Tag 74:
Zusammenwachsen und zusammen wachsen

Im gestrigen Post habe ich intensiv darüber reflektiert inwieweit meine Reise zu mir selbst meine zukünftige Männerwahl beeinflusst. Bereits nach den ersten zwei Monaten ist meine Sicht auf Männer und Beziehungen eine grundsätzlich andere. Männer, die ich früher anziehend fand, reizen mich heute überhaupt nicht mehr und Männer, die ich früher nach den ersten drei Worten in den Wind geschossen habe, glänzen in einem umso positiveren Licht. Verbundenheit und eine gleiche Gesinnung werden in meiner Kompatibilitätsbetrachtung immer wichtiger. Gleichzeitig ist es aber auch Fakt, dass Frauen in der Regel die emotionaleren Wesen in einer Beziehung sind. Nicht unbedingt, weil das genetisch so vorgeschrieben ist, sondern weil die Sozialisierung von Mädchen und Jungen oftmals immer noch andere Akzente setzt. Miteinander zu reden, Schwächen einzugestehen und Gefühle zu zeigen, fällt uns Frauen doch oftmals etwas leichter als unseren männlichen Mitbürgern.

Wie oft war ich in Beziehungen und bin an dem emotionalen Holzklotz neben mir, der nicht über seine Probleme reden wollte, fast verzweifelt. Diese Art von Zusammensein kann und will ich nicht mehr führen. Wenn ich mein Leben mit jemandem teile, dann möchte ich alles von mir teilen können und darauf vertrauen, dass mein Partner damit umgehen kann. Gleichzeitig wünsche ich mir Reziprozität. Ich will einen Mann, der mich an allen Aspekten seines Lebens teilhaben lässt – seinen Wonnen und Freuden genauso wie seinen Zweifeln und Ängsten. Dieses Geben und Nehmen ist für mich die Quintessenz von Vertrauen. Und dieses Vertrauen wurzelt für mich in zwei Annahmen:

1. Wenn ich darauf vertrauen kann, dass ich so wie ich bin und mit allen Ecken und Kanten, Kratzern und Makeln genommen werde, dann kann ich mich voll und ganz in den Moment lehnen, mein Warnsystem ausschalten und leben, anstatt zu taktieren.

2. Wenn ich darauf vertrauen kann, dass der andere seine Gedanken vollumfänglich mit mir teilt, dann kann ich davon ausgehen, dass ich nicht spüren muss, ob etwas nicht stimmt, sondern er in der Lage sein wird es mir frühzeitig mitzuteilen und wir gemeinsam etwas daran ändern können. Es ist für mich die Sicherheit, dass sich keine negativen Emotionen aufstauen und sich Krankheitssymptome des Zusammenseins wie Fremdgehen o.ä. einstellen. Ich kann stattdessen darauf vertrauen, dass mein Partner mir sagen wird, wenn ihn gerade eine andere Frau fasziniert, wir können gemeinsam aufdecken was dahintersteckt und uns als Paar weiterentwickeln. Für mich ist diese Art Offenheit absolute Grundvoraussetzung mich auf einen Menschen einzulassen bzw. jemanden so nah und intensiv in mein Leben hineinzulassen.

In einem früheren Post habe ich bereits beschrieben, wie es ist das Gefühl zu haben mit einer Wand zu kommunizieren. Konfliktsituationen in denen der Gegenüber sich nicht auf ein reflektiertes und Verständnis schaffendes Gespräch einlassen möchte. Für mich ist das ein absolutes No-Go und ein klarer Grund zu gehen. Meine Vorstellung einer Beziehung ist ein gemeinsamer Wachstumsprozess, sodass ich das, was ich alleine und mit meiner Selbstfindung begonnen habe, in einem langfristigen Miteinander und allen Konflikten, die daraus erwachsen, fortsetzen kann.

Es ist dieses Gefühl jemanden an seiner Seite zu haben, mit dem man sein Leben teilen kann, der einen in seiner Tiefe kennt und einem emotionale wie körperliche Nähe gibt. Ein Lebens- und Liebesbegleiter. Ein Mensch, der genauso sehr wie man selbst wachsen möchte, der zusammen mit einem wachsen möchte, der das Wachstum des anderen fördert sowie selbst bei seinem eigenen Reifungsprozess unterstützt werden möchte. Es müssen zwei Menschen zueinander finden, die in der Beziehung zusammenwachsen genauso wie sie zusammen wachsen. Es muss darum gehen, dass jeder sich entfalten und seine eigene Entwicklung verfolgen kann sowie auch, dass an der Beziehung und deren Weiterentwicklung gearbeitet wird. Kein Stehenbleiben auf einer erreichten Entwicklungsstufe, sondern kontinuierliche Stimulation und Bereitschaft das Ganze gemeinsam auf die nächste Stufe des Miteinanders zu heben. Ein von Beginn existierendes Vertrauen in eine tiefe Vertrautheit zu überführen.

