Tag 76:
Dann müsste ich mich ja selbst spüren…?!

Gestern Abend ist mir etwas klar geworden, das sich schon länger abzeichnete. Ich habe den Sinn hinter meinem ständigen rastlosen Streben realisiert, dass ich im Post zu Tag 71 „Im Hamsterrad“ beschrieben habe. Es war meine Strategie mich selbst nicht fühlen zu müssen. All die Gefühle und Gedanken an Dinge, die Teile meiner Seele verdrängt haben und auch lieber verdrängt gelassen hätten.

Wenn ich nur immer genug beschäftigt bin…

Seitdem ich denken kann, habe ich meinen Kopf hinter Büchern vergraben und mit meinen Gedanken fantastische Luftschlösser gebaut. Um diese zu realisieren, waren immer herausragende Leistungen notwendig. Ein „Ich muss fleißig sein und lernen, machen und tun“ richtete meinen Fokus weg von meinem Inneren und ins Außen. Sobald auch nur ein wenig Ruhe in mein Leben einkehrte bzw. ein wenig Luft in meinem vollgepackten Terminkalender absehbar war, suchte ich mir aus dem Nichts immer sofort wieder neue Aufgaben, in denen ich aufgehen und mich ablenken konnte. Neue Projekte, ein zusätzliches Studium, ganz neue Hobbies oder auch sehr gern gewählt – Männer. Alles waren kleine Auswege, um nicht zu viel Raum und Freiheit zu haben, mich abseits aller Erwartungen und meinem Ehrgeiz zu spüren.

So wurde ich zur Einser-Abiturientin, Stipendiatin, Super-Absolventin, Karrieristin, Super-Frau mit Super-Abenteuern – geografisch wie sexuell. Je mehr ich um mich herum geschehen ließ oder je intensiver und komplexer ich emotional mit anderen beschäftigt war, desto weniger Freiraum hatte ich, mich mit meinen eigenen Problemen auseinanderzusetzen und zu spüren, was dabei aufkommt, wenn ich mir selbst statt anderen den Raum in meinem Leben gebe.

Ich beschwerte mich mit so vielen Lasten, dass ich nur noch die Last auf mir spürte und nicht mehr mich selbst. Und je schwerer die Last war, desto besser hat es funktioniert meine eigenen Gefühle und Bedürfnisse zu verdrängen.

Zuerst hatte ich die Last meiner ganzen Familie auf meinen Schultern. All ihre Lebensträume packten sie in meinen Rucksack und befeuerten mich dazu, diese fleißig umzusetzen. Später war es die Last des Studiums, das sich noch verstärkte als ich ein Stipendium bekam – ab dann war es nicht mehr genug Prüfungen nur zu bestehen. Ab dann mussten sie sehr gut bestanden werden, um das Stipendium weiterhin zu halten. Freunde, die mir das Feedback gaben, dass ich zu strebsam war, tat ich als zu wenig ehrgeizig ab. Menschen, die sich in gesundem Maße Freizeit gönnten, betrachtete ich von oben herab. Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins bestimmte mein Leben und meine Sicht auf Menschen in allumfassender Weise.

Auch Männer, die ein balanciertes Leben lebten und sich Freizeit gönnten, lehnte ich oftmals ab. Ich wusste, dass sie auch von mir wollen würden, dass ich beruflich mal einen Gang herunter schalten würde und dann womöglich über mich nachdenken müsste. Ich stempelte sie als schwach und gewöhnlich ab. Interessant fand ich nur Karrieristen, die ich für ihre Arbeitssucht und die damit verbundenen Lorbeeren anhimmeln konnte. Sie wurden mir nicht gefährlich und es bestand ein gemeinsames Verständnis darüber, die tief vergrabenen Gefühle weiterhin vergraben zu lassen.

Doch eins wird mir gerade Tag für Tag klarer: Es braucht Ruhe, um die leisen Stimmen in mir zu hören. Die Stimmen, die sich (noch) nicht trauen mit Fanfaren und Trompeten den Takt meines Lebens zu bestimmen. Die, die sich mit zarten Knospen andeuten, aber noch von so vielen anderen Geräuschen und dem Lärm des Lebens übertönt werden.

