Tag 78:
Der Lärm des Lebens

Gestern hat es mich mal wieder kalt erwischt. Der Lärm des Lebens hat sich nach Wochen und Monaten der Ruhe plötzlich wieder in meinem Leben breit gemacht. Und mit ihm meine lang tradierten Gegenreaktionen. Essen, (Weg)laufen und ein paar andere kleinere Ablenkungen.

Im letzten Post ging es bereits um Ablenkungen, die als Schutzmechanismus dienen. Heute möchte ich das Thema gern vertiefen. Beschäftigung, ein vollgepackter Terminkalender, Aufgaben, Erwartungen, Projekte und große Zukunftsfantasien. Genauso dazugehören auch Liebeskummer, extreme sportliche Ziele und ein exzessives Nachtleben. All das und noch viel mehr macht den Lärm des Lebens aus.

Was ist der Unterschied zwischen einem Geräusch – wie einem angenehmen Ton auf dem Klavier, das Rauschen des Meeres oder den Stimmen eines bereichernden Gesprächs – und Lärm?

Google sagt dazu Folgendes:

Ein Geräusch ist „ein hörbarer Klang, der von etwas erzeugt wird.”

Lärm hingegen sind “Geräusche, die laut sind und stören.“

Und genauso verhält es sich auch mit den Geräuschen und dem Lärm, die uns auf persönlicher Ebene umgeben. Es gibt Dinge, die klingen, uns gut tun und uns in unserer eigenen Entwicklung nach vorn bringen. Und dann gibt es Lärm, der uns stört und behindert.

 

Lärm und wie man damit umgeht

Die Flucht in das laute, schnelle und vollgepackte Leben, ist ein weit verbreiteter Schutzmechanismus. Man könnte es auch als die Manager-Krankheit oder das Karrieristen-Syndrom bezeichnen. Auch Extremsportler, Beziehungsextremisten oder Menschen, die jedes Wochenende auf exzessiven Parties verbringen, gehören zum Teil in diesen Formenkreis. Menschen, die ihr Leben so ausrichten, dass es in beständigem Takt auf sie einprasselt. Eine Pause versuchen sie zu vermeiden. Immer erreichbar, immer unterwegs, immer am Limit. Es ist das, was sie brauchen, damit sie sich selbst nicht spüren müssen. Statt zu ihrem wahren Selbst vorzudringen, beladen sie sich mit äußerlichen Problemen und zusätzlichen Belastungen. Statt sich zu spüren, spüren sie ihre brennenden Muskeln oder die Forderungen ihrer Shareholder. Sie ziehen diese Probleme wie Schichten um ihren inneren Kern. Ein Mantel wie Zwiebelschalen. Dinge mit denen sie sich unbedingt noch beschäftigen müssen, bevor sie anfangen können sich mit ihren eigenen Themen zu befassen. Das Problem ist nur: Sobald eines davon gelöst ist, kommt schneller als gedacht etwas noch wichtigeres auf. Diese Menschen haben ein Problem damit sich selbst zu priorisieren. Die Probleme, die es aus ihrer Sicht im Außen zu lösen gibt, sind ein Schutzschild vor dem Kontakt mit ihren eigenen Wunden und Verletzlichkeiten. Wie ein gut verbauter Tresor, mit einer Vielzahl von Abschirmmechanismen. In dem Tresor liegen ihre wahren Emotionen. Gut abgeschirmt vor der Außenwelt. Sicher vor Angriffen. Angriffen, die die Büchse der Pandora öffnen und sie übermannen könnten.

