Tag 34:
Loslassen von Erinnerungen und Zukunftsfantasien
(Teil 2)

“Wir verklären die Vergangenheit und überfrachten die Zukunft“

Diesen Satz habe ich gestern auf Deutschlandfunk im Radio gehört und er ist so wahr! Was wir im Jetzt nicht wollen, ist in der Rückschau oft gar nicht mehr so schlimm. Das was unsere Trennungsgründe waren, vergessen wir und ersetzen es mit verschönten Erinnerungen, die aus der Sehnsucht nach dem anderen entstehen. Und anstatt das heute zu genießen, sind wir oft viel zu sehr in der Zukunft bzw. dem, was werden könnte. Ein Teufelskreis. Denn so wir wir uns unsere Zukunft vorstellen, wird sie oft auch.

Während des Kennenlernens ist mir eine bestimmte Kaskade der Betrachtung meines Gegenübers bekannt:

  1. Kennenlernen
  2. Nett finden
  3. Näher kennenlernen und gemeinsame schöne Momente genießen
  4. Noch mehr tolle Seiten an dem anderen entdecken
  5. Eine Faszination für den anderen entwickeln
  6. Zukunftsfantasien spinnen
  7. Den anderen von sich begeistern, weil haben wollen
  8. Angespannt sein und Angst vor Ablehnung bekommen
  9. Vorsichtig werden und eine gewisse Distanz entwickeln (Selbstschutz)
  10. Rückzug bzw. Festhalten

Ich finde es immer wieder höchst interessant an mir selbst zu beobachten, wie aus einem „finde ich nett“ ein „bitte mag mich“ wird. Sobald ich an dem anderen mehr und mehr wundervolle Seiten entdecke, springt meine Fantasie an und projiziert uns beide in eine gemeinsame Zukunft. In dieser verbringen wir wundervolle gemeinsame Urlaube, ziehen zusammen oder gründen eine Familie. Oft habe ich mich gefragt, warum ich diesen Mechanismus nicht ausschalten und einfach in der Gegenwart sein kann. Je mehr ich darüber nachdenke, desto leichter fällt es mir meine zugrundeliegenden Muster aufzudecken und zu verstehen.

Muster 1: Ich denke extrem viel darüber nach, ob wir beide, mit dem was wir mitbringen, nicht nur in der Gegenwart funktionieren, sondern ob dies auch langfristig und in die Zukunft fortgeschrieben funktionieren kann. Indem ich überlege ob das aktuelle Objekt meiner Begierde in mein Leben passt, ist er in der Fantasie schon drin – positiv oder negativ. Meine Analyse möglicher Zukunftskompatibilität, manifestiert ihn in meine Zukunftsgedanken und der Teufelskreis beginnt. Denn dadurch entstehen Erwartungen.

Muster 2: Sobald ich realisiere, dass er diese oder jene Facette an sich hat, die ich mir an einem Mann wünsche, möchte ich ihn genau für diese Funktion in meinem Leben haben und behalten. Sobald er anfängt diese Rolle einzunehmen und wir gemeinsam tolle Momente erleben, zementiert sich diese Vorstellung und ich möchte sie in die Zukunft fortschreiben. Die Sehnsucht übernimmt ab diesem Moment die Kontrolle und manipuliert meinen Verstand.

Viele dieser Dinge habe ich mir so unglaublich lang gewünscht und geduldig gewartet. Wenn ein Mensch sie verkörpert, kommt bei mir daher schnell der „haben wollen“-Impuls – unabhängig davon ob dieser Herr wirklich in mein Leben passt oder es gut für uns wäre es miteinander zu versuchen. Allein ein zarter Kontakt mit den von mir lang ersehnten Eigenschaften, beflügelt ein Verlangen. Und dieses Verlangen macht es mir so unglaublich schwer loszulassen.