Wenn Wachstum – persönliches sowie das von anderen – im Zentrum des eigenen Interesses stehen, dann muss auch eine Beziehung dieses Streben erfüllen. Die Beziehung, die ich mir für mich vorstelle ist eine Mischung auf Freundschaft, Mentoring/Coaching bei gleichzeitiger Verbindung im Herzen und körperlicher Anziehungskraft. Eine kontinuierliche Bereitschaft zu reden, sich zu öffnen und dadurch aus unzerschiedlichen Ansichten einen gemeinsame Realität herstellen sollte aus meiner Perspektive die Grundlage für (m)eine Beziehung sein. Denn nichts ist für mich schlimmer als das Bedürfnis zu haben etwas zu klären und bei meinem Counterpart damit auf Granit zu stoßen.

Jedes Paar streitet sich. Es gibt immer wieder Situationen wo man unterschiedliche Sichtweisen und Meinungen vertritt. Und doch darf man es nicht zulassen, sich dadurch zu entzweien. Es sollte als Chance gesehen werden, dass man noch weiter zusammenwachsen kann, indem man die Perspektive und Gedanken des anderen auch in Tagen der Dissonanz verstehen möchte und lernt diese nachzuvollziehen. Es bedeutet noch einen weiteren Teil der Welt durch die Augen des Partners sehen zu können und seine Welt Puzzleteil für Puzzleteil zusammenzubauen. Es ist das Puzzle des Lebens.

Verständnis herzustellen bedeutet nicht, dass man alles gut heißen oder ständig einer Meinung sein muss. Es geht viel mehr darum, dass man seinen eigenen Standpunkt verlassen und sich in die Position des anderen stellen kann, um eine gemeinsame Realität zu erschaffen. Eine Realität, die auf dem Teilen der gegenseitige Gedanken, Eindrücke, Sichtweisen, Wünsche, Bedürfnisse und Befürchtungen beruht. Wenn einem Paar dieser Perspektivwechsel gelingt, dann wachsen sie zusammen und auch jeder für sich als Person enorm. Denn die Werkzeuge und Techniken der Empathie, die man in der Partnerschaft erlernt, kann man auch in anderen Beziehungen bspw. mit Freundschaften oder Kollegen einsetzen.

Wachstum ist nicht immer einfach. Es bedeutet oft Routinen zu hinterfragen. Es bedeutet Energie in etwas zu investieren und ggf. Dinge in seinem Leben – zum Teil existenzdefinierende Eigenschaften – zu ändern. Viele Menschen wollen nicht in diese tiefgründige Reflektierheit und Auseinandersetzung mit den eigenen Schwächen einsteigen, weil sie Angst davor haben, dass sie ihre liebgewonnenen Verhaltensweisen, die sie mit so viel Gewohnheit leben, ändern müssten. Auch die Angst vor dem Aufdecken der eigenen Fehler und Schwächen ist ein typischer Grund, die Auseinandersetzung mit beschwerlichen Emotionen und Konflikten zu vermeiden.

Eine grundlegende Bereitschaft diesen Wachstumsprozess miteinander zu durchleben, ist für mich meine grundlegend neue Perspektive für Beziehungen. Ein „Möchtest du mit mir zusammen sein?“ mit einem „Ja!“ zu beantworten, sollte gleichzeitig heißen sich dem anderen mit jeder Facette und Faser zu öffnen und nichts zu verstecken. Es sollte heißen, dass man sich Auseinandersetzungen und klärenden Gesprächen nicht entzieht, sondern stets Willens ist, sich mit sich selbst, dem anderen sowie der Beziehung als Ganzes auseinander zu setzen. Ein „Ja!“ sollte gleichbedeutend sein, den anderen stets daran erinnern zu dürfen, dass zusammenwachsen sowie zusammen wachsen im Zentrum des Miteinanders steht. Ein solches Beziehungskonzept ist wahrhaftig und nachhaltig. Es ist wie dem Baum die Freiheit zu geben sich in alle Richtungen auszubreiten, anstatt ständig seine Äste zu verschneiden, in der Hoffnung, dass er dann so wächst wie man es sich wünscht. Wenn ihr mich fragt, was für mich wahre Liebe ist, dann ist es genau das. Sich mit absoluter Offenheit und in stetiger Bereitschaft miteinander auseinanderzusetzen und gegenüberzutreten.

Ich wünsche euch allen einen wunderschönen (Valentins-)Tag. Möget ihr heute wieder einen kleines Stückchen weiter wachsen und wenn ihr in einer Beziehung seid, auch ein bisschen weiter zusammenwachsen.

Alles Liebe!

