Tag 251:
Der Frieden in mir

Seit etwa einem Jahr begleitet ein Mann mein Leben, der mich in den letzten 12 Monaten so viel Kraft gekostet hat, wie kein anderer. Die Interaktionen und Momente mit ihm, waren für mich nie einfach, weil wir so ganz anders sind und eine ganz andere Perspektive auf das Leben haben. Wir sind wie Feuer und Wasser oder wie Yin und Yang. Er hat mich immer wieder aus meiner gemütlichen Komfortzone herausgebracht und mein Wachstum stimuliert – ebenso wie kein anderer. Und dafür bin ich in der Rückschau sehr dankbar.

Eigentlich war zwischen uns nie viel. Ein bisschen digitales Flirten, wenige gemeinsame Momente und ein ganz klein wenig mehr. Er ist ein Ex-Kollege. Wir trafen uns mal auf der Arbeit, mal auf einen Drink und ich besuchte ihn im letzten September für ein Wochenende.

Um ehrlich zu sein, ist er trotz des wenig Greifbaren, der Mann, der mein Fass voller Problemen mit Männern im letzten Jahr zum Überlaufen brachte. Denn in der Nacht, in der ich mich entschied ein Jahr ohne Männer bzw. ohne Sex zu sein, beendete ich nicht nur final die Beziehung zu meinem Ex-Freund, sondern auch die zarten Kennenlernversuche zwischen ihm und mir. Ich habe hier nie viel von ihm geschrieben, weil dazu zu wenig zwischen uns war, das meine Emotionalität ihm gegenüber erklären könnte. Und doch beschäftigten er und sein Verhalten mich immer wieder sehr.

Zwei, die auf verschiedenen Ebenen funken

Damals als das mit ihm begann, war ich gerade in der Trennungsphase mit meinem Ex-Freund. Wir hatten uns noch einmal ein paar Wochen gegeben, um über unsere Zukunft nachzudenken. Aber eigentlich war mir schon damals klar, dass er nie in der Lage sein wird, mir das zu geben, wonach ich mich in einer Beziehung sehne, weil wir aufgrund des Altersunterschieds und seiner Lebensweise einfach in ganz unterschiedlichen Lebensphasen waren. Er war ein Mensch, der niemals still stehen konnte bzw. wollte und das kollidierte immer wieder mit mir, die die Ruhe so sehr liebt. Genau in dieser Zeit tauchte besagter Ex-Kollege auf der Bühne meines Lebens auf. Besser gesagt: zu diesem Zeitpunkt nahm ich ihn zum ersten Mal als mehr als einen Kollegen wahr. Meine Motivation ihn zu besuchen, war daher eine Mischung aus einem Ablenkungsversuch von dem, was emotional gerade vor meiner Haustür passierte und dem Wunsch ihn besser kennenlernen zu wollen. Im Nachhinein betrachtet natürlich ein toxischer Mix. Ein Abwehrmechanismus meines Unterbewusstseins, das den Schmerz der Trennung nicht durchleben und Aufmerksamkeit von wo auch immer bekommen wollte. Der Versuch meines Egos an dem Leben mit meinem Ex festzuhalten, weil sie beide in Vielerlei Hinsicht sehr viel Ähnlichkeiten haben. Und das Nicht-Annehmen meines Lebensweges, der mich in eine neue and ganz andere Richtung führen wollte. Ich hatte eine Lücke in meinem Leben und hoffte, dasss er sie füllen möge. Das Schicksal hatte sich allerdings eine ganz andere Funktion für ihn in meinem Leben ausgedacht, aber ich war damals noch viel zu zielorientiert, um das zu sehen und mich darauf einzulassen.

