Tag 242:
Auf zu neuen Ufern

Es wird Zeit für eine Veränderung. Ich ziehe um. Die Enge und Zwänge der Großstadt sind mir in den letzten Monaten zu viel geworden. Je ruhiger es in mir wurde, desto unaushaltbarer wurden die vielen Geräusche und Reize der großen Stadt um mich herum. Ich halte das ständig bunte Treiben, das ständige beschäftigt sein, das immer aktive einfach nicht mehr aus. Im Moment will ich einfach nur Ruhe und einen Ort, an dem ich mich in mich zurückziehen kann. Fernab der Hektik und des lauten Lebens. Im Grünen, nah am Wasser und mit ganz viel Raum für lange Spaziergänge, die ich in den letzten Monaten zu meinen regelmäßigen Routinen habe werden lassen.

Ein einschneidenden Erlebnis, das mich zu diesem Schritt gebracht hat, war meine Rückkehr von der wunderschönen niederländischen Insel Texel nach Hamburg Anfang Juni. Die Insel hatte mich mit ihren kilometerlangen einsamen Sandstränden und weiten Dünen in Beschlag genommen. Seit langem hatte ich das Gefühl endlich zur Ruhe zu kommen und durchatmen zu können. Es tat so gut einfach stundenlang am Strand entlang zu laufen, die Wellen zu beobachten und den Wind um mich herum zu spüren. Es war echt und ging so tief.

Als ich danach im Zug zurück nach Hamburg war und in den Hamburger Hauptbahnhof – mit all seinen bunten Lichtern und Werbetafeln – einfuhr, merkte ich mit Nachdruck, wie viele Reize jeden Tag in der Großstadt auf mich einprasseln. Überall ruft es „Kauf mich, will mich, nimm mich, MEHR!“ Aber ich will und kann gerade nicht mehr. Ich will nicht nur für den Konsum leben und meine Gedanken entsprechend manipuliert bekommen. Alles was ich will ist natürlich und im Einklang zu leben.

Ich sehne mich nach Ruhe und Einfachheit, nach einem Leben im Einklang, nach dem Wasser und der Natur. Ich will frisches Grün und strahlendes Blau, Vogelzwitschern, Meeresrauschen und die Reflektion des Sonnenlichts auf der Wasseroberfläche. Statt dem hippen Leben im Zentrum der Großstadt ziehe ich raus an die Elbe und in die Natur. In eine kleinere und einfachere Wohnung. In ein natürlicheres Leben.

Es war für mich lange kaum vorstellbar meine alte Wohnung in der Schanze aufzugeben. Warum? Weil ich bisher in der absoluten Traum-Penthousewohnung über den Dächern des Schanzenviertels wohnte. Meine Wohnung hat 3 riesige Balkone, lag super zentralen und hat alle Annehmlichkeiten, die man sich vorstellen kann. Sie war für mich der Inbegriff eines Zuhauses und ein Ort, in denen ich ganz ohne Scheu Freunde und Bekannte einladen konnte – denn sie erzeugte bei anderen stets ein beneidendes Staunen á la „Wow, hast du eine tolle Wohnung.“

Diese Aussprüche der Bewunderung waren Balsam auf die Seele eines Plattenbaukindes wie mich. Mit der Wohnung hatte ich endlich das Gefühl es geschafft zu haben und den einfachen Verhältnisses entwachsen zu sein, aus denen ich stammte. Endlich hatte ich einen Ort, an den andere Menschen gern zu Besuche kamen. Ein Ort, der keinen Platz für Abwertungen und Zweifel an meiner Herkunft und meinem Status erlaubte. Ich fühlte mich dazugehörig und angekommen. Endlich war ich da, wo ich immer hin wollte. Der Traum meiner Kindheit war endlich erfüllt. Der Moment, als ich in diese Wohnung einzog, war der erste Moment in meinem Leben, an dem ich fähig war über einen längeren Zeitraum innezuhalten. Als ich hier einzog erfüllte sich ein Traum und ich war zum ersten Mal fähig mein Leben zu genießen, statt ständig weiter zu streben.

Der Wunsch nach einem schönen Zuhause zog sich bis dato nämlich wie ein Leitmotiv durch mein ganzes Leben. Der Grund, warum ich in der Schule immer so strebsam und ehrgeizig war, lag allein darin, dass ich mir irgendwann einmal ein Haus mit Garten leisten können wollte – so wie es meine Freunde in anderen Teilen meiner Heimatstadt hatten. Es spornte mich an. Und gleichzeitig schränkte es mich ein. Denn alles wonach ich meine Zukunftsvorstellungen und Berufsoptionen bemaß, war vor allem wie viel Geld man in diesem oder jenem Beruf verdiente, anstatt frei darin zu sein, was ich mit meinem Leben anstellen wollte. Stattdessen quälte ich mich bereits in der Schule, dass ich stets nur Einsen mit nach Hause brachte und den besten Abschluss meiner Schule machte. Ich erinnere mich, wie ich vor Klausuren den Wecker auf 3 oder 4 Uhr morgens stellte, um noch das letzte bisschen Wissen in meinem Kopf zu bekommen. Mein Wunsch nach Erfolg und einem Zuhause, in dem ich mich wohl fühlte, dominierte alles und ließ auch alle anderen Bedürfnisse in den Hintergrund treten.

Heute habe ich die Wahl – ich kann in einer pompösen Wohnung leben bleiben oder ich kann mir etwas Einfacheres suchen. Ich habe verstanden, dass ich trotzdem noch ich bin – egal wo und wie ich wohne. Es gehört wohl auch zu den Schritten der Entidentifikation von Äußerlichkeiten. Manchmal muss man einen Schritt zurücktreten, um weiter vorwärts zu kommen.

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