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2 Gedanken zu „Tag 74:
Zusammenwachsen und zusammen wachsen
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  1. Die eigentlichen Geschenke des Lebens
    werden zumeist in der Stille überreicht
    Freundschaft und Liebe
    Geburt und Tod
    Freude und Schmerz
    Blumen und Sonnenaufgänge
    und das Schweigen
    als eine tiefe Dimension
    des Verstehens

    Hallo Lena,

    dieser eindrucksvolle, weil wahrhaftige Text von Margot Bickel soll heute abend die Brücke zu meinen Gedanken über deinen Blog sein. Ich sehe die Stille und das Schweigen als wichtige Ergänzung zu deinen Ausführungen über das Miteinander, keinesfalls als Gegenpol oder gar
    Widerspruch. All deine Beschreibungen sind prinzipiell wahr und in einer beeindruckend komplexen Weise erläutert, aber vielleicht geht es auch anderen Lesern, die sich etwas intensiver mit deinem Text beschäftigt haben, wie mir. Neben der Begeisterung für deine wahren Worte und all dem Idealismus darin war ich auch etwas irritiert. Mir fehlte das Schweigen…
    Du hast absolut recht, das der Dialog in einer Beziehung ein zentraler Punkt ist, nur manchmal ist es tatsächlich in verschiedenen Situationen temporär besser, zu schweigen, um Dinge nicht zu zerreden, Luft zu schnappen und sich in Gefühl und Sachlage ordnen zu können. Diplomatie wird nicht nur als Notnagel schlechter Politiker missbraucht, sondern ist essentieller Bestandteil jeder glücklichen Beziehung und ich glaube das daß Schweigen – zum richtigen Zeitpunkt – ein sehr wichtiger Bestandteil der Diplomatie ist. Ich möchte hier allerdings ausdrücklich eine Trennlinie zwischen Schweigen und Verschweigen ziehen.
    Ich bitte um Korrektur deinerseits, wenn ich nun behaupte, das du dich wahrscheinlich mit einer so geführten Diskussion schwer tun würdest, weil in dir einfach die Neigung steckt, die Probleme ad hoc restlos aufzuarbeiten und so kann man jetzt schön den Bogen zur Selbstreflektion schlagen.
    Ich glaube: je höher die Sozialkompetenz, desto höher das Vermögen der Selbstreflektion – die beiden sind Geschwister. Aber man muss akzeptieren, das die Selbstreflektion nie restlos objektiv und damit manipulierbar ist, je nach Stimmungslage in Verbindung mit äußeren Einflüssen. Also ist diese wichtige Kernkompetenz eben auch nicht perfekt.
    Abschließend glaube ich, das es für eine gute Beziehung auch wichtig ist, wenn man nicht restlos alles über seinen Partner weiß; das schließt ein über alles reden können ja gewiss nicht aus.

    Ich wünsche dir einen schönen Abend, lass es dir gutgehen

    Liebe Grüße – Roger

    1. Lieber Roger,

      ich freue mich immer sehr über deine Kommentare, die mich wieder eine Runde weiter ins Nachdenken bringen.

      Ich danke dir sehr für die Ergänzung, denn gemeinsam Schweigen zu können finde auch ich absolut wichtig. Was ich in diesem Punkt eher meinte ist eine grundsätzliche Bereitschaft sich miteinander auseinanderzusetzen, anstatt alles sofort in der Sekunde des Eintretens zu diskutieren. Denn im Affekt sind unsere Gefühle oft so aufgewirbelt, dass sie mehr Schaden als Nutzen bewirken und uns zu Dingen antreiben, die sich ein wenig später – wenn die Wogen geglättet sind und mit ein wenig Abstand – doch als zu viel des Guten herausstellen.

      Was ich ausdrücken wollte war, dass beide die Bereitschaft habe müssen, Dinge anzufassen, statt Flecken auf der Landkarten zu haben, die immer und bis in alle Tage nicht besprochen und reflektiert werden dürfen. Charakteristisch ist da die Aussage “So bin ich eben. Damit musst du leben.” – das reflektiert für mich Stillstand und Resignation, statt ein miteinander zusammenwachsen. Für mich ist es etwas grundsätzlich anderes zu sagen: “Ich brauche ein wenig Zeit, um darüber nachzudenken” statt “Sprich mich bloß nicht darauf an. Ich will nicht darüber reden.” Wenn Schweigen lähmend wird und die Freude des Miteinanders unter sich vergräbt, dann ist es kein Freund sondern Feind.

      Gleichzeitig kann miteinander schweigen zu können, etwas unglaublich tiefes und verbindendes sein. Ich sage immer: “Erst wenn man sich so gut kennt bzw. so tief miteinander verbunden ist, dass man mit Genuss miteinander schweigen kann, ist es echt.”

      Ich wünsche dir einen schönen Freitag. Freue mich schon auf deinen nächsten Kommentar.

      Alles Liebe, Deine Lena

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