Tag 238:
Besser als Sex

Die letzten Tage haben noch einmal große Veränderungen in meiner Gefühlswelt hervorgebracht. Ich war mit einem VW Bulli Bus in Dänemark und habe dort wieder gemerkt, wie wenig ich brauche um glücklich zu sein. Ein geschützter Schlafplatz, ein wenig Essen und vor allem die Weite des Meeres und die Schönheit der Natur. Ich schlief am Meer, meditierte morgens am Strand und machte Yoga mit Blick auf den blauen Ozean. Ich kochte meinen Tee und Haferbrei auf dem Gaskocher im Bus und setzte mich damit in die Sonne, hatte viel Zeit zum Lesen, Spazierengehen und meinen Gedanken sowie meiner Seele Raum zu geben. Wenn ich überlege, was die wirklich tiefgreifend glücklichen Momente in meinem Leben waren, dann waren es diese Momente der Einfachheit und der Verbundenheit mit der Natur: Meditieren in Indien ohne jegliche Kommunikation und nur ein wenig kaltem Wasser zum Waschen, das in einem kleinen Strahl aus der Wand kam, Trekken in Norwegen und Nepal, meine Rennradfahrten rund um Hamburg, …

In der letzten Woche fragte mich eine Freundin, ob ich mich bei meiner Bullitour nicht einsam fühlen würde. Ich wusste was sie meinte, denn früher habe ich mich beim Alleinreisen doch ab und zu einsam gefühlt. Ich fand es immer schöner gemeinsame Ausflüge zu machen und seine Erlebnisse mit jemandem teilen zu können. Allein fehlte mir irgendetwas. Ein wichtger Grund, warum ich mich so lange nach einer festen Beziehung gesehnt habe, war es einen beständigen Reisebegleiter zu haben, mit dem ich auf einer Welle bin und die Welt entdecken kann. Ich dachte, dass mein Leben dann „glücklicher“ wäre und dadurch all meine Träume in Erfüllung gehen würden, von denen ich dachte, dass ich sie mir selbst nicht erfüllen könnte. Doch irgendetwas hat sich geändert. Ich habe nicht mehr das Gefühl einsam und von einer anderen Person abhängig zu sein, die mich vollkommen macht. Ich habe verstanden, dass ich so wie ich bin vollkommen bin und ich alles habe, was ich brauche. Ja sogar im Gegenteil, ich bin gerade so glücklich mit meinem Leben, das ich mir gerade für mich so schön mache, dass ich überhaupt keine Sehnsucht mehr nach einer Beziehung haben und auch keiner anderen Person körperlich nah sein bzw. sie als Partner in meinem Leben haben will. Das Gefühl der Unvollkommenheit ist vergangen. Die Suche nach dem Glück in der Zukunft ist weg. Ich lebe heute vollkommen im Moment und habe verstanden, dass es nur darauf ankommt.

Sicher gab es auch früher diese Moment, in denen ich dachte, dass ich keine Beziehung brauche, weil mein Leben viel zu voll war und ich eigentlich gar keine Zeit für eine Partnerschaft hatte. Doch damals habe ich mein Leben künstlich vollgestopft, um der Einsamkeit in mir nicht ins Auge sehen zu müssen. Heute fühlt es sich in mir anders an. Ich habe in meinem Leben bewusst größere Leerstellen geschaffen, die ich ganz intensiv mit mir genieße. Es sind meine Morgenroutinen, mit denen ich entspannt in den Tag starte, lange Spaziergänge, Zeit zwischendurch, um mich spüren zu können. Momente, die ich mir nehme, um mich und meine Gefühle zu erforschen. Durch all das bin ich ganz neu bei mir angekommen. All das macht mich wahnsinnig glücklich und erfüllt mich auf eine wunderschöne Weise. Es ist die Verbindung zu mir, die ich früher in der Beziehung mit einer anderen Person gesucht habe. Ich habe es geschafft mich selbst allumfassend zu lieben, mir Nähe und Geborgenheit zu geben und mich selbst in den Arm zu nehmen, wenn ich ein wenig Schutz und Sicherheit brauche. Ob mir nach fast 8 Monaten der Sex fehlt? Nicht im geringsten. Ich stelle eher mehr und mehr fest wie wenig ich davon brauche. Die Zeit, die ich früher mit Dating und Sex verbrachte, weil es irgendwie dazugehört und man ihn haben muss, investiere ich heute lieber in Aktivitäten, die mich nachhaltig und ganzheitlich berauschen, anstatt mich von einem kurzen High zum nächsten zu bewegen.

