dass er sich von einer Minute auf die andere entlieben und mich stehen lassen könnte. Ich verstehe jetzt auch, warum ich immer nur in Verliebtheitsphasen mit einem Menschen zusammen sein konnte und panische Angst vor der Routine und der Harmonie hatte, die sich über die Zeit einstellen. Es sind die Dinge, die aufkommen, wenn sich die anfänglichen Schmetterlinge im Bauch in eine tiefere Form des Miteinanders verwandeln und die Liebe ihre Knospen trägt. Ich konnte Verliebtheit nicht in die Tiefe und Sicherheit wahrer Liebe wandeln. Es war wie eine Blockade. Dort wo sich Liebe hätte einstellen sollen, entstand bei mir eine Leere.

In diesem fürchterlichen Beziehungswirrwarr fand ich mich mal für mal wieder. Jedes weitere Mal machte mich hoffnungsloser. Ich hatte das Gefühl meinen schwankenden Gefühlen ausgeliefert zu sein. Angst, mich erneut auf eine Person einzulassen, aus Sorge, dass meine Gefühle wieder so plötzlich verschwinden könnten, wie sie es all die Male vorher getan haben. Und dann mühsam wieder zwei Leben, die ein Stück weit zusammengewachsen waren, entflechten zu müssen. Wieder zu vermissen. Wieder all dem Leid ausgesetzt zu sein. Es war die Angst vor dem Ende, die ich schon so viele Male erleben musste.

Es ist schwer mir einzugestehen, dass ich bislang nicht fähig war einen Mann wahrhaft zu lieben. Vor allem deshalb, weil mir Liebe immer so wichtig war und ich mich als sehr liebenden Menschen eingeschätzt hätte. Ja, so wie ich es im Post zu Tag 1 gesagt habe – ich muss Liebe tatsächlich neu lernen. Doch weniger in Form von intellektuellen Konzepten und mehr entlang der Reinheit von Liebe. Eine Form der Liebe, die andere in familiären Beziehungen lernen und mit diesem Verständnis in eine partnerschaftliche Beziehung starten können. Ich habe diese Form bedingungsloser und reiner Liebe nie gelernt. Ich wünsche mir so sehr, dass ich im Verlauf meiner verbleibenden ONE YEAR NO GUY-Zeit fähig oder zumindest fähiger werde zu lieben. Ich wünsche mir, dass ich Liebe in meinem Leben zulassen kann, ohne Angst davor zu haben, dass sie mein Leben aus seinen Fügen reißt. Ja, genau das ist mein Wunsch. Endlich lieben zu dürfen. Die Liebe von all dem Leid der Vergangenheit zu extrahieren. Sie zu reinigen. All den alten Dreck abzuklopfen und sie in ihrer natürlichen Einfachheit zu schätzen. Ich stelle mir dies wunderschön vor. Dafür lohnt sich der Weg, jeder Schritt auf diesem Weg und jeder Tag der Abstinenz.

 

Please follow and like us:

3 Gedanken zu „Tag 90:
Meine Büchse der Pandora
&8220;

  1. „Da gibt es die Legende von einem Vogel, der in seinem Leben nur
    ein einziges mal singt, doch singt er süßer als jedes andere
    Geschöpf auf dem Erdenrund. Von dem Augenblick an, da er sein
    Nest verläßt, sucht er nach einem Dornenbaum und ruht nicht,
    ehe er ihn gefunden hat.
    Und wenn er im Gezweig zu singen beginnt, dann läßt er sich so
    darauf nieder, daß ihn der größte und schärfste Dorn durchbohrt.
    Doch während er stirbt, erhebt er sich über die Todesqual, und sein
    Gesang klingt herrlicher als das Jubeln der Lerche oder das Flöten
    der Nachtigall. Ein unvergleichliches Lied, bezahlt mit dem eigenen
    Leben. Aber die ganze Welt hält inne, um zu lauschen, und Gott
    im Himmel lächelt.
    Denn das Beste ist nur zu erreichen unter großen Opfern…
    so jedenfalls heißt es in der Legende.“
    Prolog aus „Dornenvögel“ von Colleen McCullough