Ich finde es immer wieder spannend, wie ähnlich sich Extremsport und extreme Arbeitsbelastungen sind. Früher bin ich selbst Marathon gelaufen. Den Körper immer am Limit und alle Zeit und Lebensenergie auf die Trainings ausgerichtet. Die langen Läufe haben mich immer so geschlaucht, dass ich danach einfach nur schlafen wollte und keine Kraft hatte mich mit anderen Themen zu beschäftigen. Beim Nachdenken bin ich auf der Couch eingeschlafen. Ähnliche Verhaltensmuster kenne ich auch aus dem beruflichen Umfeld. 12-17 Stunden pro Tag arbeiten, immer müde sein und die Freizeit zum Schlafen nutzen. Sich selbst mit seinen Aufgaben so fordern, dass keine Zeit, Kraft und Muße mehr für die Bewältigung der eigenen Themen bleibt. Und in beiden Fällen habe ich in Wahrheit nur dagegen gekämpft „nicht genug zu sein“. Ich lief vor meiner Angst weg, dass mein Körper nicht ausreichend sein könnte. Mit jedem weiteren Schritt versuche ich noch trainierter zu sein. So war es auch mit all meinen Überstunden. Ich versuchte mit mehr und mehr Aufwand eine noch bessere Arbeit abzuliefern und somit den Selbstzweifel zu überspielen, der an mir nagte, wenn ich den Laptop zu vertretbarer Zeit zuklappen wollte. Ich schaffte mir Probleme und Projekte, um meine eigenen ausblenden zu können oder sie zumindest mit möglichst lauten Gegengeräuschen zu überspielen. Megaphon gegen Megaphon. Oder auch Betäubung gegen die inneren Stimmen des Zweifels und der Sorge.

Es gilt diesen Lärm von den sinnvollen Geräuschen in unserem Leben zu trennen und die Stimmen zu identifizieren, die versuchen negativen Einfluss auf unser Leben zu nehmen. Bei diesen Stimmen gibt es manche, die laut schreien und ständig auf sich aufmerksam machen wollen. Sie sind der störende Lärm, dessen Ziel es ist abzulenken. Dann gibt es die moderaten Stimmen, die eine gewisse Berechtigung haben und es gibt die ganz leisen und zarten Stimmen.

Es braucht Ruhe, um diese leisen Stimmen in sich zu hören. Die Stimmen, die sich (noch) nicht trauen mit Fanfaren und Trompeten den Takt des eigenen Lebens zu bestimmen. Sie klopfen mit zarten Knospen an. Man muss es erst schaffen den Lärm und die Alltagsstimmen auszuschalten, welche die leisen Töne überlagern und unhörbar machen.

Wenn wir allerdings immer wieder die Lautstärke aufdrehen – entweder indem wir unser Leben so aufstellen oder indem wir unser eigenes Megaphon bis zum Anschlag aufdrehen, ist es enorm schwierig bis fast unmöglich diese Stimmen wahrzunehmen. Damit man dies schafft, braucht es eine zweigleisige Strategie:

1. Der Lärm des Lebens muss abgedreht oder zumindest deutlich leiser gedreht werden.

2. Es braucht Zeit, um den leisen Stimmen in der Stille Raum zu geben, damit sie sich zeigen können.

Dies geht leider nicht von jetzt auf gleich. Es ist ein Prozess und braucht Geduld und Achtsamkeit, diese Stille in sich zu schaffen. Zuerst muss das Offensichtliche beruhigt werden – die täglichen Aufgaben, Erwartungen und oberflächlichen Pflichten, Konflikte und Ängste. Dies ist mir zum einen mit Hilfe von Meditation gelungen, zum anderen habe ich mich entschieden mich aus bestimmten Konfliktbereichen herauszuziehen (ins. Männer/Dating und 15-Stunden-Arbeitstage). Zu Beginn war mein Kopf voll von Ballast und Gedanken, die gedacht werden wollten sowie oberflächlichen Erinnerungen, die aufkamen. Über eine gewisse Zeit beschäftigte ich mich nur damit meinen Geist von all den Unreinheiten zu befreien. Ich lernte so im Steuersitz meiner Gedanken zu sein, sodass ich heute auf Knopfdruck alle Stimmen um mich herum wahrnehmen, reflektieren und ausschalten kann. So kann ich die Stille erzeugen, die es braucht, um die leisen Stimmen wahrnehmen zu können. Es ist wie ein erste Grundreinigung. Wahre Selbstfindung fängt damit an, wenn man den Dreck nicht mehr sieht und sich endlich mit dem Säubern der versteckten Ecken beschäftigen kann.