Die Lautstärke herunter drehen

Was ich seit Dezember 2017 mit meinem ONE YEAR NO GUY-Experiment gemacht habe, ist den Lärm des Lebens und v.a. die lautesten Störgeräusche auszuschalten oder zumindest leiser zu drehen. Meine Verstrickungen mit Männern waren immer so mächtig und schrill, dass ich meine eigenen Gefühle gar nicht mehr wahrnehmen konnte. Mein Beziehungs-Ich dominierte meine Welt und stellte das kleine traumatisierte Kind in mir in die stille Ecke. Beide kämpften quasi ohne Pause um die Vorherrschaft in meinem Leben. Ein weiterer Grund, warum Situationen mit Männern für mich immer schwierig und voller Spannungen waren. In mir zeigten sich die Spannungen eines kontinuierliches Konflikts aus spüren und zulassen gegen verdrängen und ablehnen.

Seitdem ich mich entschieden habe, mich selbst zur obersten Priorität in meinem Leben zu machen – zumindest für eine gewisse Zeit – ist in mir mehr Platz, damit alte Emotionen zu Tage treten können. Nur wenn nicht ständig neue Emotionen auf mich einprasseln, die bearbeitet werden wollen, ist das aufkommen dieser alten Erinnerungen möglich.

Doch das Ganze war bei weitem nicht der erste Schritt. Mein erster Schritt war mein Weg in die Meditation, der zweite war das Reduzieren meines Arbeitspensums von 100 Wochenstunden aus alten Startupzeiten Schritt für Schritt in eine Arbeitsumgebung, in der in meinem Leben neben der Arbeit auch Raum dafür ist, mich mit mir selbst beschäftigen zu können. Erst der dritte Schritt war meine Pause von Männern. Natürlich lagen dazwischen noch viele kleine Schrittchen und vor allem eine Zeit von ca. 5 Jahren, doch diese drei Dinge würde ich als disruptiv – also tatsächlich lebensverändernd – bezeichnen.

Der Blick in die Zukunft reduziert das Leid der Gegenwart

Mein ständiges Streben hatte außerdem den Sinn einen Fokus auf eine schön gemalte Zukunft zu haben. Einen Hoffnungsanker, dem ich entgegen gehen konnte, statt mich mit dem Jetzt und mit mir zu beschäftigen. Je größer meine Ziele waren, desto mehr Kraft musste ich einsetzen, um diese zu erreichen und die Schmerzen der Reise konnte ich so einem anderen Schuldigen in die Schuhe schieben. Statt zuzulassen, dass tief in mir eine Schwere und Trauer existiert, die mich zu Tränen rührten, attribuierte ich diese Gefühle auf meine beschwerliche Reise zum Erreichen meiner Ziele.

Heute kann ich das Ganze aus einer anderen Perspektive betrachten. Ich habe ein Gefühl für mich und spüre, wenn ich gerade Ablenkungen nachgehe, um die Chance auf Selbstreflexion und Wahrheit zu verdrängen oder ob ich gerade wirklich Pause brauche und zwischenzeitlich die Geschwindigkeit herunterfahren muss. Es ist ein Weg. Als ich mich entschieden habe, diese Reise anzutreten, wusste ich a) nicht wie lang er sei würde und b) nicht wie viele Steine auf diesem Weg noch aus dem Weg zu räumen sind. Eines kann ich aber sagen, das Gefühl Schritt für Schritt den Gefühlsknoten meines Lebens zu entwirren, fühlt sich unglaublich stärkend und rein an. Auch wenn es nicht immer leicht ist, ich würde nie wieder anders leben wollen. Echtes Leben statt Fassade. Klarheit statt Verschleierung. Ich kann euch alle, die ähnliches in sich spüren, nur ermutigen. Es lohnt sich!

