Tag 348:
Emotionale Achterbahnfahrten

Wer meine letzten Monate verfolgt hat weiß, dass ich manchmal ziemlich emotional sein kann. Das kann eine Stärke und genauso ein Fluch sein. Es macht mich einfühlsam und gleichzeitig habe ich manchmal das Gefühl in meinen Emotionen zu ertrinken. Machmal fällt es mir nämlich wirklich schwer auf „Spur” zu bleiben und vernünftige Entscheidungen zu treffen, wenn mich meine Gefühle gerade mal wieder übermannen und ich ihnen zu viel Gewicht geben. Und gleichzeitig ist es nicht einfach mich nicht von meinen Gefühlen leiten zu lassen.

„Folge deinem Herzen solange zu lebst.“ war einer der Sprüche, mit denen mich meine Mama erzogen hat. Grundsätzlich eine schöne Einstellung und in vielerlei Hinsicht richtig. Doch kann das Ganze zum Problem werden, wenn die Emotionen ständig wechseln und dadurch auch die eigene Lebensführung sprunghaft, impulsiv und unüberlegt wird. Denn Gefühle kommen und gehen und sind oftmals ziemlich chaotisch, sprunghaft und verquer. Wenn man daher einzig und allein auf Basis seines aktuellen Stimmungsbildes handelt, sind die Erfahrungen, die man macht, zwar oft sehr spontan und abenteuerlich, aber es fehlt der übergeordnete Kurs in eine bestimmte Richtung. Man springt von links nach rechts und wieder zurück und verbraucht bei den ganzen Kurswechseln ziemlich viel Energie, was über die Zeit auslaugt. Oft ist man selbst und auch andere etwas verwirrt ob der eigenen Sinneswandlungen. Daher ist es für emotionale Menschen wie mich so wichtig zu lernen auch der Vernunft ein wenig Mitspracherecht bei den eigenen Entscheidungen zu geben.

Ich habe dazu im Buch “Emotionale Intelligenz” von Daniel Goleman ein schönes Zitat gefunden:

“Es geht nicht darum, dass man negative Emotionen meiden muss, um zufrieden zu sein, sondern darum, dass man stürmischen Gefühlen nicht erlaubt, alle angenehmen Stimmungen zu verdrängen.”

Er beschreibt in dem Buch, dass man seine emotionalen Muster laut aktueller Forschung nicht ganz wegbekommt, aber zumindest lernen kann nicht mehr so emotional auf die Reize zu reagieren, denen man ausgesetzt ist. Man spürt dann ggf. immer noch den Impuls zur Handlung, aber kann sich bewusst dazu entscheiden nicht bzw. anders zu reagieren. Emotionales Umlernen sozusagen. Und das ist schon ein großer Gewinn, wie ich finde. Auch wenn ich mir sicher gewünscht hätte, meine Altlasten ganz beiseite schieben zu können und ein ganz neues Leben zu führen.

Ich habe mir beim Lesen des Buches klargemacht, dass es ein hoffnungsloses Ziel ist meine alten Muster komplett wegzubekommen. Es wäre schön, aber ich muss wohl damit leben. Alles was ich tun kann, ist sie abzumildern und mich so anzunehmen wie ich eben bin. Wahrscheinlich wird es mein Leben lang so bleiben, dass ich auf bestimmte Reize – zumindest in den ersten Millisekunden – gleich reagiere. Die ersten Gefühle in mir werden sozusagen dieselben bleiben. Was ich allerdings tun kann ist die Assoziationen und Verhaltensweisen, die ich auf Basis dieser ersten schnellen emotional-getriggerten Reaktionen zeige, zu verändern. Ich kann meine Emotionalität quasi mit Rationalität überschreiben.