Genauso war es mit Mr. wunderschöne Nacht im Mai”. Er ist Christian in vielen Dingen verblüffend ähnlich. Und gleichzeitig gab er mir das, was ich an Christian so lange vermisste. Er rief mich an, kommunizierte (be)ständig mit mir und nahm mich zu Veranstaltungen mit. Wir zogen zusammen um die Häuser, tanzten durch die Nacht und er küsste mich vor allen Gästen mitten auf der Tanzfläche. Christian und ich hatten ein Zusammensein hinter geschlossenen Türen. Mit Mr. Traumnacht war ich frei. Wir stiegen auf die Fahrräder, fuhren Händchen haltend an den Strand und küssten uns an jeder Ampel. Wir machten Liebe statt zu ficken. Er sah mein Wesen in seiner Gänze – das Innere sowie das Äußere. Es war all das worauf ich bei Christian geduldig wartete. Es war so wunderschön, dass ich ihn trotz unserer beiden grundverschiedenen Ausgangssituationen nicht loslassen wollte. Ich klammerte mich an ihn und verdrängte die Realität, obwohl ich wusste, dass es falsch war. Die Hoffnung in mir nach Erlösung war zu groß. Sie verblendete mein Urteilsvermögen. Und statt wie eine erwachsene Frau zu agieren, nahm mein inneres Kind das Zepter in die Hand. Das Kind, dessen Vater sich nie bei ihr gemeldet hatte. Deshalb heulte und klammerte ich an ihm wie ein quengelndes Kleinkind als klar wurde, dass wir dies nicht fortführen können. Ich wollte, dass er mich annimmt, mich festhält und mich nicht zurücklässt, wie es mein Vater getan hat.

In meinen Verstrickungen mit Männern, spiegelt sich oft die Sehnsucht nach meinem Vater wider. Der Wunsch nach dem Beschützer, den ich nie hatte, ist so immens groß. Lange habe ich versucht einen Partner zu finden, der die Vaterrolle in meinem Leben einnehmen und mich beschützen kann. Das ist allerdings keine wahre Liebe, sondern eine Dienstleistungsbeziehung. Es gilt für mich anzunehmen, dass dieser Mensch in meinem Leben fehlt und immer fehlen wird, statt die Erlösung in einem Partner zu suchen. Der Versuch wird scheitern. Denn wenn mir dies gelänge, würde die kleine Lena die Beziehung führen und nicht die erwachsene Frau, die ich mittlerweile bin. Es wird noch Zeit brauchen dies nicht nur rational, sondern auch emotional anzunehmen. Aber wenn ich dies schaffe, werde ich freier sein. Unter dieser Voraussetzung werde ich in der Lage sein, mein Leben als erwachsene Frau zu führen und ich werde in der Lage sein, dass Steuer in der Hand zu halten, sobald die Wunden meines inneren Kindes geheilt und die Tränen getrocknet sind. Es ist diese Ausgangslage, die ich erreichen muss, um mit einem anderen gemeinsam frei sein zu können. Denn sonst werden mich immer die Geister der Vergangenheit festhalten und mir jedes Zusammensein mit jemanden letztendlich zur Qual machen.

Ich kann dich nur ermutigen, darüber nachzudenken, aufgrund welcher Eigenschaften du gewisse Personen nicht loslassen kannst. Dies aufzudecken hilft ungemein sich von der Person, die diese Merkmale verkörpert zu distanzieren und dich selbstständig deinen eigentlichen Bedürfnissen zuzuwenden. Der Mensch, an dem du festhälst ist nämlich nur die Reflexionsfläche deiner zugrundeliegenden Wünschen. Erst wenn du selbst in der Lage bist diese zu befriedigen, wirst du Menschen anlocken, die mit dir die erwachsene und leichte Beziehung führen können, nach der du dich (vielleicht) so sehr sehnst. Denn erst dann führt nicht mehr das sehnsüchtige Kind in dir die Beziehung und sucht sich Partner für dich aus, sondern ab diesem Zeitpunkt wird dein erwachsenes Ich im Fahrersitz deiner Gefühlswelt sitzen.

P.S.: Hier der direkte Link zu Teil 1 (einfach anklicken)

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