Tag 260:
Zwei Welten

In den letzten Tagen habe ich mich oft gefragt wie es dazu kommt, dass ich mit manchen Menschen direkt auf einer Wellenlänge bin und mit anderen so gar nicht.

Warum verstehe ich mich mit bestimmten Personen auf den ersten Blick blendend und führe mit ihnen von Anbeginn an tiefgreifende und bereichernde Gespräche und mit anderen kratzen die Treffen nur an der Oberfläche und gehen irgendwie nicht tiefer?

Warum brauche ich von manchen Menschen Bestätigung ihrer Zuneigung und bei anderen weiß ich einfach, dass wir im Kern so sehr verbunden sind und es keiner rituellen Manifestationen dieser gegenseitigen Wertschätzung braucht?

Warum bin ich meinen besten Freunden kein klitzekleines bisschen böse, wenn sie sich Zeit für sich nehmen und auch mal Verabredungen absagen, und bei anderen Menschen interpretiere ich das als Zurückweisung und Abwertung?

Warum kann ich manche Menschen ganz einfach loslassen und bei anderen fällt das Loslassen so sehr schwer und auch, wenn ich weiß, dass es richtig ist, bleiben sie in meinen Gedanken noch ganz lange bei mir?

Was macht diesen kleinen aber feinen Unterschied aus, dass man aus einem Treffen geht und sich sagt: „Wow, das war gerade ein toller Moment!” und sich nicht einfach umdreht, geht und das Treffen ganz schnell wieder vergessen ist.

Bei all den Unterschieden bin ich doch immer noch der gleiche Mensch. Warum nehme ich zwei sehr ähnliche Situationen oft ganz unterschiedlich wahr und verhalte mich entsprechend ganz anders? Liegt es an mir oder an meinem Gegenüber? Und gibt es einen Schalter, den man drücken kann, damit die Zeit mit jedem Menschen genauso wundervoll ist, wie wenn ich sie mit meinen besten Freunden verbringen?

Für mich ergibt genau eine Sache den Unterschied: Ob jemand es schafft mein Herz zu berühren. Damit meine ich nicht, dass ich mich zwangsläufig in ihn verliebe. Nein. Ich meine dabei eine ganz bestimmte Faszination für den anderen, der mich durch seine Taten und seine Fürsorge begeistert. Menschen, die nicht nur für ihren eigenen Vorteil wirken, sondern die darüber hinausgehen. Denen nicht ihr Status und ihre Erfolge, sondern ihr tiefes und innerlich empfundenes Glück wichtig sind. Personen, die gut und liebevoll mit anderen umgehen und denen der Respekt und die Wertschätzung der anderen wichtig sind. Empathische Menschen, in deren Verhalten sich eine gute Seele spiegelt. Kurz: Menschen, deren wahres Selbst weiter hervorschaut und entwickelt ist als ihr Ego.

Wenn ich diese Mensche anschaue, dann strahlen und leuchten sie förmlich in meinen Augen. Ich bewundere ihre Werte und ihre Einstellung zum Leben. Menschen mit einem weit geöffneten Herzen, die Nächstenliebe verkörpern. Genau diese Art von Mensch begeistert mich und mit diesen Menschen spüre ich diese tiefe Verbindung und das Gefühl als wenn man sich schon ewig kennt, obwohl man sich oft gerade erst begegnet ist. Im Zusammensein mit diesen Menschen fühle ich mich so, wie ich mich gern immer fühlen würde. Voller Liebe, rein, echt, absolut angenommen und da. Und genau deshalb verbringe ich so gern Zeit mit ihnen. Sie öffnen mir das Tor zu der Welt, in der ich gern dauerhaft Leben möchten.