Die kleinen Flirts unserer digitalen Kommunikation taten mir gut. Auf dieser Ebene war unser Austausch oft sehr kurzweilig, lustig und unterhaltsam. Es war ein wenig Balsam auf die Wunden meines Herzens. Also buchte ich Flüge und flog zu ihm. Damals dachte ich noch, dass ich mein Glück im Außen finden könnte… Leider verlief das Wochenende überhaupt nicht so wie erhofft. Er ist ein wunderbarer und interessanter Mensch. Ich finde ihn wunderschön, sehr attraktiv und aus seinem Lachen strahlt ein großes Herz. Und dennoch kamen unsere Gespräche einfach nicht in Gang. Ich hatte das Gefühl, dass die Wellenlänge zwischen uns einfach nicht stimmt. Wir haben nicht diese besondere Verbindung von Herz-zu-Herz bzw. Seele-zu-Seele, die ich sonst bei meinen Freundschaften so wertschätze und die aus normalen Momenten, besonders bereichernde Erinnerungen werden lässt. Wir können reden, aber es fehlt die Leichtigkeit, der Flow, bei dem ein Wort das nächste ergibt und auch der Tiefgang unserer Unterhaltungen hatte tiefer sein können.

Ich spürte schnell, dass wir eine andere Vorstellungen hatten, unsere Zeit miteinander zu verbringen. Dem Wochenende fehlte es an Nähe, Küssen und einer gleichen Vorstellung der guten Dinge. Stattdessen liefen wir von einer Enttäuschung zur nächsten. Trotz allem hatte ich Sex mit ihm – so wie es meinem alten Muster entsprach. Und weil diese besondere Verbindung zwischen uns fehlte, ärgerte ich mich schon als wir noch dabei waren, mich doch wieder auf so eine Geschichte eingelassen zu haben, weil ich mich dabei einfach leer fühlte und es nicht genießen konnte. Ich erinnere mich wie ich danach ins Bad ging, in den Spiegel schaute und mir leise Tränen über meine Wangen rollten. Ich war einfach so sehr von mir selbst enttäuscht, dass ich wieder versucht hatte Nähe durch Sex zu erzeugen und damit gescheitert war.

Seit dem letzten Jahr haben wir uns nicht mehr gesehen. In der Zeit habe ich ihn mehrmals zum Teufel geschickt, weil er mir zwar süße Nachrichten schrieb, es aber nicht schaffte mich nach ganz oben auf seine Reise- und Besuchsliste zu setzen. Mit Männern, die mich zwar zu sich einluden, aber die nicht bereit waren ihre Pläne entsprechend so anzupassen, damit ein Treffen mit mir Raum und Zeit findet, hatte ich in den letzten Jahren zu viele schlechte Erfahrungen gemacht. Es ist die Art von Beziehungen, die dann in der Regel eher einseitig vorangetrieben worden und der andere meist den passiven bzw. unnahbaren Part hatte. Daher stellte ich mich auf stur und sagte wieder und wieder: “Wenn du mich wirklich sehen willst, wirst du das schon hinbekommen! Du kannst mich gern jederzeit in Hamburg besuchen kommen, aber ich bin nicht bereit erneut auf dich zuzugehen, während du es dir gemütlich machst und mich den Rest tun lässt.” Insbesondere deshalb nicht, weil er quasi im Flieger wohnt und ständig unterwegs ist.

Ich schlug ihm dabei oft die Tür vor der Nase zu, wenn er sich aus meiner Perspektive betrachtet mal wieder “falsch” verhielt und mir nicht ausreichend Aufmerksamkeit zukommen ließ. Gleichzeitig hatte ich aber auch das Gefühl Mauern zu bauen und mich zu verschließen. Es fühlte sich leichter an, ihn wieder und wieder aus meinem Leben zu jagen, als in mir nach dem Schalter zu suchen, der diese zwischenmenschliche Beziehung heilt.

In den letzten Tagen war es mal wieder soweit, dass er in der Nähe war. Er war in Berlin und ich in Hamburg – nur zwei Stunden mit dem Zug entfernt. Aus meiner Sicht ein Katzensprung, wenn es einem wirklich wichtig ist den anderen zu sehen. Schließlich bin ich für meinen Ex die Strecke Hamburg-Berlin so oft gefahren. Und doch schaffte er es auch diesmal nicht, die Fahrt auf sich zu nehmen bzw. seine Pläne entsprechend so zu gestalten, dass ich darin entsprechend Platz fand.

