Tag 40:
Loslassen von Ängsten

Nachdem ich in den letzten 7 Tagen viel über das Loslassen von Erinnerungen, Zukunftsfantasien und Erwartungen reflektiert habe, geht es heute weiter mit dem Loslassen von Ängsten.

Eine Angst, die in meinem Leben immer wieder sehr präsent ist, ist die Angst vor dem Alleinsein. Allein, einsam und den Schwierigkeiten und Gemeinheiten des Lebens schutzlos ausgeliefert. Deshalb habe ich solch große Probleme damit Menschen loszulassen. Insbesondere Menschen, die das Leben verkörpern nach dem ich mich als Kind so sehr gesehnt habe – frei, leicht, wohlhabend, die Welt bereisend, glücklich…

Als ich Teenager war, wollte ich immer einen Freund mit Haus und Garten. Ich selbst lebte mit meiner Mutter in einer Plattenbauwohnung im „Ghetto“ der Stadt. Als Ghetto wurde das Plattenbauviertel meines Heimatortes bezeichnet. Dort wohnte nur Menschen, die sich nicht mehr leisten konnten oder Arbeitslosengeld bekamen. Eine traumhafte Kindheit sieht anders aus…

Aus dem Freund mit Haus und Garten, wurde über die Zeit ein Mann mit einer großen Karriere und Status. Männer, die nur einen mittelmäßigen Job hatten, schreckte mich ab. In mir kam dabei sofort die Sorge hoch, dass ich für diesen Menschen wieder stark sein und mich um ihre finanziellen Nöte kümmern muss. Es war ein Fluchtreflex davor, wieder die Schwere der Welt auf meinen Schulter tragen zu müssen. Es war die Weiterentwicklung einer Angst, die ich bis auf eine bestimmte Situation in meiner Kindheit zurückverfolgen kann.

Es gibt wenige Szenen, die ich noch so klar vor Augen habe, als dass sie gestern geschehen wären. Eine dieser Szenen ist die, wie ich neben meiner Mutter vor dem Geldautomaten stehe, sie die Kontoauszüge zieht und tief traurig und verzweifelt über die tief roten Zahlen darauf ist. Wir haben immer erst einmal den Kontostand gechecked, bevor wir einkaufen gegangen sind, um zu schauen wie schlimm es gerade auf dem Konto aussieht und abschätzen zu können, was wir uns leisten können. Und genau hier liegt das Problem: „Wir haben den Kontostand gechecked.“ Ich war vielleicht sechs oder sieben Jahre alt und war immer bei allem dabei.

In der gestrigen Coaching-Sitzung wurde mir klar, warum ich mein Heil in einem Mann erhoffte. Ich wollte jemanden, der mich raus aus dieser Situation holt und mich davor bewahrt so etwas jemals wieder ertragen zu müssen. Es war die Sehnsucht nach dem Papa, der eigentlich hätte an meiner Stelle dort neben meiner Mutter stehen müssen. Die kleine Lena wollte mit all der Trauer und der Verzweiflung nicht belastet werden, sie war ein kleines Kind. Das waren definitiv keine Kinder-Themen.

Anstatt, dass ich unbeschwert mit anderen Kindern spielte und mich mit altersgerechten Themen beschäftigte, zog mich meine Mutter in etwas hinein, um damit nicht allein zu sein. Sie wollte ihr Leid teilen und mit all dem parentifizierte sie mich. Sie behandelte mich wie einen Partner an ihrer Seite und ich fügte mich in diese Rolle. Daher war ich immer so verantwortungsbewusst, durchdacht und mitfühlend. Ich wurde zu einer starken Schulter an ihrer Seite. Anstatt ihre kleine Tochter zu sein, wurde ich zu etwas ähnlichem wie ihrer Mutter. Der Mutter, deren Aufmerksamkeit und Liebe sie während ihrer Kindheit so vermisste.

