Tag 226:
Spieglein Spieglein an der Wand

Mein letzter Post ist schon ein Weilchen her. Ich war und bin immer noch krank und ehrlich gesagt musste ich einfach mal abschalten. Ich musste einfach mal für mich sein. SEIN. Meiner inneren Stimme Raum geben und all die Nebengeräusche herunter drehen, um ein paar wegweisende Veränderungen zu durchleben. Da das alles zu viel für einen Post ist, werde ich meine neuen Erkenntnisse auf die nächsten Tage aufteilen. Heute geht es zuerst einmal um äußere Schönheit.

Erwacht aus einem Traum

Ich spüre seit einiger Zeit eine gewisse Ablehnung mein Leben stets nach Außen zu kehren und mehr für die anderen zu leben, als für mich selbst. zu müssen. Ich möchte gerade einfach für mich und in Frieden sein. Denn dieses Gefühl ist so viel tiefgreifender als alle Likes und Kommentare in den sozialen Medien, so viel wertvoller als die Komplimente über ein schönes Äußeres und die tollen Kleider, in denen ich mich so bewundert fühle. Irgendwie ist mir diese Welt der Äußerlichkeiten in den letzten Wochen und Monaten immer fremder geworden. So fremd, dass ich nicht mehr weiß, was ich früher so spannend daran fand. Insbesondere weil diese Welt dem Vergleich mit innerem Wohlbefinden nicht im Geringsten Stand hält.

Früher habe ich für Aufmerksamkeit und Komplimente gelebt – für mein Äußeres, meine Intelligenz, meine Erfolge, etc. Ich habe meine Interesse und Aktivitäten viel zu oft daran ausgerichtet, was mich wohl im Ansehen der ominösen Anderen steigen lässt. Wie viel meiner Zeit habe ich darin investiert, um bewundert zu werden? Ich konnte nicht glauben, dass ich einfach um meiner selbst willen gemocht und geliebt werden könne. Ich hatte kein Gefühl für mein Inneres. Mein Gefühl für mich selbst begrenzte sich allein auf greifbare – körperlichen und materiellen – Äußerlichkeiten, mit denen ich mich beschwerte, weil ich sonst das Gefühl hatte nicht mehr zu sein. “Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins” bestimmte mein Leben.

Heute möchte ich mein Selbstwertgefühl nicht mehr durch äußere Faktoren bestimmen lassen. Und: Ich muss es auch nicht mehr, weil sich etwas in mir drin verändert hat. Je mehr ich mit mir im Reinen bin und mich selbst so annehme, wie ich bin, desto mehr kann ich auch andere so annehmen wie sie sind. Und ich kann erkennen, dass man einfach nur für sein Wesen und nicht nur für seine Taten geliebt werden kann.

Ich dachte lange Zeit, dass ich mit einem schönen Aussehen jemanden in mich verliebt machen könnte. Ich dachte wirklich, dass es das wäre, worauf es in der Liebe ankommt. Und so aß ich wenig, machte umso mehr Sport und schaute quasi ständig in den Spiegel. Weil ich mich selbst nicht fühlte, war das einer der wenigen Wege Feedback zu meinem individuellen Status Quo zu bekommen. Ich kämpfe gegen jedes kleinste Fettpölsterchen und somit gegen mich. Mein schönes Äußeres priorisierte ich höher als mein Wohlbefinden. Und weil ich deshalb so viele Komplimente bekam, erschien es mir erstrebenswert daran festzuhalten.

Jeder Mann, der in mein Leben kam, hatte quasi eine Spiegel-Funktion. Weil es mir selbst an Selbstwert fehlte, waren die Jungs stets Ego-Kicks. Je schöner/erfolgreicher/intelligenter der Mann war, den ich gerade datete, desto besser fühlte ich mich. Und genau deshalb ließ ich auch die “netten” Jungs, mit denen ich mich einfach nur wohlfühlte, links liegen. Sie schafften es nicht mein Ego und meinen Selbstwert auf die gleiche Weise zu pushen.

Ich identifizierte mich mit meinem schönen und wohltrainierten Körper sowie einem hübschen Gesicht mit langen Haaren und hatte Angst all das zu verlieren. Je stärker wir mit etwas identifiziert sind, desto schwerer fällt es uns loszulassen. So baute ich Sportroutinen auf, die ich zum Teil höher priorisierte als die Zeit mit meinen Freunden und die mich so viel Kraft kosteten, dass ich oftmals nur noch müde war. Ich kaufte mir schöne Kleider und schminkte mich, um meinen gestählten Körper richtig in Szene zu setzen. All das wurde zu einer Fassade, die ich nur dann ablegte, wenn ich allein mit mir war. Mein ganzes Leben drehte sich um mein Äußeres, anstatt mit mir zu sein und mein Leben zu genießen.

Auch in meinem Zusammensein mit Männer, waren Äußerlichkeiten meist im Zentrum. Ich wollte einen schönen Mann und je schöner der Mann war, desto stärker fühlte ich mich unter der Druck die äußerlich perfekte Frau zu sein. Männer und Beziehungen machten mir vor allem deshalb oft Angst, weil sie zum einen meinen wohlgeordneten Routinen störten und ich zum anderen Sorge hatte, dass sie im Nahsein mit mir meine Defizite entdecken könnten, die ich sonst geschickt kaschierte.