Vor ein paar Wochen habe ich das Buch „Die Weisheiten eines Yogi“ von Sadhguru als Hörbuch gehört. Darin sagte er sinngemäß: Ich fühle mich vollkommen berauscht – ohne einen Schluck Alkohol getrunken zu haben. Und das dauerhaft. Yogis würde der „kleine“ Rauschzustand von Alkohol oder anderen Rausch- und Genussmitteln nicht ausreichen, der nur kurz bleibt und schnell wieder vergeht. Yogis würden nach einem tieferen und nachhaltigerem Rauschzustand streben.

Ich habe mich in diesem Abschnitt direkt wiedererkannt, denn es beschreibt so gut, wie ich mich aktuell fühle. Meditation und die vollkommende Präsenz im Moment erzeugen diese Rauschzustände in mir. In letzter Zeit sind meine Meditationen so intensiv, dass ich oft stundenlang versinke. Intensiver als die meisten Orgasmus und vor allem viel lang anhaltender. Wie auch Sadhguru fühle ich mich vollkommen berauscht ohne einen Schluck Alkohol getrunken oder sonstige Drogen zu mir genommen zu haben. Ich fühle mich absolut zufrieden in meinem Inneren und in Harmonie mit dem Leben. Wenn ich meinen Gefühlszustand beschreiben müsste, dann wäre Folgendes passend: Ruhig und still wie das weite Meer und gleichzeitig voller Lebensfreude und Lust am Leben.

In mir spüre ich Euphorie und große Freude. Im gleichen Moment sind außerdem auch eine tiefe Dankbarkeit und Zufriedenheit anwesend, die all die aufstrebenden Glücksgefühle wieder erden. Wenn man alle möglichen Emotionen in einem Kreis darstellen könnte, dann würde ich mich genau in der Mitte befinden. Ausgeglichen und in mir ruhend – mit allem verbunden und doch ein Stück weit von allem entfernt. In einer Beobachterperspektive. Beteiligt und unbeteiligt zugleich.

Wenn ich ehrlich bin, ist es dieses Gefühl, dass ich beim Sex oft ersehnt habe. Vollkommen berauscht und im Moment zu sein. Doch auch, wenn Sex einen kleinen Einblick in dieses Gefühl geben kann, kann es doch nicht anhalten, weil zwei Menschen nicht dauerhaft miteinander verschmelzen können. So wie sie sich vereinigen können, müssen sie sich auch wieder trennen. Meine Suche musste daher unerfüllt und schmerzvoll sein. Das was ich suchte, suchte ich an der falschen Stelle. Und deshalb lief ich in Beziehungen wieder und wieder gegen Wände. Ich suchte im Außen, was es nur im Innen zu finden gibt und wunderte mich dann, wenn mich all die Mühen nicht zu dem Ziel führten, was ich erhoffte.

Ich habe erkannt, dass meine Männerabstinenz eigentlich eine spirituelle Reise zu mir selbst ist. Nachdem ich realisierte, dass meine Beziehungen mir nicht die Erfüllung gaben, nach der ich suchte, fokussierte ich neu – auf mich. Ich spüre mich heute selbst so intensiv, wenn ich mit mir bin – und ich spreche hier nicht von Selbstbefriedigung, sondern einfach nur dem Wahrnehmen und Annehmen meiner Selbst und meines Körpers im Moment – dass ich zumindest aktuell überhaupt keine Sehnsucht nach sexueller Betätigung habe, die in Teilen vor allem darauf abzielt sich selbst und den anderen intensiv zu spüren. Früher war ich oft wie ein Junkie, der Sex wollte, um darin einen Zugang zu haben mich selbst spüren zu können. Ich fand Sex so berauschend, weil es mir etwas gab, wonach ich mich sehnte und von dem ich glaubte, es mir selbst nicht geben zu können. Da ich gelernt habe mein Bedürfnis nach Nähe und Geborgenheit selbst zu erfüllen, fühle ich mich ganz. Die große Beziehungssehnsucht liegt hinter mir. Ich sehe Männer heute mit ganz anderen Augen. Ich checke sie nicht mehr direkt auf ihr Potenzial ab. Ich sehe viel mehr die Seele, die in diesem Wesen steckt und lasse mich darauf ein, die Person kennenzulernen. Ich bin sehr glücklich über das Leben, dass ich führen darf und nehme es an, wie es kommt. Wenn Gott irgendwann möchte, dass ich eine Beziehung führe und eine Familie gründe, dann wird er mir die passende Person mit den entsprechenden Umständen vorbei schicken. Eines weiß ich aber, die Zeit des ungeduldigen Kampfes und sehnsüchtigen Suchens im Außen ist vorbei. Ich gebe mich dem Leben hin. Und das fühlt sich sehr gut an.

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