Ich merkte wie mein Ego darauf ansprang. Es wollte von ihm gesehen werden und fühlte sich durch sein Verhalten unwichtig und zurückgesetzt. Ich merkte, wie mich seine (digitale) Präsenz in meinem Leben aufwühlte und mich aus meinem Frieden brachte. Dieser Unfrieden kam immer auf, wenn er sich mal wieder etwas intensiver meldete. In den Phasen bin ich angespannt und aufgedreht, schlafe schlecht und schaue viel öfter auf mein Telefon als normal.

Im letzten Jahr, dachte ich immer, dass er sich ändern müsse, damit wir zusammen eine gute Zeit haben könnte. Doch wie bereits im letzten Post geschrieben, habe ich meine Einstellung dazu geändert. Je mehr ich mich über ihn ärgerte und darüber, wie er es einfach nicht hinbekam, ein Treffen mit mir zu planen oder ein Zeitfenster dafür freizumachen, desto mehr ging ich in mich und dachte nach, was mich daran eigentlich störte. Ich meditiere stundenlang, um meinen Frieden mit der Situation zu machen und fragte mich, was Gott in dieser Situation machen würde.

Nachdem ich mich wie gesagt schon einige Mal stur gestellt und ihn zurück gewiesen hatte, habe ich mich diesmal dazu entschieden einfach mal ein anderes Verhalten auszuprobieren und zu schauen, was dabei passiert. Ich entschied mich dazu mein Herz noch weiter zu öffnen und noch gutmütiger, geduldiger und achtsamer zu sein. Ich entschied mich alle Enttäuschungen des Moments und der Vergangenheit hinter mir zu lassen und mich zumindest mit ihm auf einen Kaffee zu treffen, da ich ohnehin nach Berlin musste – auch wenn er nur eine Stunde Zeit hatte.

Früher hätte ich solch ein Treffen abgelehnt. Es fühlte sich nicht wertschätzend an. Irgendwie schafft er es mit seinem Verhalten immer, dass ich mich mit ihm nur wie eine unter vielen fühle und es kommt mir so vor, dass er unseren Treffen kaum Bedeutung zukommen lässt. Doch nachdem ich mein Ego immer und immer wieder in die Ecke stellte, überlegte ich mir tausend andere Gründe, die sein Verhalten begründen könnten. Ich entschied mich dazu, damit aufzuhören verstehen zu wollen, warum er so handelt wie er es tut und das Treffen mit ihm einfach als Experiment zu sehen. Ich traf ihn, um zu lernen noch mehr bei mir zu bleiben, meine Seite der Beziehung aufzuräumen, um aufzuhören zu bewerten und Hypothesen zu bilden und v.a. um nach all der Zeit die Beziehung zwischen uns endlich auszuheilen bzw. meinen Frieden damit zu machen.

Nachdem unsere Treffen und Interaktionen der Vergangenheit – sagen wir – suboptimal liefen, wollte ich dass wir uns noch einmal vorurteilsfrei und ohne Erwartungen gegenübersitzen können und das, was war, mit dem, was ist, überschreiben können. Ich wollte so sehr nicht nur glauben, dass er ein toller Mensch ist, sondern diesem Menschen auch endlich einmal real begegnen, nachdem unsere vorherigen Treffen eher oberflächlich und anstrengend waren – zumindest aus meiner Perspektive. Und ich wusste, dass der einzige Weg, der dazu führen kann, der ist, dass ich bei mir bleibe sowie ihm urteilsfrei, ohne Erwartungen und mit einem weit geöffneten Herzen begegne.

Ich merkte schon auf dem Weg zu unserem Kaffee-Date, dass ich enorm angespannt war. Ich fühlte mich ein wenig wie in einer Prüfung. Werden wir uns diesmal besser verstehen? Werden wir diesmal besser miteinander reden können? Schaffe ich es diesmal voll und ganz bei mir zu bleiben? Irgendwie war ich viel mehr in meinem Kopf, als ruhend in mir. Bevor ich ihn traf, setzte ich mich daher noch ein paar Minuten auf eine Bank, meditierte, versuche mich mit mir zu verbinden und mein Herz zu öffnen. Vollkommen entspannt zu sein gelang mir leider nicht. Aber dennoch hatten wir bei diesem Treffen das erste Mal ein einigermaßen gutes Gespräch. Keine Unterhaltung, die wir ewig fortführen könnten – dazu gehen uns dann doch immer zu schnell die Themen aus – aber zumindest ein Schritt in die richtige Richtung.