In dieser Szene vor dem Kontoauszugsdrucker hatte ich nur einen Wunsch:

„Ich will weg von hier. Ich will hier nicht sein. Bitte bringt mich weg.“ 

Und aus dieser Angst vor ähnlichen Situationen, entwickelte ich mein Leben in eine Richtung, die die Gefahr reduzieren sollte, dass ich jemals wieder etwas ähnlich Leidvollem ausgesetzt bin. Meine Lebensziele waren ein Mann, der mich beschützt und ein Job, in dem ich viel Geld verdiente. Der Mann ist die Bindungsperson, die mich nicht erneut mit finanziellen Sorgen belastet. Er ist auch der Papa-Ersatz, den ich mir gewünscht hätte, damit ich nicht diese Stelle im Leben meiner Mutter einnehmen muss. Er ist der starke Ritter, von dem ich mir erhoffte, dass er mich nimmt und in ein anderes Leben entführt. Ein Leben mit einer anderen Familie und weniger Problemen. Daher viel es mir so schwer mich von meiner ersten großen Liebe zu trennen, denn durch ihn hatte ich eine Ersatzfamilie, die mir ermöglichte der Enge meiner Ursprungsfamilie zu entkommen. Jeder Mann, der etwas von dem verkörpert, wonach ich mich früher so sehr sehnte, wird festgehalten. Und aus der Angst heraus wieder allein und schutzlos all dem Leid ausgesetzt zu sein, klammere ich in Trennungssituationen. Es ist die kleine Lena in mir, die klammert. Denn Loslassen bedeutet für sie wieder in ihr altes und trauriges Leben zurückzufallen und wieder allein all den Schwierigkeiten ausgesetzt zu sein.

Der einkommensstarke Job sollte es mir ermöglichen mir nie wieder Sorgen über Geld machen zu müssen. Dieses Thema war für mich mit viel zu viel Schmerz und Leid verknüpft war. Es schien mir als ein gangbarer Ausweg jemals wieder auf diese Weise in einer Bankfiliale stehen zu müssen. Ich entwickelte mich in eine möglichst andere Richtung als meine Mutter, denn ich wollte um keinen Preis später einmal mit den gleichen Problemen kämpfen müssen. Daher ließ ich mich von einer Welt anlocken, die dicke Gehälter und finanzielle Sorglosigkeit versprach. Statt zu überlegen: „Welchen Job möchte ich wirklich machen?“ war der Gedankengang bei mir immer: „Bei welchem Job kann ich am meisten verdienen?“ Dass ich nach dem Abitur nicht Wirtschaft, sondern Medizin studiert habe, war wohl einer der seltenen Momente, in denen ich auf mein Innerstes hörte. Ein kleiner Ausreißer aus meinem Muster, über den ich heute so unendlich dankbar bin.

Wichtig zu verstehen ist, dass diese Wünsche nicht meinem wahren Ich entsprungen sind, sondern aus der Angst und dem Schmerz meines inneren Kindes. Es ich wichtig zu erkennen, dass das was ich lange Zeit glaubte wollen zu wollen, ein Überlebensmechanismus war, um mich vor erneutem Leid zu beschützen. Allerdings ist es ein Mechanismus, den ich heute nicht mehr brauche.

Ich bin heute eine eigenständige und erwachsene Person, die selbst auf sich aufpassen kann. Ich brauche keinen Beschützer mehr an meiner Seite. Stattdessen wünsche ich mir einen Partner auf gleicher Augenhöhe. Außerdem habe ich in meinem Leben eine gute Ausbildung genossen. Die Angst nicht genug Geld zu haben, um mein Leben unbeschwert zu führen, ist irrational.

Mir dies bewusst zu machen, dass meine kindlichen Ängste noch heute das Steuerrad meiner Lebensführung in den Händen halten, ist auf der einen Seite sehr bedrückend und auf der anderen Seite befreiend. Dies verstanden zu haben, lässt mich meine Gefühls- und Verhaltenswelt hinterfragen und neu strukturieren.

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