Tag 52:
Ein Mann für mich,
statt einen Vater für meine Kinder

Ich habe in den letzten Tage noch einmal viel über das Thema „gewollt werden“ vs. “gebraucht werden“ nachgedacht. Zu trennen was man will und was eher unter das Motto „Sei für mich da, weil ich dich brauche“ fällt, ist oft gar nicht so einfach. Wo hört ein realistischer Wunsch auf und gleitet in eine unreife Bedürftigkeit ab? Und vor allem: Wie sieht eine Beziehung eigentlich aus, die ganz allein auf dem Gefühl des “miteinander sein wollens“ beruht und in der die beiden Partner einander eigentlich gar nicht brauchen.

Was ich manchmal möchte ist Familien-Idyll. Spielende Kinder und glückliche Eltern. So, wie es uns stets als Lebensziel verkauft wird. So, wie ich es als Kind nie hatte. Und um diese Traumvorstellung zu erreichen, gehört ein Mann an meiner Seite irgendwie dazu. Oft steht dies für mich nur im direkten Gegensatz dazu glücklich zu sein. Der Streit, die Kompromisse und die Angst den anderen zu verlieren. All diese Beziehungskonflikte beschweren mich nur mehr, als dass sie mir gut tun würden. Und in der Konsequenz muss ich wieder ausbrechen, weil das Zusammensein mit diesem Menschen mein Glücklichsein zu sehr belastet.

Seitdem ich Beziehungen führe, scanne ich potenzielle Partner auf ihre Papa-Fähigkeiten ab. Ist er aufmerksam, fürsorglich, interessiert, intelligent? Gibt es irgendwelche Dinge, die er hat und die ich für meine Kinder ungern möchte? Meine Männer-Checkliste ist viel mehr auf essentielle Vater-Eigenschaften ausgerichtet als darauf, was mir als Frau eigentlich gut tut. Schließlich muss doch ich mit diesem Mann – vorzugsweise bis zum Rest meines Lebens – klarkommen. Die Kinder sind irgendwann gezeugt und auch irgendwann wieder aus dem Haus. Aber die Partnerschaft der Eltern besteht im Idealfall davor und danach.

Vielleicht tue ich dies, weil ich selbst keinen Vater hatte. Vielleicht auch deswegen, weil ich meinen Kindern einen möglichst guten Start ins Leben verschaffen möchte und ich überlegter an die ganze Sache heran gehen möchte. Ich möchte für meine Kinder bessere Voraussetzungen als die, die ich in meiner Kindheit vorfand. Ich möchte für sie ein leichteres und glücklicheres Leben.

Und genau hier liegt mein Problem: Anstatt mich auf Männer einzulassen, die MIR wirklich gut tun und mit denen ich mein Leben verbringen möchte, suche ich nach einem Vater für meine Kinder. Und dies führt dazu, dass ich mir oft kein ganzes Leben mit diesem Mann vorstellen kann. Was ich von ihm möchte, ist meinen Kindern ein guter Papa zu sein. Nach diesen Kriterien wähle ich aktuell aus. Dies ist eine Art der Auswahl, die mich nicht zu meinem Ziel führen kann, dauerhaft glücklich zu werden. Denn dafür lege ich die falschen Maßstäbe an. Und genau dies führt dazu, dass ich Angst vor dem Ende habe. Ein Ende, das bei solch einer Beziehungsgrundlage unvermeidlich ist. Dieses Motiv für Beziehungen, führt automatisch in Konflikte und Kompromisse. Und in der Konsequenz steige ich aus der Beziehung aus, habe keine Lust mehr und finde wieder andere Männer attraktiv. Andere Männer, die mir vielleicht das geben, was ich mir für mich wünsche.

Ich spüre daher oft eine Ambivalenz zwischen meinen Gefühlen. Wenn ich jemanden kennenlerne, den ich mag und der mir gut tut, aber keine Papa-Eigenschaften mitbringt, rationalisiere ich meine Gefühle und rede ihn mir aus. Lerne ich jemanden kennen, der ein guter Papa wäre und mit dem ich “ok” klarkomme, rede ich ihn mir ein. Ich hoffe dann, dass wir uns über die Zeit einspielen. Aber es ist nicht wirklich er, den ich will.

Ich rede oft davon, dass ich nicht ausgenutzt werden will. Und im gleichen Atemzug wünsche ich mir einen Mann mit Papa-Eigenschaften, mit dem ich Kinder haben will. Wenn ich mit ein wenig Abstand darüber nachdenke, dann ist doch auch das ein Ausnutzen des anderen. Würde ich mit ihm zusammensein wollen, wenn das Thema Familie und Kinder nicht im Raum stehen würde? Vermutlich nicht.

Ich spüre gerade wieder einen dieser „Aha-Momente“. Wenn ich daran denke wie viele Jahre ich an meiner ersten großen Liebe hing, weil ich dachte, dass ich nie wieder jemanden finden würde, der mir so hübsche Kinder machen würde und gleichzeitig so ein guter Vater wäre. Die Beziehung an sich war schon längst vorbei, unsere Gefühle für einander erkaltet und die Lust verflogen und doch konnte ich ihn genau aus jeneb Beweggründen so lange emotional nicht ziehen lassen.

Ich muss mir ein anderes Männer-Schema aufbauen. Aktuell habe ich noch keine Ahnung wie das genau aussehen wird. Zumindest aber habe ich heute schon einmal verstanden, das ich mir in erster Linie einen Mann für mich suchen muss. Nur so haben wir eine Chance dauerhaft glücklich zusammenzubleiben – auch wenn die Kinder irgendwann ihr eigenes Leben führen. Ich muss meine Angst davor ablegen, dass meine Kinder vielleicht auch nicht den perfekten Vater haben werden. Ich muss aufhören zu glauben, dass ich die Fehler meiner Kindheit ausmerzen kann. Ich darf nicht darauf hoffen, dass ich über eine erfüllte Kindheit meiner Kinder, die Wunden meiner eigenen Kindheit heilen kann. Stattdessen muss ich annehmen was war und mir nicht von meiner Vergangenheit meine Zukunft diktieren lassen. Denn eines ist wichtiger als die perfekten Eigenschaften: Ein liebevolles und wertschätzendes Elternhaus.

 

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statt einen Vater für meine Kinder

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