Für mich hat mir diese eine Stunde meinen Frieden mit ihm zurück gebracht. Ich kann ihn jetzt als den wundervollen Menschen sehen, der er ist, ohne ihn ändern zu wollen. Wenn ich zurückdenke, bin ich verdammt froh, dass alles so kam, wie es gekommen ist, denn auch wenn mich das alles in den letzten Monaten wahnsinnig viel Kraft gekostet hat, bin ich daran so sehr gewachsen. Wenn wir in einer Stadt wohnen und uns öfter sehen würden, dann würde sich die Anspannung vielleicht auflösen und ich würde ganz normal mit ihm umgehen können. Vielleicht hätte wir dann auch wirklich tiefgründige Gespräche, die die ganze Nacht andauern würden. Ich weiß auf jeden Fall, dass es viel mehr an mir liegt, dass ich unsere gemeinsamen Momente als nicht ganz leichtgängig empfinde, weil ich es bin, die nicht vollends sie selbst ist.

Ich denke, die Anziehungskraft, die er auf mich ausübte, war vor allem darauf begründet, dass ich manchmal gern ein wenig mehr wie er wäre. Er ist so lebendig und im Außen und ich tauche manchmal so sehr in mich an. So wie ich es liebe zu meditieren und für mich zu sein, hat er zigtausend Freunde und ist ständig unterwegs. Ich würde auch gern mit weniger Schlaf auskommen, um die ganze Welt fliegen können, ohne vom Jetlag geplagt zu sein und irgendwie alles ein kleines bisschen weniger ernst nehmen. Es ist entspricht mehr dem Leben auf dem Plakat.  Manchmal scheint es dann so, dass so ein Mensch in meinem Leben, mir einen Zugang zu diesen Aspekten geben kann, die ich mir eigentlich ein klein wenig mehr für mich selbst wünsche. Und doch weiß ich, dass diese Lebensweise nicht für mich gemacht ist und dass es nicht mein Leben wäre. Vielleicht könnte ich ein Stück mit ihm gehen, nur um dann zu erkennen, dass mein Weg in eine andere Richtung führt.

Mit ein wenig Abstand betrachtet, war der Stress mit ihm wie das letzte Aufbäumen meines Egos, das in diesem anderen Leben mehr Futter bekommen würde, um weiter zu existieren. Es ist vor allem ein weiterer Schritt mich so anzunehmen, wie ich bin – vor allem auch damit, dass ich eben nicht so “cool” bin, jede Nacht feiern zu gehen und ständig auf Achse zu sein, sondern dass ich – wenn ich ehrlich zu mir bin – eher die bin, die gern auch mal 22 Uhr ins Bett geht, um am nächsten Morgen früh wach zu sein und viel Zeit für meine täglichen Yoga- und Meditationsroutinen zu haben. Das tut mir so sehr gut – auch wenn es für manche langweilig scheinen möge. Ich mag mein Leben heute so wie es ist. Der Dalai Lama tanzt auch nicht auf jeder Party. Und das ist viel mehr mein Weg als der eines ständig unter Strom stehenden Investmentbankers. Damit meinen Frieden zu machen, ist ein weiterer Schritt der Erlösung.

Es ist schön diesen Perspektivenwechsel zu sehen. Vor einem Jahr war halles was ich wollte, eine glückliche Beziehung. Dafür gab ich alles, kämpfte und rieb mich auf. Ich dachte wirklich, dass dies mein Leben reicher und mich glücklicher machen würde. Heute sehe ich die Welt ganz anders. Ich bleibe heute ganz anders bei mir und verstehe mich, meine Gefühle und mein Verhalten selbst viel mehr. Auch meine Erwartungen und Wünsche an das Leben sind andere. Vielleicht ist noch nicht alles perfekt, aber gerade ist auf jeden Fall einfach alles gut. Und mit ihm, habe ich auch mit dem letzten Mann meiner Vergangenheit, mit dem noch nicht alles im Reinen war, meinen Frieden gemacht. Ein schönes Gefühl, so ganz ohne Altlasten zu sein.

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