Wie ich mich bewertete, so bewerte ich auch alle anderen um mich herum für ihr Aussehen, ihren Stil, ihr Verhalten, einfach alles. Ich bewerte und wertete ab – ein rationalisierender Schutzmechanismus gegen echte Liebe und erfüllende Nähe, die ich früher einfach nicht aushalten konnte.

Ich sehe so viele Menschen, die wie ich nicht einfach mit einem gesunden Körper zufrieden sein können, sondern diesen stets weiterentwickeln wollen. Ständig sind so viele Menschen jeden Tag dabei etwas „noch besseres“ aus ihrem Körper zu machen. So viele, die unzufrieden sind wie sie sind. Vielleicht auch deshalb, weil sie nicht sehen, dass sie so, wie sie sind, wundervoll sind. Unser Körper ist ein wahres Meisterwerk – das, was die vielen kleinen Zellen jeden Tag vollbringen ist schier unglaublich. Dafür und dass (wenn) wir gesund sind, sollten wir so sehr dankbar sein, anstatt ihn stets quälen und optimieren zu wollen. Anstatt jeden Tag verbissen daran zu arbeiten gut auszusehen, sollten wir einfach einmal die Perspektive wechseln und jeden neuen Tag für den Geschenk unseres Körpers dankbar sein – denn er erlaubt uns auf dieser Welt zu sein.

Ich versuche gerade meine Sportroutinen loszulassen und mich dann zu bewegen, wie ich Lust darauf habe. In letzter Zeit sind das viel öfter lange und ruhige Spaziergänge anstatt anstrengender Joggingrunden. Da ich die letzten Wochen krank war und auch immer noch nicht wieder ganz fit bin, habe ich Gesundheit vor äußere Pseudo-Schönheit gesetzt und meinen Körper entscheiden lassen, wie er wozu in der Lage ist. Ich habe meine Sportziele nicht erreicht, aber wenn ich ehrlich bin, würde mir das keiner ansehen, der mich nicht mit der Lupe betrachtet. Ich lebe gerade das erste Mal ohne, dass ich darüber nachdenke wie andere meine Figur beurteilen. Ganz ehrlich: Es ist mir scheißegal – denn ich bin ja immer noch die gleiche Person – ob mit einem oder zehn Kilogramm mehr oder weniger. Werde ich nur geliebt (ich mich selbst oder andere), wenn ich einer imaginären Setcard entspreche, ist das keine Liebe. Wahre Liebe geht viel tiefer – weit hinüber alle Äußerlichkeiten. Indem du dich annimmst, wie du bist, wird dein Leben leichter. Es wird dir nicht nur helfen mit dir klarzukommen, sondern auch deine Beziehungen mit anderen Menschen vereinfachen. Das, was du von dir erwartest, erwartest du oft auch von anderen. Indem du dich und die anderen Menschen so sein lässt, wie sie sind, wirst du Menschen begegnen, die wirklich zu dir passen, anstatt immer nur kämpfen zu müssen, damit sie bleiben.

Ich bin gespannt, wie sich mein Körper entwickelt, wenn ich ihn so sein lasse und ihn so bewege, wie es sich in mir richtig anfühlt. Auch bin ich neugierig, ob ich das durchhalte oder doch Panik bekomme, wenn ich zunehmen sollte. Meinen Fokus auf Äußerlichkeiten abzulegen ist eine große Herausforderung. Aber ich will es schaffen, denn ich will echtes Wohlbefinden und kein Pseudo-Glück. Und: Ich will bedingungslose Liebe abseits von Äußerlichkeiten.

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2 Gedanken zu „Tag 226:
Spieglein Spieglein an der Wand
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  1. Wirklich inspirierend, ich bin geschockt wie sehr das mir die Augen geöffnet hat, nicht nur mein Körper sondern auch die Zuneigung von jemand anderem zu mir gaben mir immer erst dann Selbstbewusstsein. Immer dann wenn ich des Gefühl hatte das jemand nicht mehr zu 100% auf mich fokussiert war fing ich an an mir zu zweifeln… Das ich nicht schön genug sei, oder intelligent genug zu wenig Sport mache!! Ich brauche immer die 100%ige Aufmerksamkeit in jeder Hinsicht, mental, psychisch und physisch!! Ich hoffe du gehst einen guten Weg und ich könnte noch so einiges von dir lernen! Den oft sind Beziehungen daran gescheitert an meinem mangelndem Selbstbewusstsein und das macht mich sehr traurig. Das ich mir immer wieder alles selbst kaputt mache!
    Ich drücke dir die Daumen, liebe Grüße Steffi.

    1. Liebe Steffi,

      ich freue mich sehr, dass dir mein Text ein wenig Licht in das Dunkel deiner Beziehungsprobleme gebracht hat. Indem du denkst, dass du unvollkommen bist und ein anderer Mensch dich vollkommenen kann, erschaffst du Leid und Abhängigkeit. Sobald du erkennst, dass du vollkommen bist – so wie du bist und dich auch so vollkommen annimmst, beginnt ein neues Leben. Ein schöneres und friedvolleres.

      Liebe Grüße
      Lena

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