Tag 36:
Ich erlaube mir mich abzugrenzen (Loslassen von Erwartungen Teil 2)

Nachdem ich euch gestern die Theorie und die neurobiologischen Grundlagen zu Verhaltensänderungen erklärt habe, geht es heute weiter mit den Hintergründen und warum mir Abgrenzung und Neinsagen oft so schwer fielen.

Viele von euch berichten mir, dass sie die Idee einer Sex-Pause ebenfalls gut finden bzw. selbst eine planen oder machen. Es gibt dafür die unterschiedlichsten Gründe. Bei manchen ergibt es sich einfach, andere nehmen es sich bewusst vor.

Meine Gründe für das OYNG-Experiment sind vielschichtig. Neben dem Erforschen meiner Bedürfnisse und dem Aufdecken meines wahren Ichs, gehörte auch das mir selbst erlauben mich abzugrenzen bzw. eine gesunde Abgrenzung zu lernen zu meinen Motivationen, ein Jahr auf Männer und Sex zu verzichten. Ich wollte ein starkes Argument haben, das als Mauer dient und mich für die nächste Zeit vor weiterem Herzschmerz und Verstrickungen mit Männern bewahrt. Mein Herz war zu Beginn dieser Reise so verwundet, dass ich es schützen wollte.

Ein „Ich habe heute keine Lust.“ fühlte sich für mich nie stark genug an. Lust kann auf die verschiedensten Weisen erzeugt werde bzw. kann der Erwartungsdruck, den ich von der Gegenseite spüre doch wieder dazu führen, dass ich mich „übermannen“ lasse. Ein „Ich habe mich entschlossen für ein Jahr auf Sex zu verzichten. Keine Diskussion.“ kommt mir da schon überzeugender vor. Es wirkt wie ein Gesetz, das ich gelobe nicht zu überschreiten. Es ist die Mauer der Abgrenzung, die ich gerade brauche und hinter der ich mich verschanzen kann, um mich selbst zu schützen und mich zu finden. Insbesondere wenn ich mal wieder in einer Situation bin, in der ich das Gefühl habe, Sex haben zu müssen und sich der Druck von außen stärker anfühlt als mein eigener Wille. Beispielsweise wenn ich es selbst nicht richtig will und es mehr für den anderen tue oder nicht als langweilige Zicke dastehen möchte. Daher möchte ich zum einen die Hintergründe meiner Gefühle aufdecken. Zum anderen möchte ich diese Erwartungen an mich selbst bzw. das Gefühl, dass andere sie an mich stellen, loslassen und meine Nervenbahnen im Neinsagen trainieren. Daher ist das OYNG-Experiment auch dafür da über ein Jahr neue Verhaltensweise zu trainieren und diese langfristig zu stabilisieren.

Solange ich nämlich noch nicht klar weiß, was ich möchte und was mir gut tut, finde ich Abgrenzung gesünder als mich aus mangelnder Fähigkeit zum Neinsagen auf etwas einzulassen, was ich nicht wirklich will.

Mein Unvermögen Nein zu sagen und mich mit meinen eigenen Bedürfnissen klar gegenüber denen von anderen durchzusetzen, ist in meiner Kindheit verankert. Dort entwickelte die kleine Lena gewisse Glaubenssätze, die bis heute wirken. Da die Themen recht komplex sind, möchte ich heute zunächst auf einen Glaubenssatz eingehen und die weiteren über die nächsten Tage hinweg analysieren. Die Texte werden sonst zu lang.

Glaubenssatz 1: Ich darf mich nicht entfernen und bin für das Glück des anderen verantwortlich.

Dieser Glaubenssatz rührt aus frühkindlichen Erfahrungen in meinem Elternhaus. Meine Mutter war alleinerziehend. Es war nicht nur so, dass ich ihre einzige nahe Bezugsperson war, es kam noch hinzu, dass sie mich quasi als „Kuschelpuppe“ bekommen hat. Ich war als Wesen gedacht, dass ihr Nähe und Liebe schenken sollte und dem sie Nähe und Zuneigung schenken kann. Ich war der Ersatz für all ihre Probleme, die sie mit Männern hatte. Und daher überfrachtete sie mich mit Nähe und forderte diese auch ständig umgekehrt von mir ein.

Wenn ich mich als Kind zurückziehen und Zeit für mich verbringen wollte, machte sie mir ein schlechtes Gewissen. Je mehr ich in das Alter kam, wo ich Zeit mit Freunden und nicht mehr ausschließlich mit ihr verbrachte, nahm die Dramatik der Szenen stetig zu. Je weiter ich mich abzugrenzen versuchte, desto stärker wurde ihre Verlustangst und ihre Einfangversuche. Jedes Mal wenn ich versuchte meinen eigenen Weg zu gehen, fing sie an zu weinen und versuchte mich festzuhalten. Manchmal stand sie sogar heulend vor dem Haus meiner Freunde, weil sie sich sorgte, dass mir etwas passiert sei.