Tatsächlich ist dies auch eine der Erkenntisse, die mich ein Freund vor Kurzem hat machen lassen. Er beschäftigte sich mit den Persönlichkeitstypen nach Jung bzw. dem MBTI-Test und das so detailliert, dass er mir darüber quasi einen Fachvortrag hielt. Auch in diesem Test zeigte sich, dass meine Emotionalität eine meiner ausgeprägtesten Eigenschaften ist. Er erklärte mir, dass es wichtig ist, die unterschiedlichen Funktionen zu integrieren und dass es für Menschen, die sehr fühlend sind eben auch wichtig ist das Denken nicht zu vernachlässigen bzw. diese Funktion nachzureifen. Ein Mensch kann demnach nur optimal funktionieren, wenn er beides kann.

An dem Abend verstand ich noch einmal besser, warum es mir so gut tat mit diesem Blog zu beginnen. In dem Moment hörte ich auf nur emotional in meine Welt einzutauchen und begann mit etwas mehr „Köpfchen“ und Reflexion an meine emotionalen Themen heranzugehen. Alles, was dieser Blog ist, ist in vielerlei Hinsicht meine eigenen Gedanken zu ordnen und sie nicht mehr nur chaotisch durch meinen Kopf kreisen zu lassen. Es hat mir geholfen meine emotionalen Hochs und Tiefs mit etwas Distanz zu reflektieren und durch das Schreiben bin ich immer wieder aus dem Gefühlsstrudel zurück in meinen Verstand gekommen und habe mich dadurch immer wieder ganz schnell beruhigt. Ich merke, dass ich genau das brauche – ein paar rationale Verhaltensweisen, die mich aus meinen Gefühlen wieder zurück ins Leben ziehen. Genau daran muss ich mich ganz bewusst immer wieder erinnern, damit ich mich mit meinem Verstand an meinen eigenen Haaren aus einem Gefühlsmoor ziehen kann, wenn ich gerade mal wieder dabei bin in meine Gefühle zu versinken. Und dass es mir wahnsinnig gut tut zu lernen, die Funktion des Denkens, die bei mir in Liebesangelegenheiten zu oft unter den Tisch gefallen ist, anzuwenden und so daraus neue Stärken zu ziehen.

Ich denke es ist dabei wie bei allem im Leben – es kommt auf die Balance an. Radikalitäten sind nie gut. Eine entsprechende Integration des Gegenpols ist wie im Yin-Yang der chinesischen Lehre wichtig.

Seitdem ich verstanden habe, dass ich meine Emotionen immer wieder entsprechend erden muss, fällt es mir leichter mit diesen umzugehen und sie zu überleben. Sie wirken nicht mehr so bedrohlich auf mich. Ich habe irgendwie verstanden, dass sie nur ein Teil der Instrumente sind, mit dem ich meine Welt sehen und den Kurs bestimmen kann. Ich kann daher jedem von euch, der manchmal das Gefühl hat von seinen Emotionen überrannt zu werden und aus dem Gleichgewicht zu kommen, empfehlen sich in emotional ruhigen Momenten ein paar sinnvolle Verhaltensweisen für schlechte Zeiten zu überlegen, so wie ich es im letzten Post mit den Regeln für Kennenlernphasen gemacht habe.

Außerdem rate ich dir in emotionalen Phasen deine Gefühle und Gedanken aufzuschreiben oder auf andere Weise etwas mehr in die ordnende Funktion des Verstandes zu kommen. Ich meine damit nicht den Stimmen deiner Saboteure Auftrieb zu verleihen, sondern Verhaltensweisen zu trainieren, die dich aus deiner emotionale Überflutung herausbringen und wieder klar sehen lassen. Das muss nicht wie bei mir ein Blog sein. Manchmal hilft es auch einfach ein paar Gedanken in ein Notizbuch zu schreiben oder einen Brief an die Person zu schreiben, mit der du gerade Stress hast – ohne diesen wirklich abschicken zu wollen. Wichtig ist nur, dass du weißt wie du immer ein bisschen Verstand ins Gefühl bekommst und anders herum. Das ist nämlich tatsächlich der Schlüssel für ein entspanntes Leben.

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