Tag 64:
Das Leben ist Veränderung

Anmerkung nach dem Ende meines Experiments (Dezember 2018): Die in diesem Beitrag geschilderte Vermutung eines sexuellen Missbrauchs konnte nicht erhärtet werden. Ich glaube heute nicht, dass mir dies widerfahren ist. Eher glaube ich, dass ich hier einem Therapeutenfehler unterlaufen bin, der in mir das sog. “false memory syndrome” getriggert hat. Ich empfehle jedem, der mit ähnlichen Hypothesen seines Therapeuten konfrontiert ist, weitere Meinungen einzuholen. 

Meine gestrige Erkenntnis und der Vergleich mit dem Auspacken verstaubter Kisten hilft mir enorm eine gewisse “Prozesssicherheit” für die nächsten Schritte meiner Selbstfindung zu erlangen. Ich bin heute stark genug, um Schritt für Schritt die alten verstaubten Kisten auszupacken und in der Lage flexibel zwischen den verschiedenen Emotionen wie Glück und Trauer zu manövrieren. Früher war ich das oft nicht. Ich hatte ständig Angst, dass Veränderung meinen Leben auf dem Kopf stellen würden und ich die Kontrolle verlieren könnte. Und genau das war es auch, was mich in den letzten Tagen gedanklich umtrieb. Ich hatte Angst vor Veränderung. In mir kamen Sorgen davor auf, wie sich mein Leben und meine Identität durch die Vermutung des sexuellen Missbrauchs in meiner Kindheit verändern würden. Es war eine Furcht davor, dass womöglich die negative Emotionen mein positives Wesen okkupieren könnten und ich mich in einen Menschen verwandeln, der ich nicht sein will.

Negative Emotionen wehrte ich in der Vergangenheit oft ab und versuchte stets immer nur positiv zu sein. Ich hatte zu sehr Angst, dass wenn ich der Trauer und der Wut in mir ein Türchen öffnete, dass sie mich überwältigen würden. Ich dachte immer, dass ich einfach nicht in der Lage wäre wütend zu sein und mir diese Seite fehlte. Anstatt Wut auf andere Menschen zu empfinden, spürte ich Mitgefühl für die Lage meines Gegenübers. Aus meiner heutigen Sicht habe ich vermutlich die entsprechenden Gefühlen einfach nur verbannt und nicht zugelassen. Ich habe diese Momente abgespalten und die Emotionen, die ich in diesen Situationen gespürt habe – Ablehnung und Wut – habe ich in eine dieser alten Kisten gepackt. Sie durften früher nicht sein. Ich durfte die Wut und Ablehnung nicht zeigen. Es war ein Schutzmechanismus auch später keine dieser Emotionen zu spüren, damit ich nicht mit diesen alten Gefühlen in Kontakt kommen musste, die womöglich Erinnerungen an eine traumatische Vergangenheit triggern könnten.

Gestern ist mir der Vergleich zu meinem früheren Essverhalten gekommen und hat mich verstehen lassen, was in solchen Situationen vor sich ging und wie ich heute damit umgehen kann.

Ich war auf Entzug

Als Teenager bzw. junge Erwachsene hatte ich Essstörungen. Ich war immer dünn, aber früher absolut unsportlich. Die Ausdauerläufe in der Schule waren für mich pure Qual. Mit Ausdauersport habe ich erst nach dem Abitur begonnen. Meine Figur hielt ich nicht durch Training, sondern durch mein sehr kontrolliertes und reduziertes Essverhalten.

Irgendwann mit 12 oder 14 Jahren las ich wie viel Fett, Kohlenhydrate und Eiweiße man an Tag essen sollte und eine fettreiche Ernährung Mitschuld an unreiner Haut hätte. Da ich als Teenager darunter litt, tat ich fast alles um einen schöneren Teint zu haben. Und so wurde ich zum Zutatenlisten- und Nährstoffangaben-Fetischist. Bei allem was ich aß, schaute ich wie viele Kalorien darin waren und wie sich die Nährstoffe verteilten. Ich sortierte das Fett aus dem Hackepeter und aß fast nichts in dem Zucker war.

Über die Zeit spürte ich Erfolge und wurde dünner. Meine harte Askese und überkontrolliertes Essverhalten brachten mir eine schöne Figur. Und da ich in dem Alter anfing mich für Jungs zu interessieren, war das ein netter Zusatzeffekt. So verbannte ich über die Zeit alles, was in meinen Augen „zu viel“ war – kein Fett, kaum Kohlenhydrat und dafür ganz viel Obst und Gemüse.