Neben der Stille braucht es auch Zeit. Es funktioniert nämlich leider nicht, den Schalter der Stille zu betätigen und dann keinen Raum für die inneren Stimmen und tieferliegenden Gefühlen zu haben. Damit sich das zeigen kann, was sich andeutet und zeigen will, brauchen die traumatisierten Anteile der Seele Vertrauen in die Ernsthaftigkeit des Vorhabens. Sie müssen spüren, dass sie sich zeigen dürfen und dass Zeit und Raum dafür da ist, sich ihrer anzunehmen.

Jeder/Jedem, den es anspricht eine solche Reise zu sich selbst zu starten, dem/der kann ich nur empfehlen sich zuerst mit Techniken der mentalen Grundreinigung wie Mediation o.ä. zu beschäftigen und sich gleichzeitig oder zumindest parallel so aufzustellen, dass in seinem/ihrem Leben Zeit für die persönliche Entwicklung ist. Es ist wie ein Hausbau: Erst das Fundament und dann der Rest.

 

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4 Gedanken zu „Tag 78:
Der Lärm des Lebens
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  1. Alles was war

    Es ist nicht einfach
    Sich plötzlich wieder zu sehen
    Es schleudert unsere Zeit mit voller Wucht zurück
    Und als ob wir es nicht besser wüssten
    Spielen wir die Vermissten
    Und fallen über uns her

    Ein Moment voller Hoffnung
    Ein Moment voller Glück
    In dem wir nicht an gestern denken
    Und was morgen vielleicht ist
    Denn dann wird es wieder weh tun
    Es wär’ nicht das erste Mal
    Wir versprechen uns nie wieder
    Und glauben selbst nicht dran

    Vielen Dank für alles was mal war
    Für jeden guten Tag
    Nun sage mir wie war dein Leben ohne mich
    Vielen Dank für alles was mal war

    In unseren Köpfen drehen sich Gedankenspiele
    Was wär’ gewesen wenn
    Wo würden wir heut’ stehen
    Wir denken an unsere alten Ziele
    Und suchen nach dem Fehler
    In unserem System
    Warst du nach uns einsam
    Oder fühltest du dich frei
    Und was hast du gemacht
    In all der Zwischenzeit
    Es ist nicht leicht das einzusehen
    Doch wahrscheinlich war es so
    Was wir uns geben konnten
    War damals nicht genug

    Vielen Dank für alles was mal war
    Für jeden guten Tag
    Nun sage mir wie war dein Leben ohne mich
    Vielen Dank für alles was mal war
    Falls du’s vergessen hast
    Das ist nicht schlimm
    Ich erinner’ mich für dich
    An alles was mal war

    Am meisten lieben wir die Dinge
    Die wir nicht haben können
    Wir sollten lernen zu verzichten
    Doch wir kriegen es nicht hin
    Wir rufen Lebewohl
    Winken uns noch einmal zu
    Dann drehen wir uns um
    Und laufen dabei los

    Die Toten Hosen

    Nàbend Lena,

    das war das erste, was sich mir aufdrängte zum Thema “Christian” – kann ja nur was allgemeines sein, weil ich die Geschichte nicht kenne..- aber das im Lied besungene kenne ich bestens und ich habe den Eindruck, da steckt auch viel von eurer Geschichte drin. Einen schönen Start in die Woche wünsche ich dir, verbunden
    mit lieben Grüßen – Roger

    1. Mein Lieber,

      vielen Dank für diesen bewegenden Text. Ich hab mir gerade das Lied der Toten Hosen angehört.