Ihr seht: Das Problem mit dem Loslassen ist gar nicht wirklich mein eigenes. Es wurde mir von meiner Mutter weitergegeben. Für mich war Loslassen immer mit Leid und Schmerz assoziiert. Wenn ich losließ und mich abgrenzte war ich falsch. Richtig war ich nur, wenn ich nah und da war. Es ist daher mühelos zu verstehen, warum es mir bis heute schwer fiel, meine eigenen Bedürfnisse zu äußern und zu vertreten. Die emotionalen Ausbrüche meiner Mutter brachten mir bei, dass meine eigenen Bedürfnisse schlecht sind und Nein sagen nicht erlaubt ist. Ich lernte, dass ich nah sein und gehorchen muss, damit ich angenommen werde und keine Sorgen bereite. Insbesondere für Kinder ist der Friede mit den Eltern essentiell für das Überleben. Das Elternhaus schenkt Schutz und Versorgung. Ein Verlust der Eltern war für ein Kind in der Steinzeit in etwa mit einem Todesurteil gleichzusetzen. Und genau deshalb tun wir als Kind in der Regel das was von uns erwartet wird. Die Nähebedürfnisse des anderen standen über meinen eigenen Bedürfnissen. Sie waren wichtiger für mein Überleben.

Ich beginne erst jetzt dieses Muster aufzudröseln und zu verstehen, dass beispielsweise der irrationale Impuls den anderen in einer Trennungssituation festzuhalten, auf diese Kindheitserfahrungen mit meiner Mutter zurückgeht. Ich konnte mir diese Gefühle und mein Verhalten in diesen Situationen nie erklären. Heute kommt Licht ins Dunkel.

Es fiel mir daher auch immer enorm schwer nicht jeden Tag Kontakt zu meinem Partner oder zu dem Mann, den ich gerade datete, zu haben. Es war das Muster, das so tief in mir eingebrannt war. Zu Beginn des Tages war ich meist noch in der Lage den Impuls ihm zu schreiben zu unterdrücken, aber je weiter der Tag voranschritt, desto stärker spürte ich einen Zwang mich melden zu müssen. Es war die Verpflichtung, die ich gegenüber meiner Mutter verspürte, damit sie nicht wieder vor Angst zusammenbrach. Es waren meine Neurone, die eine gewisse Verhaltensweise gewöhnt waren und diese durchführen wollten. Die Nervenverbindungen wurden nicht angesteuert und waren somit auf Entzug. Der Zwang mich wieder so wie immer zu verhalten, entsprach dem Ausmaß des Entzugs.

Ich dachte stets, dass mich zu melden und täglichen Kontakt zu pflegen zu meinen eigenen Bedürfnissen gehören würde. Ich verstehe erst jetzt, dass es ein altes Verhaltensprogramm ist, dass mir vor mehr als 25 Jahren beigebracht wurde und das es nun gilt umzuprogrammieren. Es ist jetzt an der Zeit den Glaubenssatz abzulegen und zu überschreiben. Statt “Ich darf mich nicht entfernen und bin für das Glück des anderen verantwortlich.“ gilt für mich nun:

 „Ich darf mich abgrenzen und meine Bedürfnisse äußern. Auch wenn ich Grenzen setze und zu meinen Bedürfnissen stehe, werde ich geliebt. Für die emotionalen Probleme anderer bin ich nicht verantwortlich. Jede ist in der Lage sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und das Beste daraus zu machen.”

Daher tut mir meine Abstinenz von Männern gut. Weil ich niemanden date, spüre ich auch keinen Druck mich bei jemandem melden zu müssen. Ich darf gerade das erste Mal in meinem Leben einfach nur für mich sein. Außerdem erlebe ich gerade, dass keinen oder wenig Kontakt zu haben, nicht bedeutet, dass man nichts für den anderen empfindet oder er einem egal wäre. Ich erlaube mir nur gerade einfach die Zeit mit mir vor allem anderen zu priorisieren, anstatt das Gefühl zu haben für den anderen Gewehr bei Fuß stehen zu müssen. Sonst war Zeit für mich immer mit einem schlechten Gewissen verbunden. Heute lerne ich Zeit für mich ohne Zwänge zu genießen. Es tut mir gerade einfach so gut mir zu erlauben mich abzugrenzen und keine emotionalen Ausbrüche und Heulkrämpfe zu erleben. Gerade kann ich all die Situation aus der Vergangenheit reflektieren und mir neue Programme entwerfen, die ich lernen möchte.

Jeder weitere Tag ist ein neuer Befreiungsschlag. Gerade braucht es noch viel Zeit und Kraft die neue Nervenautobahn zu bauen bzw. die neuen Verhaltensprogramme zu lernen. Aber dadurch, dass ich mich gestern an die Grundlagen von Veränderungsprozessen erinnert habe, fällt es mir heute viel leichter die Geduld aufzubringen diesen Weg zu gehen. Der Dschungel ist gerade noch sehr dicht. Aber je öfter ich mir meinen Weg hindurch bahne, desto breiter und gefestigter werden die Wege und irgendwann wachsen die alten Straßen zu und es gibt nur noch den einen neuen Weg. Denkt immer daran. Es wird mit der Zeit leichter euer neues Verhalten auszuführen.

P.S.: Hier der Link zum Teil 1 zum Thema Loslassen von Erwartungen: “Lernen Nein zu sagen” (einfach anklicken)

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2 Gedanken zu „Tag 36:
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