Tag 308:
Ich habe Liebe vorm Fernseher gelernt

Ihr merkt, es wird ruhiger. Viele Dinge, die gesagt werden wollten, sind gesagt. Viele Gedanken gedacht. Und jedes Mal, wenn ich heute Sorgen, Kummer oder Ängste aufkommen spüre, weiß ich, dass sie nichtig sind und mich einzig und allein nur wieder darin erinnern, dass ich gerade nicht im Moment bin und mir ein Wegweise sind wieder im Jetzt präsent zu sein. Denn Angst, oder Sorgen kommen nur auf, wenn wir nicht in der Gegenwart sind, sondern mit unserem Geist in die Zukunft abdriften oder leidvolle Geschichten der Vergangenheit wieder und wieder durchleben. All das ist zwecklos, wenn du dir vorstellst, dass das Leben nur eine Aneinanderreihung von Momenten ist. Es gilt im Moment zu leben und diesen schön zu verbringen, dann wird alles gut.

Dennoch habe ich in letzter Zeit noch einmal intensiv darüber nachgedacht, warum mir die Liebe so oft so schwer fiel, währenddessen andere es anscheinend spielend leicht verstehen sich zu verlieben, Beziehungen einzugehen und verliebt zu bleiben. Habe ich so etwas wie ein „Verkorkstes Liebesleben-Gen“, das dafür sorgt, dass ich damit so viel zu kämpfen habe oder woran liegt es, dass Liebe mir zwar unendlich wichtig ist, partnerschaftliche Liebe aber dennoch immer wieder eine Herausforderung für mich darstellt?

Ich hatte kürzlich dazu eine Erkenntnis: Ich habe Liebe vorm Fernsehen gelernt.

In meiner Kindheit gab es keine Rollenvorbilder für ein glückliches Beziehungsleben. Da meine Mutter alleinerziehend war und bis zu meinem 16 oder 17 Lebensjahr keinen Partner an ihrer Seite hatte, hatte ich keine gesunden Rollenvorbilder was partnerschaftliche Liebe und glückliche bzw. zumindest funktionierende Beziehungen anging. Stattdessen verbrachte ich als Kind wahnsinnig viel Zeit vor dem Fernseher und lernte Liebe aus Daily Soaps und den Liebesfilmen des täglichen Fernsehprogramms. Die Geschichten darin und ihre dramatischen Verläufe wurden zum Leitbild meiner Beziehungsvorstellungen. Ich glaubte, dass das, was ich da im Fernseher sah, die Realität abbildet. Ich glaubte wirklich das Leben und die Liebe würde so ablaufen. Ich war ein Kind und wusste es nicht anders. Und so formten die emotionalen Muster der inszenierten Geschichten mein neuronales Gefüge und meine Glaubenssätze über Beziehungen.

In den Endlosserien sind die Liebesgeschichten nie einfach. Meist dauert es erst ewig bis sie sich kriegen und alles ist mit ganz viel Kampf und Leid verbunden und sobald sie sich dann haben, passiert direkt die nächste große Katastrophe, die alles wieder ins Wanken bringt. Es ist ein ständiges auf und ab, das die Zuschauer in seinem Bann halten soll – denn ein einfaches, harmonisches und beschauliches Leben würde nicht allabendlich Millionen von Fernsehzuschauern bzw. Streamingabonennten vor die Bildschirme locken. Über diese emotionalen Achterbahnfahrten habe ich über die Liebe, Beziehungen und das Leben im Allgemeinen gelernt. Es war wie mein Tor zu der Welt da draußen, die mir in meinem Kleinstadt-Zuhause so weit weg und gleichzeitig so erstrebenswert erschien.

Genau deshalb dachte ich immer, dass Liebe schwer sei, ich darum kämpfen müsse und das nichts langfristig Bestand hat bzw. ruhig und harmonisch funktionieren kann. Stattdessen war mein Eindruck, dass es ein ständiges auf und ab geben muss und dass sich Glück und Leid ständig abwechseln müssen. Beständigkeit in Beziehungen habe ich deshalb nie gesehen.