 

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2 Gedanken zu „Tag 76:
Dann müsste ich mich ja selbst spüren…?!
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  1. Tagträumer

    Urlaub am Meer; das Wetter könnte nicht schöner sein. Am Himmel hängen träge
    ein paar Wölkchen. Nicht groß genug, um hin und wieder etwas Schatten zu spenden
    gegen die gleißende Sonne.
    Aber ich sehne mich auch nicht danach, denn die Wärme tut mir gut und für
    Abkühlung sorgt schon die frische Brise vom Meer.
    So stehe ich, in Gedanken versunken, am Strand und genieße die schöne Aussicht,
    während das kühle Wasser meine Füße kitzelt – manchmal nur um die Zehen, dann
    wieder bis zum Knöchel fließt es in steter, jedoch unruhiger Bewegung.
    Während einige Meter aufwärts der Sand, trocken und heiß, beim gehen die Füße
    massiert, sorgt er hier vorne am Wasser für angenehm kühlen und festen Ausgleich.
    Wenn man etwas weiter vorne ins klare Wasser sieht, erkennt man kleine Ansammlungen
    von feinem Kies und Muscheln, wie in einer Goldgräberpfanne aus dem Sand gewaschen.

    Ich denke an dich; wärst du doch hier – und ein Lächeln umspielt meine Lippen dabei.
    Der Moment ist so schön und weil ich den Gedanken an dich noch etwas genießen möchte,
    setze ich mich in den Sand und schließe die Augen.
    Das gleichmäßige an und abschwellen der nahenden und wieder gehenden Wellen umhüllt
    mich und so fällt es mir leicht zu träumen.
    Ich genieße noch einmal die Gedanken an unser letztes Beisammensein,…wie Du dich anfühlst…und der Klang deiner Stimme vermischt sich mit dem Murmeln des Wassers.

    Auf einmal überrollt mich eine hohe Welle und es kribbelt wie tausend Ameisen auf
    meiner Haut und im Bauch.
    Die Welle kam so plötzlich, dass ich noch nicht einmal mehr Zeit zum Luftholen hatte,
    als sie auch schon wieder geht um sich mit ihrem Ursprung zu vereinen.
    Irritiert öffne ich die Augen, noch halb bei Dir – und stelle erstaunt fest, dass es ganz
    warmes Wasser war, das mich umspülte…!

    Gelbes Licht! – weist mich darauf hin, den ersten Gang einzulegen um rechtzeitig bei
    Grün losfahren zu können.
    Während ich automatisierte Vorgänge ausübe – um mich herum der hektisch pulsierende
    Berufsverkehr – wird mir plötzlich klar, warum ich allein am Strand war:
    Du konntest nicht mit mir im Sand sitzen, denn du warst der Traum und die Welle…

    Roger D.

    Hallo Lena,

    du bist so gerne am Meer, deshalb habe dir zur Entspannung heute abend mal diesen Text gesendet.
    Er ist schon einige Jahre alt und die Entstehungsgeschichte hat was mit unserem letzten texten zu tun, als ich dir schrieb, das es mir manchmal nur so zufliegt. Wenn mich etwas zutiefst berührt, passiert mir so etwas am zuverlässigsten. Damals bin ich tatsächlich morgens zur Arbeit gefahren und war voll mit Liebe, so das die Zeilen während der Fahrt regelrecht aus mir rausquollen. Gut, das ich die erste Stunde allein war, so konnte ich hastig alles aufkritzeln und es erfuhr in der Nachbearbeitung nur noch geringe Korrekturen. Das nenne ich mal einen perfekten Gehirnüberfall. Später ist mir aufgefallen, das der Text unisex ist. Ein Merkmal, das mir erst später aufgefallen ist. Ich hab eigentlich bis heute Angst, er könnte als kitschig empfunden werden und verstehe genauso bis heute nicht, wieso ich so denke…
    Zum Schluß: wenn du das warme Wasser um dich herum fühlst, vollkommen darin eingetaucht bist, diese Geborgenheit mit geschlossenen Augen genießt und das Gefühl hast, du kannst jetzt den Mund öffnen und atmen, weil in dir ein Urvertrauen gewachsen ist und dir die Sicherheit gibt, dann weißt du wie die große Liebe sich anfühlt. Sie ist keine aufgewühlte, stürmische See, wie das verliebt sein, sondern sie trägt dich sanft und sicher und wärmt dich zuverlässig…
    So wünsche ich mir das auch für dich.

    Sei herzlichst gegrüßt – Roger

    P.S. Schau Lenchen – war jetzt mal keine große Analyse, sondern etwas zum abschalten, ist ja schließlich Wochenende…

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