Tag 232:
Ich schicke mein Ego in den Sommerurlaub

Lange Zeit habe ich daran gezweifelt, ob ich gut und hübsch genug bin. Wenn ich ehrlich bin, habe ich bereits mein ganzes Leben das Gefühl, dass mich andere hässlich finden, mit dem Finger auf mich zeigen, hinter dem Rücken über mich lästern und mich abscheulich finden. Ich weiß, dass es nicht der Realität entspricht, aber es fühlte sich so an und prägte mein bisheriges Leben.

Um dieses innere Gefühl zu kompensieren, achtete ich umso mehr auf mein Äußeres. Es war mir oft nicht genug einfach gut auszusehen, viel mehr spürte ich einen Druck mein schönes Äußeres unbedingt beweisen zu müssen und setzte mich mit viel Aufwand in Szene, um Bewunderung zu bekommen. Ich wollte um jeden Preis vermeiden, dass mein inneres Gefühl durch äußere Reaktionen bestätigt werden könnte. Um meine inneren Gedanken des Defizits, baute ich einen Mauer des schönen Scheins, die ich mit aller Kraft aufrechtzuerhalten versuchte. Äußerlichkeiten waren mir bei mir selbst und anderen stets wahnsinnig wichtig.

Ich platzierte deshalb gern schöne und erfolgreiche Menschen um mich herum – schöne Männer, schöne Freunde, schöne Kleider und andere schöne Äußerlichkeiten wie Wohnung, Urlaube, etc. Sie waren mein Schutzwall gegen meine eigene Angst und Überzeugung hässlich zu sein.

Ich hatte schon im letzten Artikel darüber geschrieben, wie wichtig es für mich war einen „schönen Mann“ zu haben. Vor allem auch deshalb, weil ein schöner Mann ein enormer Kick für meinen Selbstwert war. Zum anderen, weil ich einen schönen Mann wollte, der mir schöne Kinder machen könnte. Denn „unschöne“ Kinder hätten ja auch auf eine bestimmte Art und Weise wieder auf mich und meine eigene Unschönheit schließen lassen. Attraktive Männer waren für mich in vielen Fällen wie die teure Designer-Handtasche oder der Sportwagen – Statussymbole des Egos für Anerkennung im Außen.

Ich habe daher einen Entschluss gefasst: Ich mache Schluss damit meinen Selbstwert durch Äußerlichkeiten anzureichern. Denn seit einiger Zeit fühle ich mich mit dem zur Schau stellen meiner Selbst einfach überhaupt nicht mehr wohl. Es fühlt sich eigenartig an, mein schönes Leben und mein schönes Äußeres in perfekten Posen zu präsentieren. Denn die Beweggründe dahinter sind oft die falschen. Und es ist mir einfach auch nicht mehr wichtig. Meine Zeit finde ich anders besser investiert.

Heute morgen zum Beispiel suchte ich nach einem passenden Outfit. Bei dem Sommerwetter fiel mir ein kurzer Jumpsuit in die Hände, der gerade mal eben meinen Po bedeckte. Früher hätte ich es genoßen viel Aufmerksamkeit für dieses sexy Outfit zu bekommen. Heute fühlte es sich falsch an. Ich habe nicht mehr das unbedingte Bedürfnis wie eine schöne Blume mit meinem Außen locken zu müssen. Ich weiß jetzt, dass ich schön bin – innen wie außen und muss das nicht mehr ständig beweisen.

Eine ähnliche Situation hatte ich gestern, als ich an der Ostsee war und anstatt einfach den Moment zu genießen noch ein paar möglichst schöne Bilder machen wollte. Fotos, die zeigen sollten wie „toll“ mein Leben gerade ist, anstatt mich in die Sonne zu setzen und die Stille und Schönheit des Augenblicks zu zelebrieren und in mich aufzusaugen. Am Anfang freute ich mich über die schönen Bilder, doch dann dachte ich mir: „Halt, hier ist doch etwas falsch. Für wen machst du das gerade?“ Und als ich ehrlich zu mir war, machte ich das viel mehr für „die anderen“ als für mich. Wenn ich ganz ehrlich war, machte ich es v.a. um einem gewissen anderen Mensch zu zeigen wie gut es mir gerade ging und wie toll ich dabei aussah. Ein Teil von mir wollte, dass er sich ärgert, dass er sich wieder und wieder gegen mich bzw. nicht genug für mich entschieden hat. Ein solches Verhalten ist wie ein sog. „revenge body“, der nach einer Trennung sagt: “Ich zeig es dir. Ich will, dass du dich ärgerst mich verlassen/betrogen/gehen gelassen/… zu haben.” Doch solch ein Verhalten spiegelt nur wild gewordenes Ego wieder, das um jeden Preis Anerkennung bekommen will. Es sorgt für kurze Highs, aber keinen nachhaltigen inneren Frieden. Denn den finden wir nicht darin, dass ein anderer dies oder jenes tut, sondern ganz allein in uns selbst. Ich entschied mich daher die Kamera wegzulegen und den Moment in seiner Gänze wahrzunehmen. Ein viel tieferes und nachhaltigeres Erlebnis, als die Welt nur durch die Linse bzw. das Display eines Smartphones zu sehen.

Früher war ein solches Vorgehen tatsächlich eine ganz typische Verhaltensweise von mir. Ich setzte mich in Szene, machte schöne Bilder und sendete sie an die Männer, die ich gerade datete. Ich wollte sie dadurch näher an mich binden und ihre Aufmerksamkeit bekommen. Leider habe ich erst in den letzten Monaten verstanden, dass man mit Äußerlichkeiten nur die Menschen anlocken kann, die auf Äußerlichkeiten Wert legen. Die Menschen, denen mein Inneres wichtig ist, werden sich von meinem natürlichen Wesen angesprochen fühlen sich nicht durch Äußerlichkeiten blenden lassen.

Da sich die ganze Darstellerei für mich zunehmend falsch anfühlt, habe ich beschlossen etwas zu ändern. Ich will meinem Ego kein Futter mehr geben. Ich will mich von ihm lösen und schicke es daher in den Sommerurlaub. Daher habe ich mir vorgenommen für die nächste Zeit auf das Posten von sexy Bildern am Strand oder anderen „Give me your attention“-Posts zu verzichten, die nur dazu dienen Aufmerksamkeit und Bestätigung zu bekommen. Ich bin mehr als meine äußere Hülle und ich will mich von ihr entidentifizieren.

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2 Gedanken zu „Tag 232:
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