Einer meiner Ex-Freunde war so ein Mensch. Äußerlich war er eigentlich nicht mein Typ – er war kleiner als ich und entsprach nicht dem Bild eines Mannes, den ich attraktiv fand. Und doch machte er mich glücklicher als jeder Mann davor. Er hatte eine charakterliche Größe und Reflektiertheit, die ihn zu etwas ganz Besonderem machten. Status interessierte ihn nicht. Er ruhte in sich und war mit dem Leben – so wie es war – zufrieden, ohne ständig nach mehr zu streben. Er war einfach er und so – abseits des „höher, schneller, weiter“ – fähig den Moment zu genießen. Genau dafür himmelte ich ihn an. Er war für mich mein moralischer Kompass und ein Vorbild an Reife und Integrietät. Die Zeit, in der wir zusammen waren, war einfach eine wunderschöne und ganz besondere in meinem Leben. Und ich denke noch heute gern daran zurück.

Ich war damals leider noch nicht so weit dauerhaft mit ihm zu leben. Dafür waren wir damals einfach zu verschieden und ich sehe ihn heute eher als Weggefährten als Lebenspartner. Ich musste erst noch in eine ganz andere Richtung abschweifen und meine eigenen Fehler machen. Die Bodenständigkeit und Einfachheit, die ich an ihm so sehr liebte, habe ich für mich erst in den letzten Monaten entdeckt. Und weil er mir immer den Spiegel vorhielt und zeigte wo ich noch Defizite hatte, hielt es mein Ego nicht aus bei ihm zu bleiben und ließ sich von einem Menschen faszinieren, der diesem anderen Teil in mir Futter gab.

Der andere war ein Mann, der im Rampenlicht stand und den jeder bewunderte. Ein Mann, der auf dem Papier wahnsinnig viel erreicht hatte. Er eröffnete mir den Zugang zu einer Welt, die ich bis dahin als absolut erstrebenswert ansah und mein Ego genoss es endlich in ihren inneren Kern vorzudringen.

Genau hier jedoch lagen viele meiner Probleme begründet. Denn in mir gab es die Illusion von einer Welt, von der ich wegrannte und einer anderen Welt, zu der ich mich unbedingt zugehörig fühlen wollte. Die eine Welt ist die Welt der Annahme, Liebe und Hingabe. Die andere Welt ist die des Ego. In der einen Welt darf ich sein wie ich bin und werde genauso akzeptiert, in der anderen Welt muss ich mich anstrengen und mich stets von meiner besten Seite zeigen, damit ich dazugehöre.

Wenn ich mit Menschen bin, die annehmend sind, fällt es mir leichter diese Wahrnehmungswelt aufrecht zu erhalten. Deshalb fühle ich mich nach dem Zusammensein mit solchen Menschen auch so bereichert und energetisch aufgeladen. Im Gegensatz dazu fühle ich mich nach Treffen mit bewertenden Menschen platt, erschöpft und merke wie ich selbst viel mehr in der Bewertung bin. Es braucht viel Kraft und Energie, um die Bewusstseinsebene so hoch zu halten, dass ich auf der Seite des kontinuierlichen Wohlwollens und Annehmens bleibe und nicht ins Bewerten abrutsche. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass mir das immer spielend leicht gelingt. Doch in Momenten, in denen es mir schwer fällt, geht es darum diese Bewusstseinsänderung achtsam wahrzunehmen und diese Sicht auf die Welt wieder loszulassen.

Je öfter ich abrutsche und meinen Weg zurück finde, desto leichter fällt es mir bewusst zu bleiben. Wenn ich früher gar nicht gemerkt habe, was da gerade mit meinem Geist los ist und ich vollkommen mit meinen Bewertungen identifiziert war, fällt es mir heute wenigstens auf und ich kann mich bewusst zurück in die Achtsamkeit bewegen.

Solange ich noch dabei bin zu lernen, den bewussten Geisteszustand aufrechtzuhalten, solange wird es mir wohl auch noch schwerer fallen mit den Menschen aus der anderen Welt umzugehen. Doch je mehr ich trainiere und es schaffe bei mir zu bleiben – egal wie negativ und bewertend mein Umfeld ist – desto eher werde ich in der Lage sein den Strudel der negativen Gefühle umzukehren und anderen abseits aller Bewertung ein Gefühl liebevoller Hingabe und Annahme zu vermitteln.

 

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