Tag 256:
Weil ich mir selbst nicht wichtig bin

In meinem letzten Post habe ich von emotionalen Mustern gesprochen. Verhaltensweisen, die wir rational für falsch erachten und denen wir doch immer und immer wieder in der einen oder anderen Form nachgehen. Mein emotionales Muster ist der Kampf – die Eigenschaft des Egos, das es liebt sich selbst zu beweisen. Seitdem ich denken kann, habe ich gelernt stark zu sein und zu kämpfen. Um ehrlich zu sein, weiß ich überhaupt nicht wie es ist, nicht zu kämpfen, weil ich mir immer wieder Lebenssituationen gesucht habe, in denen ich kämpfen konnte und gleichzeitig vor denen weggelaufen bin, wo ich es nicht musste bzw. brauchte. Ich habe es zu Beginn nicht für mich gemacht, sondern für meine Mama, die diese Hilfe dringend nötig hatte. Ich wollte nie, dass sie erkennt, wenn es mir schlecht ging und mich meine Mitschüler schlecht behandelten. Ich wollte nicht, dass sie durch mich noch mehr Probleme in ihrem Leben hat. Und so wurde ich zur Kämpferin – jede Sekunde meines “alten” Lebens.

Ich lernte früh nicht aufzugeben und all meine Kraft in die Dinge zu investieren, die ich wollte. Ich wollte aus der Armut und dem Plattenbau heraus und richtete meinen gesamten Fokus auf meine schulischen Leistungen, die mich in eine andere Welt tragen sollten. Ich lernte dabei meine eigenen Bedürfnisse unter den Tisch fallen zu lassen und funktionierte so, wie es von mir erwartet wurde. Der Blick in die Zukunft schien mir damals wichtiger als das Leben im Moment. Ich lernte dabei mich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Solange ich mich zusammenreißen und die letzten Kraftreserven mobilisieren konnte, arbeitete ich. Was so viel heißt wie: Solange ich nicht tot war oder halbtot auf dem Boden lag funktionierte ich und gestand mir meine Schwäche und den Bedarf nach Ruhe nicht ein. Ich konnte einfach nicht anhalten und nicht nicht funktionieren. Der einzige Grund, der mich zum innehalten brachte, war, wenn mein Körper krank wurde und mich ins Bett zwang. So lebte ich die letzten Jahre und Jahrzehnte. Ich verausgabte mich Mal um Mal und kam erst zum Stehen, wenn mein Körper mein Ego in die Schranken wies. Erst dann erkannte ich, dass ich mich und meine Gesundheit ernst nehmen müsse – solange bis alles wieder gut war und ich mit meinem selbstzerstörerischen Verhalten von vorn begann. Wieder und wieder und wieder.

Ich war diese Dynamik einfach so sehr gewöhnt, dass ich nicht ohne sie konnte. Sobald ich aufhörte zu kämpfen, fühlte sich mein Leben falsch an, denn den Kampf aufzugeben fühlte sich ungewohnt und bedrohlich an. Mein Leben wirkte dann leer, langsam und irgendwie entrückt. Wie der Hangover nach der verrückten Partynacht. Nicht zu funktionieren bzw. meine Grenzen zu setzen und zu verteidigen, war bisher eine enorme Herausforderung für mich und hat mir die größten Probleme in meinem Leben verursacht.

Genau dieses Verhalten zeigte sich auch in meinen Männergeschichten. Anstatt, dass ich mich einfach in die Hände der Jungs begab, die mir gut taten, steuerte ich zielsicher auf die zu, mit denen es anstrengend und kompliziert wurde. Und warum? Weil ich auch hier immer wieder den Kampf suchte. Ein Mann, mit dem ich mich von Anfang an gut verstand, wurde mir schnell zu langweilig. Mir fehlte dabei der Kitzel der Herausforderung. Dort hatte ich nichts wo ich kämpfen konnte. In einer harmonischen Beziehungen, die auf Liebe und nicht auf Kampf fußt, hat mein Ego keinen Platz. Im Gegenteil dazu zogen mich die unnahbaren Männer an wie Honig die Bienen. Es war sogar oft so, dass ich oft erst dann an einem Mann Interesse fand, wenn sich herausstellte, dass er nach dem ersten Date nicht gleich Feuer und Flamme für mich war und sich als Herausforderung entpuppte. Erst dann war meine Kämpfernatur gepackt und wollte erobern.

Weil ich mir selbst nicht wichtig war, sondern dieses belebende Gefühl des Kampfes – wenn die Stresshormone durch meine Adern flossen – an erste Stelle setzte, dachte ich auch immer, dass ich anderen nicht wichtig bin. Dies zeigte sich z.B. in der Geschichte, die ich im letzten Post beschrieben hatte. Anstatt einfach zu sagen: „Es scheint so, dass ich ihm nicht wichtig genug bin. Dann lass ich es halt. Es wird schon ein anderer kommen.“ suchte ich immer wieder nach Zeichen, dass ich ihm doch wichtig sei. Ein Bestätigung dafür, dass ich doch irgendwie wichtig bin, weil ich diesen Glauben in mir selbst nicht verankert hatte.

Ich beginne gerade zu erkennen, dass ich deshalb so oft in Beziehungen und mit Männern gescheitert bin, weil es nicht reichte, jemanden zu finden, dem ich wichtig genug war. Ich muss zuerst lernen mir selbst wichtig genug zu werden und meine Bedürfnisse anzuerkennen bzw. ihnen Raum zu geben. Sonst werde ich immer wieder die Menschen und Situationen anziehen, die mir dies lehren wollen. Solange bis ich es gelernt habe.

Ich habe einmal gelesen: „In anderen Menschen erkennen wir, wer wir wirklich sind.“ Wenn ich in anderen Menschen denke zu sehen, dass ich ihnen nicht wichtig bin, bin ich mir in Wahrheit selbst nicht wichtig. Wenn ich wünsche, dass ich ihnen wichtig werde, wünsche ich mir eigentlich, dass ich mich selbst wichtig genug nehme.

Ich bin gerade dabei dies zu lernen und es ist verdammt schwer. Jedes Mal, wenn ich anfange zur Ruhe zu kommen, merke ich, wie ich mich selbst sabotiere und mir neue Kampfplätze suche. Ist in meinem Leben gerade Mal etwas weniger los – sodass ich tatsächlich zur Ruhe kommen könnte – regt sich in mir die unerträgliche Leichtigkeit des Seins und stachelt mich zu neuen Herausforderungen an. Ich lerne dann eine neue Sprache, habe tolle neue Geschäftsideen oder beginne ein neues Studium. Tausend Dinge, die eigentlich nicht nötig sind und mich davon ablenken mich ganz auf mich und meine Bedürfnisse zu konzentrieren. Nicht zu kämpfen und dieses emotionale Muster abzulegen ist wohl die größte Herausforderung für mich. Und diese gehe ich jetzt an – solange bis ich auch diese Lektion gelernt habe. Und vielleicht schaffe ich es dann endlich dieses entspannte und ruhige Leben zu führen, nachdem sich meine Seele so sehr sehnt.

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