Tag 250: Liebe ist wie ein Muskel

Manchmal treffen wir Menschen, in deren Gegenwart wir uns unwohl fühlen oder zumindest unwohler als wir es gewöhnt sind. Menschen, mit denen man nicht direkt auf einer Wellenlänge liegt, die unsere Gutmütigkeit und Geduld herausfordern. Mit denen es irgendwie anstrengender ist, als mit unseren guten und vertrauten Freunden, die uns aus unserer Komfortzone bringen, ungeliebte Emotionen triggern oder uns unruhiger oder unglücklicher fühlen lassen, als wir es normalerweise von uns kennen. Menschen, die wir am liebsten aus unserem Leben verbannen, vor denen wir weglaufen möchten, bei denen es uns schwer fällt unser Herz offen zu halten und sie so akzeptieren wie sie sind.

Was ist, wenn ich dir sage, dass es nicht oder nur sehr bedingt wirklich an den anderen Menschen liegt, wie du dich mit ihnen fühlst und viel mehr an deinem eigenen Film, der in dir abläuft? Was wäre, wenn du selbst entscheiden kannst, welchen Film du in den Projektor legst und abspielst? Und wenn sich dadurch deine ganze Welt verändern würde. Einfach nur, weil du die bewusste Entscheidung dafür triffst, Dinge anders und abseits jeglicher Illusionen, vergangener Erinnerungen und falscher Glaubenssätze zu sehen?

In den letzten Wochen habe ich genau diese Entscheidung getroffen. Ich habe einen anderen Film eingelegt und meine Welt sieht heute ganz anders aus. Was aber noch wichtiger ist: Meine Beziehungen zu anderen Menschen haben sich maßgeblich verändert. Und das Geheimnis: Ein Leben im Moment.

Zu dieser Veränderung inspiriert hat mich das Buch “Jetzt! Die Kraft der Gegenwart” von Eckhart Tolle. Ich habe es als Hörbuch gehört und höre es immer und immer wieder, weil es so viele Wahrheiten und Weisheiten beinhaltet. So viele, dass man die Kraft aus den einzelnen Zeilen nur Stück für Stück begreifen kann und ich bei jedem neuen Anhören, neue Erkenntnisse sammle.

Die Quintessenz, die ich dabei für mich mitgenommen habe, ist dass alles Leid ein Ende hat, wenn wir gegenwärtig sind, im Moment leben und es schaffen alles andere an unnötigen Gedanken an Gegenwart und Zukunft auszublenden. Quasi wie bei der Meditation, nur über die Dauer der Meditationssitzungen hinaus. Ehrlich gesagt ist das ganze Hörbuch wie eine lange Meditation. Es hat mich so in die einzelnen Kapitel hineingezogen und jedes einzelne Wort hat mich allein beim Zuhören unglaublich beruhigt und geerdet.

Seitdem praktiziere ich wahnsinnig tiefe und lange Meditationen. Ich tauche so tief in die einzelnen Momente ein. Und je tiefer und länger ich diese Zustände aufrecht erhalte, desto mehr bin ich auch in der Lage, dieses Grundgefühl von Liebe und Fokussiertheit im Alltag aufrecht zu erhalten. Es fällt mir heute leichter in unangenehmen Situationen präsent zu bleiben und wie ein neutraler Beobachter zu betrachten, was da eigentlich gerade genau in mir vorgeht. Und seitdem ich dazu in der Lage bin, hat sich beispielsweise das Verhältnis zu meiner Familie in ein ganz anderes Licht gerückt.

Mein Leben lang, bin ich vor dem Leben, das sie leben, weggelaufen. Mein “höher, weiter, schneller” war immer ein “weg von dem langsamen und einfachen Leben”, aus dem ich herkomme. Es war ein Abwehrmechanismus, der mich in eine andere Welt gebeamt hatn und in dem meine Wunden nicht immer und immer wieder aufrissen. Es schien leichter in eine andere Welt ein- und abzutauchen, als mich so anzunehmen, wie ich bin. Denn das Zusammensein mit meiner Familie war v.a. auch deshalb immer so schwer, weil ich das, was ich an ihnen ablehnte, zuallererst an mir ablehnte. Und da ich von ihnen abstamme und ein Teil dieser Familie bin, habe ich natürlich Ähnlichkeiten mit ihnen, die ich ungern sehe. Ich wollte anders sein. Denn das Leben, das sie leben, schien für mich weder glücklich noch erstrebenswert.

Wenn ich mit meiner Familie zusammen war, versteckte ich mich hinter Büchern und grenzte mich ab, weil ich in meinem Kern nicht dazugehören wollte. Ich versuchte den Momenten zu entkommen und statt diese Eigenschaften anzunehmen und zu integrieren, lief mein Verstand in Vergangenheit oder Zukunft. Ich durchlebte schmerzhafte Kindheitserinnerungen oder schwelgte in Träumen von einer schönen Zukunft. Nur bewusst im Moment war ich nie bis selten.

Über Jahre habe ich mich deshalb nach einer anderen Familie gesehnt – Menschen, die mehr so sind wie ich und mit denen ich mehr zu bereden bzw. ähnliche Interessen habe. Ich habe mir gewünscht, dass sie sich ändern und ihre Themen angehen mögen. Ich habe im Außen nach einer Lösung für das Problem gesucht. Nur dort war sie nicht zu finden. Es war eine lange und sinnlose Suche nach Erlösung von familiärem Leid.