Irgendwann fing es an, dass mein Hunger größer war als meine Nahrungsrationen. Ich wich von meinen Routinen ab und aß mehr als geplant. Gleichzeitig kamen Schuldgefühle in mir auf und ich rationierte mein Essen am nächsten Tag noch mehr. In der Folge nahm mein Hunger wieder zu. Ich war so ausgehungert, dass ich Heißhungeranfälle bekam, sobald auch nur ein Gram Öl oder Zucker auf meiner Zunge landete. Mein Körper und jede meiner Zellen wurden von dem seltenen Genuss übermannt und schrien nach mehr. Insbesondere wenn ich eingeladen war und es Dinge gab, die ich mir Zuhause nicht erlaubte, versagten alle meine Kontrollmechanismen. In meiner Kopf spielte mir der Gedanke: „So schnell bekommst du das nicht wieder.“ einen Streich. Denn nachdem ich außerhalb meiner häuslichen vier Wände zu viel geschlemmt hatte, setzte ich mich wahrlich wieder unter Erwartungsdruck was das Nicht-Essen betraf.

Über die Zeit fand ich mich in einem Teufelskreis wieder – wenig essen, Hunger haben, Heißhungeranfälle bekommen, nichts bis wenig essen, wieder Hunger haben und mit Heißhungeranfällen reagieren. Da ich mich nicht ausgewogenen ernährte, überfiel mich mein Verlangen nach den Dingen, die ich mir so selten gönnte. Ich war ständig im Verzicht und im „Nicht-dürfen-Modus“. Das Böse war das Ungewohnte und somit das Reizvolle und Verlockende.

Irgendwann lernte ich, dass ich diesen Problemen mit einer ausgewogenen Ernährung aus dem Weg gehen kann. Natürlich brauchte es eine Zeit mich abseits von meinem „Size Zero“ Idealbild zu entfernen und mich mit zwei oder drei Kilogramm mehr auf der Waage wohlzufühlen. Aber so wie ich heute bin, bin ich gesund und fühle mich wohl. Früher war ich dünn und abgemagert, heute habe ich Muskeln und einen schönen runden Po. Ich esse das, was mir schmeckt und worauf ich Lust habe. Ich weiß, dass wenn ich auf meinen Körper höre, im Mittel nie zu viel dabei herauskommt. Denn wenn ich wirklich mal einen Tag schlemme und ein wenig mehr esse, als mein Körper braucht, dann habe ich am nächsten oder übernächsten Tag deutlich weniger Hunger oder mehr Lust aus Sport und es gleicht sich so ganz schnell wieder aus. Dieses Vertrauen in Veränderung musste ich erst über die Zeit aufbauen. Ich musste über Jahre erleben, dass sich eigentlich kaum etwas an mir verändert, wenn ich mal etwas mehr esse und ein bisschen weniger Sport mache. Früher war das alles für mich ein großes Drama und kam mit einer überwältigenden Angst, dass ich die Kontrolle verlieren könnte. Heute weiß ich, dass mich auf ganz natürliche Weise immer um einen gesunden Mittelpunkt herum bewege und keine zwanghafte Kontrolle notwendig ist.

Genauso ist es auch mit meinen Gefühlen. So lange hatte ich mir Wut und Ablehnung nicht erlaubt, sodass sie mich übermannten wenn sie aufkamen. Sie machten sich in mir breit und wollten gespürt werden und weil diese Gefühle so ungewohnt für mich waren, fühlten sie sich so intensiv an und machten mir Angst. Ich hatte das Gefühl, dass sie sich mir aufdrücken und mich nicht mehr loslassen würden, wenn ich sie zuließ. Also verbannte ich sie schnell wieder aus meinem Leben. Besser nichts fühlen, als von negativen Gefühlen beherrscht zu werden.

Die Heilung und ein gesunder Umgang mit negativen Gefühlen liegt aber wie in der Ernährung nicht darin alles „Schlechte“ aus meinem Leben zu verbannen. Es geht darum jedem meiner Gefühle eine Daseinsberechtigung zu geben und sie anzunehmen, wenn sie aufkommen. Wenn ich sie nicht unterdrücke, müssen sie nicht mit aller Macht versuchen sich mir aufzudrängen. Indem ich mich dieser Gefühle annehme, kann ich mit ihnen leben, anstatt gegen sie zu kämpfen. Ich kann heute Trauer, Wut und Ablehnung spüren und sagen: „Ok. Ich spüre euch. Ihr seid jetzt da. Was wollt ihr mir sagen?“ Sie sind heute genauso willkommen wie jede andere Emotion und deshalb quälen sie mich nicht mehr. Meine Gefühle sind heute wie ein gut eingespieltes Orchester – keine dominanten Divas, die sich aufspielen müssen, damit sie das Gefühl haben wahrgenommen zu werden. Sondern ein Fluss der Emotionen mit Solos jedes Einzelnen.

Da ich meine Essstörung lange vor meinem Gefühlschaos bewältigt habe, hilft mir der Vergleich sehr. Ich weiß, dass ich nach Jahren des Kampfes heute in der Lage bin völlig entspannt zu essen. Also bin ich auch in der Lage mit meinen Emotionen völlig entspannt umzugehen, wenn ich sie in ihrer gesamten Bandbreite annehme.

 

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