Tag 328:
Meine persönliche Grübelgrenze ist erreicht

Ihr merkt, es wird stiller um mich. Der Countdown zum Ende meiner männerfreien Zeit tickt lauter und lauter und auch schon jetzt – ca. 5 Wochen davor – habe ich das Gefühl, dass ich genau das erreicht habe, was ich mir dadurch erhofft hatte.

Ich kenne mich heute besser als jemals zuvor. Die Psychoanalyse mit mir selbst – zu der mein OYNG-Experiment ungeplant über die Zeit geworden ist – ist abgeschlossen. Ich verstehe die Zusammenhänge und Hintergründe meiner Handlungen und fühle mich befreit und viel reifer als ich es noch vor einem Jahr war. Wo früher immer wieder kindliche Bedürfnisse in mein sonst so überlegtes Wesen knallten und von mir Besitz ergriffen, kann ich meine Wünsche heute viel reflektierter wahrnehmen, einordnen und selbstbestimmt darüber entscheiden, ob ich darauf reagiere und wenn ja wie. Ich fühle mich nicht mehr so fremdbestimmt wie früher und endlich im Fahrersitz meines Lebens. Wahrscheinlich schreibe ich auch deshalb zum Ende dieses besonderen Jahres hin deutlich weniger. Zum einen ist gefühlt fast alles schon einmal gesagt, zum anderen bin ich nicht mehr so impulsiv und von meinen Emotionen versklavt, die mich durch die Hochs und Tiefs des Lebens prügeln. Ich kann alles viel ruhiger wie ein Beobachter betrachten und viele Situationen, Gefühle und Impulse einfach an mir vorbeiziehen lassen. Meist habe ich dann einfach nicht mehr das Gefühl aus allem eine große Sache bzw. einen Text machen zu müssen und durch das Schreiben der Situation mehr Raum zu geben, als sie in Wahrheit Bedarf. Es ist wie ein Blatt, das ich beobachte und das vom Wind auch gleich wieder weitergetragen und aus meiner Bewusstsein herausgeweht wird.

Insgesamt nehme ich vieles nicht mehr so ernst – weder meine Gefühle, noch meine Gedanken in bestimmten Situationen und daher auch mich selbst nicht mehr so sehr. Ich fühle mich spielerischer, habe Lust auf das Leben und will neue Dinge ausprobieren. Die alten Wunden der Vergangenheit hatten in diesem Jahr Zeit zu heilen. Ich habe nicht mehr so große Angst vor dem Scheitern und der Zurückweisung. Mir ist heute bewusst, dass die Entscheidung eines Mannes mit mir zusammensein zu wollen oder nicht, nichts mit meinem Selbstwert zu tun hat und dass ich mich für niemanden verbiegen muss. Schließlich muss ich in der Rückschau sagen, dass es oft viel mehr mein Ego war, dass geliebt werden wollte, als dass ich wirklich in meinem tiefsten Inneren davon überzeugt war mit diesem oder jenem Mann mein Leben verbringen zu wollen. Ich bin aus der emotionalen Achterbahn ausgestiegen und habe gelernt mich selbst zu erden, anstatt mich immer weiter hineinzusteigern und ständig zwischen “himmelhochjauchzend” und “zu Tode betrübt” zu schwanken. Ich sehe heute alles gelassener. Es ist ein schönes Gefühl – lebendig, freudig und entspannt zugleich.

Dort wo ich früher versucht habe alles im Detail zu durchdenken und die „richtige“ Antwort zu finden, habe ich verstanden, dass „richtige“ Antworten nicht in meinem Verstand zu finden sind. Wenn ich in einer Situation schwanke und nicht ganz sicher bin, was die richtige Reaktion ist, gehe ich einfach ins Gefühl und finde dort wonach ich suche. Ich würde sagen, dass ich heute viel mehr in mir und viel weniger in meinem Kopf bin. Die Differenzierung von dem, was ich bin und dem, was ich denke und fühle, zu begreifen, war dabei eine der wichtigsten Erkenntnisse. Wahrscheinlich schreibe ich auch deshalb gegen Ende meines männerfreien Jahres deutlich weniger, weil es mir nicht mehr so wichtig vorkommt alles von links nach rechts und wieder zurück durch meine Gehirnwindungen zu drehen und im Detail zu beleuchten.