Im Fernsehen folgt auf eine kurze Prise Glück immer sofort das nächste Drama. Und diese Erwartung von Drama Floß in das Bild ein, das ich von einer Beziehung hatte. Ich konnte mir nie vorstellen, dass Liebe irgendwann mal leicht werden und ohne fortwährendes Kämpfen ablaufen könnte. Und so erwartete auch in in jeder Phase des Glücks das kurz darauf einsetzende Leid oder inszenierte es unbewusst selbst, wenn mir die Beziehung zu seicht und einfach wurde.

Ich habe für mich erkannt, dass ich nicht mehr möchte, dass solche inszenierten Geschichten Einfluss auf mein Weltbild haben. Denn jedes Mal, wenn ich mich wieder in diese Fantasiewelt begebe und die emotionale Achterbahnfahrt der Serienfiguren oder Filmhelden verfolge, macht das etwas mit mir. Es setzt mich erneut diesen emotionalen Mustern aus und aktiviert die Drama-Verschaltungen, derer ich gerade versuche mich zu entledigen. Jedes Mal, wenn ich es zulasse mich von Netflix, Amazon Prime und Co. berieseln zu lassen, bin ich bewusst eingesetzten Dopaminkicks ausgesetzt, die mich in das Schauspiel hineinziehen und mich in der Serie halten sollen.

Doch unser Verstand ist leider wahnsinnig schlecht darin zu unterscheiden, was wir in der Realität erleben und was wir nur in unserer Fantasiewelt bzw. über Schauspieler wahrnehmen. Deshalb leiden wir mit, wenn der Mensch im Film gerade in einer schmerzvollen Situation steckt oder einen traurigen Moment erlebt. Und deshalb erleben wir zum Teil auch massive Ego-Kicks bei Szenen, in denen dem Ego viel Raum gegeben wird.

Es gibt viele Experimente, in denen eine Gruppe Menschen über eine gewisse Zeit positive und kraftvolle Suggestionen und der anderen Gruppe negative und einschüchternde Suggestionen zugetragen werden. Was denkt ihr, welche Gruppe die Welt danach positiv sieht und das Gefühl einer gesunden Selbstwirksamkeit hat und welche Gruppe sich danach als schwach und nicht Herr der Lage empfindet?

Je größer der Anteil unseres „realen“ Lebens ist, den wir in emotionalen Dramen anderer Menschen verbringen, desto mehr adaptieren sich unsere neuralen Verschaltungen an das, was wir sehen. Somit kreieren wir unsere eigenen emotionalen Schmerzen und Abhängigkeiten. Denn das, was wir tun, denken, lesen, schauen und uns aussetzen, prägt unsere eigene Welt und wie wir sie wahrnehmen.

Deshalb habe ich für mich entschieden keine Drama-Sendungen oder kitschg-romantische Liebesfilme mehr zu schauen, die genau darauf ausgelegt sind mich süchtig zu machen und meine Emotionen anzukurbeln. Ich schaue seitdem viel weniger Fernsehen und wenn dann mal eine Doku, die sachlich-faktisch über Zusammenhänge der Welt berichtet, ohne Gefühls-Kicks zu verbreiten. Ich merke wie viel besser das für mich ist und ich habe viel mehr Zeit für Dinge, die meinem Leben wirklich Bedeutung verleihen.

P.S.: Eckhart Tolle spricht im Zusammenhang mit Psychodramen auch gern über den Schmerzkörper und wie man ihn aushungern bzw. füttern kann. Wenn dich das Thema tiefergreifend interessiert, dann empfehle ich dir das (Hör-)buch „Eine neue Erde“. Darin geht er intensiv darauf ein.

P.P.S.: Dies ist nur ein Beispiel wie das, was wir als Kinder sehen und erleben Einfluss auf unser späteres Leben hat. Auch Scheidungssituationen, Streits der Eltern, häusliche Gewalt etc. prägen das Bild des Kindes auf Liebe und Beziehungen. Was die Grundlage deiner Beziehungsvorstellungen ist, weißt du nur selbst. Aber es lohnt sich das kritisch zu betrachten und zu schauen, was davon du nicht länger glauben willst.

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