Tag 42:
Ich darf böse auf dich sein – deshalb kann ich mit dir sein

“Ich bin sauer. Das fand ich jetzt doof. Das macht mich gerade wütend.“ 

 

Befreiung!

Ich lege meine emotionalen Fesseln ab. Ein Befreiungsschlag von dem Dogma immer ein braves Kind sein zu müssen und dem Harmoniestreben meines Elternhauses zu entsprechen.

Als Kind durfte ich nicht wütend sein. Diese Emotion gab es in meiner Gefühlspalette nicht, mit der ich die Wände meiner Welt anmalte. Wut und Ablehnung wurden in meiner Familie nicht gelebt. Sie waren nicht da. Verboten. Und so lernte ich sie weder zu spüren noch adäquat damit umzugehen. Sie wurden sanktioniert und durch die Tränen und leidigen Blicke meiner überemotionalen Mutter eingefangen. Ich lernte früh ein fortwährend lächelndes Kind zu sein, das perfekt funktionierte. Eine Marionettenpuppe, die nach den Befindlichkeiten und Bedürfnissen meiner Familie tanzte – mit guter Miene zum bösen Spiel.

Mit der Zeit lernte ich, nicht nur meine Wut nicht zu zeigen, ich lernte sie auch nicht mehr zu empfinden. Die einzigen erlaubten Emotionen in meiner Familie war Trauer und Enttäuschung. Traurig waren meine Großeltern, ihre Eltern sowie Kinder. Eine Gruppe Trauernder, die ihr Leben in wimmernden Tränengesängen zu Grabe trugen, anstatt es selbst in die Hand zu nehmen und aufzuräumen. Ein leidvoller Schleier des Schmerzes, der im Krieg den Kindern die Väter genommen und die Mütter in Traurigkeit und Bestürzung zurückgelassen hat. Die Liebe blieb auf dem Schlachtfeld. Sie fehlte im eigenen Heranwachsen und so lieblos wie meine Großeltern aufwuchsen, so distanziert begegneten sie auch ihren Kinder. Es war nicht nur das Verbot von Wut, es war dies in Kombination mit fehlender Zuneigung, das meiner Familie ihr Leben so beschwerte. Ein „Ich habe dich lieb“ habe ich von meinen Großeltern – weder an mich, noch an ihre Kinder gerichtet – je gehört. Deshalb fing ich vor Jahren an, meinen Großeltern zu sagen, dass ich sie lieb habe. Seitdem spüre ich eine Veränderung bei ihnen. Sie blühen auf, kommen mit sich selbst und in ihrer Ehe besser klar. Es ist wie das Wasser und das Sonnenlicht, dass die kleinen Pflänzchen so lange schmerzlich vermisst haben und das sie jetzt endlich bekommen.

Sie sind eine Generation von Menschen, deren Schmerz über den Verlust und die eigenen Lebensumstände zu groß war, als dass sie all diese Gefühle hätten spüren dürfen. Die Intensität ihrer Emotionen hätte sie womöglich umgebracht UND sie hätte ihre armen Mütter überfordert, die als junge Frauen am Anfang ihres Lebens plötzlich mit Kind, Haus und Hof alleine dastanden. 20-jährige Witwen, ihrer Liebe entraubt und allein mit einem Dolch im Herzen den Wirren des Nachkriegsdeutschland ausgesetzt. Sie konnten nicht anders und so konnten auch meine Großeltern keine besseren oder liebevolleren Eltern sein. Sie funktionierten und so lernten auch ihre Kinder und Enkelkinder zu funktionieren. Schuld ist hier nicht zu verteilen. Die Schuld liegt an anderer Stelle begraben.

Ich lernte daher die gewünschten Verhaltensweisen und Gefühle nach außen zu kehren und die ungewollten zu unterdrücken. Lange dachte ich immer, dass ich einfach ein so grundlegend positiver Mensch wäre, dass ich keine Wut und keinen Hass empfinden kann. Diese Emotionen waren bei mir einfach nie vorhanden. Stattdessen war ich oft traurig und weinte, war neidisch oder empfand Mitleid für die anderen, bei denen ich allen Grund gehabt hätte sauer zu sein. Statt zu sagen: “Ich finde dein Verhalten doof! Und deshalb spiele ich nicht mehr mit dir (oder später: will nicht mehr mit dir zusammen sein)“, war ich verständnisvoll ob der schwierigen Situation meines Gegenübers und wollte ihm helfen zu verstehen, was da eigentlich mit ihm/ihr und seinem/ihrem Inneren nicht stimmt.

Und genauso verhielt ich mich auch in Beziehungen. Ich funktionierte und unterdrückte meine negativen Gefühle. Auf einen Mann offen böse oder wütend zu sein, hat es bei mir quasi nicht gegeben. Meine Beziehungen waren daher immer viel zu harmonisch. Ein Schleier einer oberflächlichen Harmonie, der das Brodeln unter dem Deckel des inneren Dampfkessels verdeckte. Konflikte scheute ich. Probleme wurden unterdrückt. Der Druck im Kessel stieg. Und weil ich mir nur ein gewisses Spektrum an Emotionen erlaubte, gestattete ich mir nie ganz ich zu sein. Statt das Gefühl zu haben, mich in einer Beziehung frei entfalten zu können, fühlte ich mich stets davon eingeengt und sah die Wände immer näher kommen. Eine Enge, aus der ich früher oder später wieder ausbrechen musste. Eine Enge, die ich selbst verursachte. Ich floh nicht vor meinem Gegenüber, ich entfloh meinem eigenen Korsett, das ich mir anlegte.

Ich merke wie ich über das Schreiben und das Veröffentlichen meiner Texte viel flexibler und offener im Umgang mit meinen Emotionen werde. Ich erlaube mir – auch gegenüber anderen – meine positiven wie negativen Emotionen zu spüren, diese mitzuteilen und dazu zu stehen. Ich begrenze mich selbst nicht mehr. Und deshalb fühle ich mich im Zusammensein mit anderen weniger beengt. Ich habe nicht mehr das Gefühl, ständig funktionieren zu müssen. Ich lerne sein zu dürfen – so zu sein wie ich bin.

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