Tag 48:
Der Eine für immer?

In den letzen Tagen habe ich mich intensiv mit der Angst vor dem Ende auseinander gesetzt. So wie wir uns vor dem Ende fürchten, so sehr kann uns auch die Unvergänglichkeit sorgen. In beidem ist die Herausforderung, im Hier und Jetzt zu bleiben und das zu genießen oder zu akzeptieren was gerade ist, anstatt sich von dunklen Zukunftsfantasien wegtragen zu lassen.

Insbesondere wenn wir viele Beziehungsversuche hinter uns haben, die nicht geglückt sind, ist die Angst vor erneutem Ende präsent. Sie klopft nicht an, sondern schleicht sich einfach heimlich herein und überfällt einen. Sie sitzt wie ein kleines Teufelchen auf der Schulter und macht uns das Leben schwer.

Es ist nicht nur die Angst, dass schöne Momente gehen und wundervolle Personen weiterziehen könnten, es ist auch die Sorge davor, dass man nicht in der Lage sein wird den aktuellen Zustand in der Zukunft fortzuschreiben und das, was man sich heute verspricht, irgendwann brechen zu müssen.

Ich habe unglaubliche Angst vor Monogamie. Die Vorstellung ab Punkt X nur noch einen Mann bis zum Ende meines Lebens haben zu dürfen, weckt Panik in mir. Es fühlt sich so einengend an. Als wenn sich zwei Hände um meinen Hals legen und mir langsam die Luft abschnüren. Ich kann nicht in einer Beziehung mit schlechtem oder unbefriedigendem Sex leben. Sex ist mir wichtig. Und leider habe ich es noch nie erlebt, dass ich einen Mann auch noch über Jahre hinweg gleichbleibend sexuell anziehend fand. Irgendwann wurde selbst der tollste Supersex gewöhnlich. Irgendwann hatten wir unsere Routinen und mit ihnen verschwand die Lust. Sex zu haben erfolgte dann zumeist nur noch aus der Motivation heraus Sex haben zu müssen. Schließlich war man ja ein Paar und kein platonisches Gefüge. Im Stillen war ich oft froh, sobald es vorbei war. Es war nicht mehr berauschend und ich verzehrte mich nicht mehr danach. Es war der Versuch etwas aufrechtzuerhalten, dass wir irgendwo auf der Strecke verloren hatten. Vielleicht war es auch nie echt vorhanden und dieser Mangel wurde von der Leidenschaft der Anfangszeit überdeckt.

Wenn ich ehrlich bin, habe ich in meinem Leben noch keinen Menschen getroffen, mit dem ich hätte mein ganzes Leben verbringen wollen. Ja, meine Bindungsangst hat dabei sicher einen großen Anteil. Aber: Es gab bis dato einfach keinen Mann, der mich so umgehauen hätte, dass ich ihn – und nur ihn –  bis zum Ende meines Lebens jeden Tag darin präsent gewollt hätte. Vielleicht hätte ich mich dazu zwingen können – wegen der Kinder oder dem Haus, das man gemeinsam gebaut hat. Aber allein die Vorstellung von nun an nur noch einen Mann zu haben, schreckte mich davor zurück, diesen Schritt einzugehen.

Unser Gehirn kennt ja bekanntlich die Worte „nicht” oder „kein“ nicht. Ihr kennt bestimmt das berühmte Beispiel mit dem rosa Elefanten. Sobald ich mich also auf einen Mann einlasse und denke, ich darf „keinen anderen Mann mehr wollen“ kommt in meinem Kopf bloß an „anderen Mann wollen“. Und genau das passiert dann auch. Sobald ich mich eingelassen haben und ein bisschen Sicherheit in die Beziehung eingekehrt ist, schaltet mein Hirn um auf „andere Männer wollen“. Dieser Gedanke steigert meine generelle Panik vor der Langeweile einer Langzeitbeziehung ins Unermessliche. Ich sag’s euch, Teufelskreis.

Genau deshalb bin ich in den letzten Jahren so viel von A nach B und wieder zurück gesprungen. Die Zeit des gegenseitigen Eroberns war interessant und intensiv. Aber sobald ich ihn hatte und sich Alltag einspielte, schlich sich meine Angst in unser Bett und bewertete alles was er anstellte danach ob es Potenzial für Langfristigkeit hätte. Ist er gut genug im Bett? Ist er offen genug – sexuell und emotional? Kann das mit uns funktionieren? Und die Angst vor der Zukunft trug mich weg und ließ mich fliehen. All die Unsicherheiten waren mir zu viel. Ich wollte wieder zurück in die Sicherheit mit mir.