    “ der Vogel mit dem Dorn in der Brust, er folgt einem unwandelbaren
    Gesetz. Was ihn dazu treibt, sich selbst zu durchbohren und singend
    zu sterben, er weiß es nicht. Im selben Augenblick, da der Dorn in ihn
    eindringt, ist er sich des kommenden Todes nicht bewußt. Er singt nur
    und singt, bis kein Leben mehr in ihm ist.
    Aber wir, die wir unsere Brust mit Dornen durchbohren, wir wissen.
    Wir verstehen. Und wir tun es dennoch, wir tun es dennoch.”
    Epilog aus „Dornenvögel“ von Colleen McCullough

    Liebe Lena,

    wenn der Dorn die Liebe und der Gesang das erleben derselben ist,
    so wissen wir gleichzeitig um den möglichen Verlust oder anderem
    damit verbundenen Leid und wir können trotzdem nicht anders, als uns
    immer wieder aufs neue herauszufordern sie zu erleben. Wegen der Einzig-
    artigkeit und Größe der darin gelebten Gefühle; ungeachtet der möglichen
    Konsequenzen…- „wir tun es dennoch!“

    ich fange am besten mal damit an, das Liebe bzw. zu lieben eigentlich ein unverzichtbarer Teil unseres Lebens ist, weshalb die oberen Zeilen Mut machen sollen, auch wenn sie von Schmerz und
    Opfern sprechen – es ist eindeutig ein lohnenswerter Preis für das zu erwartende und wer sich dem
    Lebenskreislauf von Liebe und Verlust nicht stellen will, wird ein armer Mensch sein und bleiben.
    Weil du das ganz genau weißt und immer deutlicher auch spürst, arbeitest du ja auch mit so einer Vehemenz an den einschneidenden Veränderungen in deinem Leben, nicht wahr?
    Ich stelle mir nun deine Büchse der Pandora in der näheren Betrachtung als eine Kommode mit vielen Schubladen vor. Jede Schublade hat einen eigenen Schlüssel. Wenn du jetzt alle Schubladen auf einmal aufziehst, wird schon diese Tätigkeit schwierig, denn du musst ja zunächst mal alle Laden entriegeln. Aber würden trotzdem alle Schubladen aufgezogen sein, verlörest du sofort den Überblick, weil die Laden sich gegenseitig überdecken. Also wäre die richtige Taktik sicher, die Schubladen – deine Problemfelder – nacheinander zu sichten nach ihrem Inhalt und dann versuchen, Ordnung da rein zu bringen.
    Die Schlüssel sind sehr wichtig – denn sollte mal eine Schublade von allein aufspringen, brauchst du ihn, sie wieder zu verriegeln. Eigentlich habe ich mit dem Beispiel versucht zu visualisieren.
    Um noch kurz dabei zu bleiben denke ich, du suchst noch nach einer Bedienungsanleitung, wie du für dich am besten mit den Schlüsseln und Schubladen umgehen kannst.
    Wenn ich deine treffenden und komplexen Selbstanalysen lese, glaube ich, das du die Bedienungsanleitung wahrscheinlich meistenteils selbst erstellen kannst. Weiter glaube ich auch, das du kein Problem damit hast, um Hilfe zu bitten, wenn`s mal unlösbar hakt.
    Ich glaube weiter, das du sehr viel Liebe in dir trägst und bin sicher, das du mit der Zeit in der Lage sein wirst, sie nicht nur auszuhalten, sondern sie auch zu geniessen.

    Ich schließe vorerst mit ganz lieben Grüßen

    Dein Roger

    1. Mein Lieber.

      Ich bin gerührt von deinem Kommentar. Die Metapher mit der Kommode ist wunderschön und passt so gut. Vielen Dank dafür. Dieses Bild hilft mit enorm weiterhin Schritt für Schritt aufzuräumen, anstatt alles auf einmal angehen und “spüren” zu wollen.

      Ich werde deine Worte gleich im nächsten Post verarbeiten.

      Nochmals meinen herzlichsten Dank dafür!

      Deine Lena <3

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.