      Und ja, ich kann dankbar sein. Ich kann es auch rational begreifen. Aber emotional fällt mir ein loslassen immer noch schwer. Das Umdrehen und Loslaufen bekomme ich einfach nicht hin. Irgendwas bindet mich noch an ihn. Und ich denke, dass es hier noch einen Knoten zu entwirren gibt. Viele kleine sind schon entknotet, aber irgendetwas tieferes muss da noch ausgegraben werden. Und auch dafür bin ich dankbar: Für all die vielen Möglichkeiten des Lernen und des Wachsens an dieser Geschichte.

      Ich habe durch ihn angefangen zu schreiben, er hat mir beigebracht das Leben zu genießen und mein Leben auf Glück anstatt auf die große Karriere auszurichten. Und das ist so wertvoll.

      Wir sind füreinander Familie. Und das macht es so schwer – er ist nicht nur eine Liebe. Er ist mein Alles. Und das Loszulassen, sich umzudrehen und zu gehen, fällt a) verdammt schwer und ist b) so radikal vielleicht auch gar nicht notwendig.

      Hab einen schönen Abend.
      Deine Lena 🙂

      1. “Vielleicht hat es etwas mit Glück zu tun
        das alles, was wir haben wollen
        wir entweder nicht bekommen
        oder es uns genommen wird”

        wenn man möchte, kann man lange auf diesen vier Zeilen herumkauen.
        Dann könnte man z.B. das ” sich etwas nicht nehmen” hinzufügen, oder
        ” aus Überzeugung auf etwas verzichten”. Das sind meiner Meinung nach
        die konträren, sinnvollen Ergänzungen.
        Wir leben in einer Zeit der schnellen Entscheidungen und des Konsums. Wir bekommen ständig suggeriert, wir können eigentlich alles haben und das schnell, problemlos und unkompliziert. Ausnahmslos niemand ist gegen diese Art der Manipulation immun und ich glaube das die Gesellschaft zusehends verkennt, das all die zwischenmenschlichen Belange ganz anderen Regeln unterliegen.
        Meine Frage lautet also:
        1. Inwieweit greifen diese täglichen, latent vorhandenen, Manipulationsfaktoren in unsere Persönlichkeit und Handlungsweisen ein, wenn es um das Erlangen und erleben von guten Gefühlen geht?
        Die nächste Frage lautet:
        2.Glaubst du, das du durch Selbstreflektion die oben gestellte Frage für dich auf hohem objektiven Level beantworten kannst, um in deinem” Gefühls-Geocache” eine Grundausgangsposition einnehmen zu können?
        Wenn ja, stehst du schon mal auf einem Bein.
        Ich glaube, jeder gibt mir recht wenn ich behaupte, das eine zutiefst vertrauensvolle und innige ungleichgeschlechtliche Freundschaft zu hohem Prozentsatz auf einem schmalen Grad wandelt. Eben aus dieser tiefen Verbindung scheint der nächste Schritt hin zur gemeinsamen Lustbefriedigung doch irgendwie folgelogisch, oder?
        3. Was ist dir wichtiger? eine langfristige, wertvolle und tiefe Freundschaft
        die dir aber einen gewissen Verzicht abverlangt, oder eine vielleicht kurz-
        fristige Beziehung, weil man nicht verzichtet, sondern genommen hat?
        2.Glaubst du, das du durch Selbstreflektion die oben gestellte Frage für dich auf hohem objektiven Level beantworten kannst, um in deinem” Gefühls-Geocache” die nächste Grundausgangsposition einnehmen zu können?
        Wenn ja, stehst du jetzt auf beiden Beinen und kannst eigentlich losgehen.
        Jetzt fehlt nur noch eine Komponente: Die von dir erwähnte Zeit.
        Wenn du ihr Zeit gibst, gibt sie dir die Brille, damit du klarer deinen Weg erkennen kannst.
        Du kannst nach vorne gehen, oder dich umdrehen, festhalten oder loslassen.
        Je nachdem, welchen Weg du für dich siehst.

        Sei herzlich gegrüßt – dein Roger

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