Manche Menschen leben daher nach dem Prinzip der Polyamorie. Ehrlich gesagt, kann ich damit nichts anfangen. Wenn mir der Mann zu Hause im Bett zu langweilig wird, weiß ich nicht warum ich die Beziehung weiterführen soll. Weil wir so gut reden können? Naja, dann sollten wir doch lieber Freunde bleiben. Polyamorie funktioniert für mich nicht. Ich hab es probiert. Und dann kam Mr. wunderschöne Nacht im Mai” und trug mich von dem Mann, mit dem ich polyamourös lebte, weg. Er war besser im Bett, küsste leidenschaftlicher und schenkte mir mehr Aufmerksamkeit. Ich konnte danach den Sex mit Christian einfach nicht mehr genießen. In meinen Gedanken war ich nur noch bei den wundervollen Sex-Momenten mit einem andere Mann. Sex wurde für mich zur emotionalen Belastung. Es war einfach nur noch furchtbar. Ich wollte weiterhin alles andere von ihm, aber ich wollte und konnte nicht mehr mit ihm schlafen. Auf das, was ich hätte zu Hause essen können, war mir der Appetit vergangen. Auch wenn es vorher mein Lieblingsessen war und so gut und intensiv schmeckte. Irgendwie war es plötzlich fad und abgestanden. Das Verfallsdatum war früher als gedacht abgelaufen.

Und genau hier liegt mein Problem: Entweder das, was ich zu Hause habe, ist gut, dann will ich keinen anderen. Oder aber das, was ich im eigenen Bett finde, ist schlecht, dann will ich einen anderen Mann. Wenn mein Seelenpartner nicht mein Superheld in der Horizontalen ist, dann bleibt ihm nur das Siegel „bester Freund“. Vielleicht kann ich mich in Durststrecken auch mal wieder auf „Freundschaft Plus“ einlassen. Aber ich kann nicht mein ganzes Leben lang unbefriedigenden Sex haben. Soweit geht meine Selbstkasteiung für eine gemeinsame Zukunft dann auch wieder nicht.

Um eines klarzustellen. Es geht mir nicht darum ständig mit anderen Männern zu vögeln. Was mir Angst macht, ist irgendwann in einer Beziehung festzustecken, in welcher der Sex eingeschlafen und schlecht ist. Meine einzige Beziehung, die in den letzten Jahren ohne diese Angst ausgekommen ist, war mit einem Mann, der schon am ersten Abend klarmachte, dass er auf gemeinsame MF+ Abenteuer steht. Ich habe relativ bald festgestellt, dass er gravierende Probleme mit sich hatte, sodass es nicht dazu kam mich in dem Bereich mit ihm auszuleben. Aber es nahm mir die Angst mich auf einen Sexpartner für den Rest meines Lebens festlegen zu müssen. Daher konnte ich mich auf ihn einlassen ohne Fluchtimpulse zu verspüren. Das klingt jetzt vielleicht hart und oberflächlich, aber das ist nun mal die Wahrheit. Ich habe oft darüber nachgedacht. Nüchtern betrachtet klingt das nach einem sehr vernünftigen Konzept: Statt den Partner vom Platz zu stellen, bleibt er integraler Bestandteil des Spiels. Man erhält die Verbindung und macht es weiterhin zusammen, anstatt sich voneinander zu entfernen. Statt zu denken „Du alleine bringst es nicht“, bin ich ihm auf einer tieferen Ebene dankbar. Denn er ermöglicht mir dieses Spiel und schenkt mir diese Erfahrung. Ich glaube tatsächlich, dass dieses Konzept funktionieren kann, wenn man die Offenheit dafür aufbringt und es ein festes und inniges Band gibt, das beide Partner auch auf den anderen Ebenen miteinander verbindet.

Neben unterschiedlichen Beziehungskonzepten, die jeder für sich individuell bewerten muss, gibt es einen wichtigen anderen Trick. Es ist essentiell im Moment zu bleiben. Es gilt den Satz „Ich darf keinen anderen Mann mehr haben“ umzustrukturieren hin zu „Ich will (im Moment) nur diesen Mann“. Denn wenn ich ehrlich bin, geht es mir bei meinen MF+ Gedanken vor allem um das Gefühl der Freiheit und des sich nicht 100% und für immer festlegen Müssens. Ob ich dann diese Karte jemals ziehe, ist eine andere Frage. Aber ich habe das Gefühl mir Gedanken mit anderen Männern erlauben zu dürfen, statt sie mir verbieten zu müssen. Denn ihr wisst ja sicher selbst, um den bekannten Reiz des Verbotenen.