Ich habe gelernt dies zu ändern. Ich habe mich bei den letzten Begegnungen mit meiner Mama und meinen Großeltern entschieden bewusst nicht wegzulaufen, sondern im Moment zu bleiben und dabei ganz intensiv zu spüre, was dabei in mir vorgeht. Ich habe dabei jeweils wahrgenommen, welche Impulse und Gedanken gerade aufkommen und habe sie beobachtet, reflektiert, hinterfragt und neu zugeordnet. Anstatt, dass ich die Schuld bei der Gegenseite gesucht habe, habe ich meine Seite der Beziehung aufgeräumt und habe das Verhältnis sowie meine Impulse neu bewertet. Ich habe mich darauf fokussiert, meinen jeweiligen Gegenüber als wundervolles Wesen wahrzunehmen und mit all meiner Kraft zu lieben. Und wenn es mal schwer wurde, dann habe ich noch mehr in mich hineingespürt, noch länger meditiert und die Unruhe bzw. Dunkelheit noch mehr mit Liebe ausgeleuchtet. So lange und so viel, bis ich mit der Situation bzw. Person im Frieden war. Ich habe aufgehört Angriffsgedanken zu hegen oder mich angegriffen zu fühlen. Ich habe mein Ego abgelegt und aufgehört mir zu wünschen, dass sich die Welt der anderen ausschließlich um mich drehen möge. Dazu gehörte auch mich bzw. mein Ego-Ich, nicht mehr so Ernst zu nehmen. Ich habe diesen Teil von mir einfach immer wieder bewusst in die Ecke gestellt und mir klar gemacht, dass es hier gerade wieder mein Ego ist, dass versucht Aufmerksamkeit zu bekommen. Und vor allem habe ich immer und immer wieder mein Herz geöffnet, mich in einen Zustand der Entspannung gebracht, tief durchgeatmet und die Regenwolken meiner Gedankenwelt weggeschoben, sodass das Licht auch bis in den letzten Winkel scheinen konnte.

Ich habe verstanden, dass ich für all mein Leid selbst verantwortlich bin, weil ich den entsprechenden Film ausgewählt und in den Projektor geschoben habe. Ich allein habe mir erlaubt abzuschweifen und unbewusst zu werden. Und nur ich allein kann den Film anhalten und wechseln. Kein anderer und auch nichts anderes, von dem ich hoffe, dass es mich glücklich macht, kann das für mich tun. Jedes Mal, wenn ich mich allein und ungewollt gefühlt habe, war ich es, die die Gegenwart verlassen und im Blut alter Wunden gebadet hat. Jedes Mal, wenn ich sehnsüchtig auf etwas hoffte, war ich es, die in die Zukunft abgedriftet ist und dort nach Erlösung gesucht habe. Auch jeder Wunsch nach einer glücklichen Beziehung war ein solches Abschweifen und dem Moment entfliehen, anstatt mich mit dem Moment auszusöhnen und in genau diesem Glück und Frieden zu finden.

Ich bin wahnsinnig froh, dass sich die viele Arbeit der Vergangenheit ausgezahlt hat und dass meine Familie und ich miteinander auf einem sehr guten Weg sind. Die letzten Jahre waren wichtig, um all die unausgesprochenen Dinge und alten Emotionen aufzudecken, zuzulassen und abzuarbeiten. Aber jetzt, wo dies erledigt ist, konnte ich – durch die vollkommene Präsenz im Moment – damit aufhören, neue negative Emotionen entstehen zu lassen. Ich konnte den alten Dynamiken ein Ende bereiten und auf dem frisch ausgesähten Rasen, können nun neue Blumen wachsen, nachdem das Unkraut der Vergangenheit herausgezogen ist.

Liebe, Achtsamkeit und Wohlwollen sind wie Muskeln, die trainiert werden wollen. So lange, bis sie stark genug sind, dass sie auch die größten Herausforderungen mit Leichtigkeit überstehen. Und so merke ich, dass sich nicht nur meine Beziehung zu meiner Familie ändert, sondern dass ich auch viel mehr bei mir bleibe, wenn ich mit anderen Menschen zusammen bin, die mich aus meiner Komfortzone bringen.

Ich glaube heute, dass ich all die Wände, gegen die ich in der Vergangenheit gelaufen bin, gebraucht habe, um dies zu lernen und mein Leben zu befrieden. Denn der Friede in mir, ist die Erlösung von allem Leid. Der Schalter dazu, ist allein in mir zu finden. Nichts im Außen kann mir dieses Gefühl geben. Und indem ich aufhöre, darauf zu hoffen, dass sich die Außenwelt so ändert, dass ich mich in ihr wohlfühle, reflektiere und ändere ich lieber mich, um mit der Außenwelt besser und einfacher umgehen zu können.

Ich sehe heute jede herausfordernde Situation als neue Lernmöglichkeit, die mir hilft mein Herz noch weiter zu öffnen und noch mehr Licht in die letzten dunklen Ecken in mir zu leuchten. Daher bin ich auch für jeden Menschen, der ein wenig an meiner Welt rüttelt und mich aus meiner Komfortzone herausbringt, dankbar. Statt andere zu verändern oder zur Veränderung zu bewegen, bleibe ich einfach bei mir und mache meine Hausaufgaben. Und wenn ich nicht weiter weiß, dann frage ich mich: “Was würde Gott/Buddha/der Dalai Lama in dieser Situation machen? Was sehe ich, was der diese Instanzen nicht sehen würden? Was sehe ich nicht, was sie sehen würden? Und dann weiß ich, was ich tun kann, bleibe bei mir und schaffe Frieden.

Make love not war.

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