Jedes Mal, wenn ich stattdessen heute in die Grübelschleife und das Gedankenkarussel rutsche, schiebe ich dort selbst den Riegel vor und mache etwas, was mir in dem Moment gut tut. Ich überlege dann, wird das heute ein glücklicher Tag, wenn du heute so weitermachst und dich die ganze Zeit in Gedanken wälzt? Und wenn die Antwort nein ist, dann überlege was ich machen könnte, damit ich diesen Tag als Bereicherung empfinde, wenn ich zu Bett gehe. Es geht dabei nicht darum mich abzulenken. Es geht darum mich von meinen Gedanken nicht lähmen zu lassen. Denn wenn ich Tag um Tag stundenlang die gleichen Gedanken in meinem Kopf drehen lassen, dann komme ich nicht voran und verschwende meine Zeit.

Bitte versteht mich nicht falsch, damit meine ich nicht, dass es nicht wichtig wäre in die Selbstreflexion zu gehen und zu beleuchten was hinter den eigenen Gedanken und Gefühlen steckt. Ganz im Gegenteil. Dies ist super wichtig und hat mich im Verlauf diesen Jahres in meiner eigenen Entwicklung und Klarheit enorm voran gebracht. Aber es gibt dann eben auch den Punkt, an dem angelangt, noch mehr Nachdenken und sich in Gedanken suhlen auch keinen Mehrwert mehr liefern. Ich denke an dieser Stelle bin ich in den letzten Wochen angekommen.

Stattdessen habe ich wieder Lust aufs Leben und auch auf Männer. Ich habe Lust zu daten, zu knutschen, auf Sex und darauf all das, was ich in der letzten Zeit in der Theorie erdacht habe, in der Praxis anzuwenden und zu erproben. Wenn dabei neue Gedanken und Gefühle angeregt werden, die ich noch nicht geklärt habe, dann wird es auch sicher wieder richtig sein, mir die Zeit zu nehmen und zu schauen, was dahinter steckt. Denn auch, wenn meine männerfreie Zeit bald ein Ende hat, ist mein eigenes Wachstum mit mir und am Leben nie abgeschlossen. Es wird immer mal wieder Dinge geben, die mich zum Innehalten und Reflektieren anregen, aber eben nicht um mich zu lähmen und den gleichen Gedanken zum hundertsten Mal durchzukauen, sondern um mich noch weiter vorwärts zu bringen.

Ich denke, dass es wichtig ist, dass zu verstehen. Auch beim Nachdenken gibt es eine gesunde Grenze. Auch hier muss das Tun in gesunder Balance mit den Zeiten stehen, in denen man über das Getane nachdenkt. Ein Leben, das man nämlich nur in Gedanken führt, ist kein Leben. Es ist als wenn man das Leben mit angezogener Handbremse führt. Es ist dann nicht im Fluss und kann sich nicht entsprechend entfalten.

Nachdem ich im Sommer also mein Ego erfolgreich in die Schranken gewiesen habe, geht es jetzt noch ein wenig darum meinen Gedanken in ihre Schranken zu weisen und aus dem Grübeln und intensiven Nachdenken wieder herauszukommen und ins Leben zurückzukehren,

Ich kann heute sagen, dass ich die Antworten auf die Fragen, die ich hatte, gefunden habe. Die alten Kisten auf dem Speicher sind durchgeschaut, ausgemistet und entstaubt. Es werden neue Fragen und Herausforderungen kommen und ich blicke ihnen freudig entgegen, denn ich weiß, dass ich in der Lage bin mit allem klarzukommen, was sich mir in den Weg stellt. Ich habe die entsprechenden Fähigkeiten in den letzten Monaten genügend trainiert. Ich glaube, ich fühle mich endlich bereit für ein selbstbestimmtes Leben. Ein wahrhaft schöner Zustand so kurz vor meinem 30.Geburtstag. 😉

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2 Gedanken zu „Tag 328:
Meine persönliche Grübelgrenze ist erreicht
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  1. Herzlichen Glückwunsch! Wir haben in diesem Jahr beide diese Form der Selbstfindung durchgemacht. Ist es nicht schön, einfach zu leben, anstatt zu grübeln und sich wieder einmal selbst herab zu setzen?! Jetzt heißt es nur noch, das neue Ich bezubehalten und sich nicht abbringen lassen. Was ist zum Beispiel, wenn man jemanden kennen lernt, der wirklich das Herz wärmt? Dann brauchen wir viel Selbstdisziplin, um immer wieder nicht in die Gefühlsduselei zu kommen, sondern es einfach nur zu genießen.
    Alles Gute für deinen Weg!

    1. Liebe Elli,

      du bringst es auf den Punkt! Aber genau das ist die Herausforderung. Wir haben gelernt alleine an und und über uns hinaus zu wachsen. Jetzt gilt es auch mit Herausforderungen des Außen klarzukommen, nachdem wir neue Verhaltensmuster gelernt haben.

      Total schön, dass du wir beide da ähnliche Erfahrungen gesammelt haben. 🙂

      Alles Liebe, Lena

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