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4 Gedanken zu „Tag 48:
Der Eine für immer?
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  1. Die Frage nach dem einen für immer habe ich mir auch schon oft gestellt. Dieses endgültige Festlegen auf einen Mann machte mir, je länger ich darüber nachdachte, früher auch immer mehr Bauchschmerzen. Aber das hat sich bei meiner jetzigen Beziehung völlig geändert. Ich hatte plötzlich das Gefühl, hey, der isses. Ich will den, für immer. Und dieses Gefühl ist mit der zeit immer mehr zu einer Gewissheit geworden. Auch beim Sex war es in vorherigen Beziehungen oft so, wie du es beschrieben hast. Irgendwann ermüdend und man hatte immer öfter “fluchtgedanken“. Aber jetzt habe ich das Gefühl meinen Seelenverwandten gefunden zu haben, beim Sex und auch in allem anderen. Wir haben uns auch überlegt, mal ein dreier-abenteuer auszuprobieren, hatten aber noch nicht das vergnügen, jemanden zu finden der mitmachen will. Ich denke, es ist wichtig, sich nicht an dem Gedanken festzuhalten, ob es denn halten wird. Irgendwann kommt der Moment in dem man fühlt, dass es passt. Und bis dahin, alles nehmen wie es kommt 🙂

    1. Meine Liebe,

      vielen herzlichen Dank für deine Worte. Ich finde es so schön, dass du deine Geschichte hier teilst und uns anderen, die diese Art von Partnerschaft noch nicht gefunden haben, Hoffnung schenkst. Es ist so schön zu lesen, dass du dies trotz ähnlicher Ausgangslage gefunden hast.

      Ich wünsche euch alles erdenklich Gute für euer Glück und eure gemeinsame Zukunft.

      Beste Grüße
      Deine Lena

  2. Ein sehr schöner Blog, Kompliment !
    du hast ziemliche Angst alleine zu sein, ausgenutzt und nicht gehört zu werden.
    Du spielst nach kurzer Beziehung mit Fluchtgedanken und kannst dich nicht hingeben ohne einen Hintergedanken zu haben dass du und dein Körper nur ausgenutzt werden. Ohne dass jemand Intersse an deinen Gefühlen und an deinem Wesen hat. Das ist sehr schade.

    Ist es nicht so dass zu einer guten Beziehung nicht nur Sex gehört. Klar der Sex ist wichtig, auch mir, sehr sogar.
    In einer guten Beziehung wächst man mit seinem “zusammen” Leben und Lieben.
    Offenheit in allen Fragen rund um Sex gehört dazu, wenn man darüber spricht und keiner der Partner Hemmungen hat seine Wünsche und Fantasien offen zu legen dann sollte es auch klappen mit dem “zusammen” sein , Lieben etc.
    Du redest in deinem Blog sehr viel über die Männer die immer nur den schnellen Sex wollen und die Frau als Gegenstand sehen den mann schnell mal fickt und dann beseite schiebt bis zum nächsten mal wenn der “Mann” wieder mal Lust hat gehts wieder von vorne los. Tatsaächlich sind viele Männer so , ich kenn mich da aus ich bin ja ein Mann ;o)
    Ich wünsche mir für dich, dass du dass in dir findest was du suchst, nur wirst du nichts finden wenn du keine Kompromisse in einer Beziehung eingehst.
    DU musst wissen was du willst, was du erwartest von dem Partner.
    Selbst wenn du den Traum-Mann gefunden hast wird es mit Sicherheit irgendwann einen Alltag geben, in dem sich das Leben einspielt. Wenn du dann mitmachst und der Partner es auch drauf hat immer wieder auszubrechen aus dem Alltag, verrückte Sachen zu machen das Leben, die Liebe und auch den Sex zu geniessen, dann hast du es geschafft! Vielleicht hast du dann DEN richtigen gefunden. Aber viele gibts davon nicht ;o)

    Mach weiter so und Kopf hoch du bist noch Jung, ich wünsche dir nur das Beste !!!

    LG Andy

    1. Lieber Andy,

      vielen lieben Dank für deine Zeile. Ich spüre so viel Anteilnahme und Empathie in deinem Kommentar – schön, dass du so ein herzlicher Mensch/Mann bist.

      Ich denke so wie du – nur weil man jemanden gefunden hat, mit dem es passt, läuft man danach nicht bis zu seinem Lebensende Hand in Hand auf rosa Wolken. Auch eine gute Beziehungen aus den richtigen Gründen und mit dem richtigen Menschen braucht Arbeit, Zeit und Geduld. Danke für die Erinnerung daran. 🙂

      Liebe Grüße
      Lena

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