Tag 334:
Ich darf dir sagen was ich brauche

Gerade ist mir noch einmal ein großes Licht aufgegangen. Und zwar geht es um meine Gefühle im Kontakt mit Männern. Sobald ein Mann in meinem Leben ist, an dem ich mehr als nur ein platonisches Interesse habe, wird es oft ganz plötzlich emotional kompliziert für mich. Ich merke, wie ich anfange darüber nachzudenken was und wann ich ihm schreiben „darf“ und „kalkuliere“ meinen Kontakt bzw. meine Kontaktversuche. Ich bin plötzlich wahnsinnig rational, kontrolliert und komme mir selbst fremd vor. In dieser Zeit leide ich wirklich regelmäßig unter mir selbst und dem Zwiespalt meiner emotionalen und rationalen Impulse. Insbesondere in den ersten Wochen, in denen man sich noch kaum kennt und das Vertrauen in den gegenseitigen Kontakt erst wachsen muss, hakt es für mich i.d.R. am meisten.

Eigentlich dachte ich es würde daran liegen, dass ich einfach nicht so nervig und bedürftig sein will, wie ich meine Mutter früher immer empfand. Ihre Nähe- und Kontaktbedürftigkeit engte mich oft ein und strengte mich an. Auf keinen Fall möchte ich jemals so sein und bin deshalb in dem Bereich extrem vorsichtig und überempfindlich. Gleichzeitig verleiht mir das leider auch die Tendenz dazu unnahbar zu wirken. Sicher hat das Muster meiner Mutter einen Anteil an meinem Verhalten. Gerade habe ich allerdings noch einen anderen Aspekt erkannt, der hier mit hinein spielt. Ich durfte nämlich auch nie im Kontakt mit der einen männlichen Bindungsperson sein, auf die es während meiner kindlichen Entwicklung wirklich angekommen wäre – meinem Vater.

Bis zu meinem 28. Lebensjahr hatte ich keinen Kontakt zu ihm. Ich sollte ihm nicht zur Last fallen und es wurde mir immer so erzählt, dass er in seinem Leben keinen Platz für mich hätte. Daher unterdrückte ich meine Bedürfnisse nach Nähe und Kontakt und gewöhnt mich daran Männern gegenüber meine Gefühle nicht zeigen zu dürfen. In der Tat ist mein ganzes emotionales Muster so ausgerichtet gewesen, dass ich Männern meine Bedürfnisse nicht offen kommunizieren durfte und konnte. Man kann quasi sagen, dass ich es einfach nie gelernt habe einem Mann, an dem ich ein emotionales Interesse habe, offen zu sagen was in mir vorgeht und was ich mir von ihm wünschen würde. Ich wollte mit meiner Emotionalität einfach nie jemandem zur Last fallen, denn ich hatte stets das Gefühl kein Recht dazu zu haben. Diese Neuronen und Nervenverbindungen wurden bei mir einfach nie angelegt. Es war wie eine Sperre in meiner Kommunikationsstruktur.

Es sind so simple Dinge, wie dass ich nie so etwas gesagt habe wie: „Papa, nimm mich mal in den Arm.“ oder “Papa, ich würde gern Zeit mit dir verbringen.”  Es klingt banal. Aber wenn ein Mensch gewisse Dinge einfach nie getan hat, dann fallen genau diese Dinge einem im Erwachsenenalter schwer – auch wenn sie von außen wahnsinnig einfach wirken. Ich habe schon vor ein paar Wochen realisiert, dass ich mit Männern tatsächlich immer wieder meine Kommunikationsmuster zwischen meinem Vater und mir nachspielte und heute einmal mehr begriffen, dass ich hier wohl noch gewisse Dinge nachlernen muss. Die Gesetze meiner Kindheit gelten heute nicht mehr und ich darf in Kontakt mit Männern treten ohne ständig Angst davor zu haben abgelehnt oder bestraft zu werden. Ich darf heute meine eigenen Bedürfnisse ins Zentrum meines Tuns stellen – damit meine ich keine egozentrische Hysterie und Dramatik – aber wenn ich mit einem Menschen im Austausch sein möchte, dann darf ich auch den ersten Schritt dazu machen, statt jahrzehntelang auf den anderen zu warten. Und wenn ich damit jemandem wirklich „zur Last“ falle, dann ist es ihm ja freigestellt dies kundzutun bzw. sich aus der Interaktion zurückzuziehen.

 

Ich denke bei allem im Leben quälen uns die Dinge, die wir uns aus den falschen Gründen verbieten am meisten. Es ist wie im Yoga, wenn man den Widerstand loslässt und sich einfach in die Pose hingibt. Dann plötzlich befreit sich etwas und macht Platz für Neues. Dieses „Ich darf mich melden und in Kontakt gehen“ fühlt sich gerade sehr befreiend, wenn auch ein bisschen befremdlich an. Wahrscheinlich ist es genau das, was ich in den nächsten Schritten üben muss. Einfach mal machen, was sich richtig anfühlt und nicht immer über alles ewig nachdenken und abwägen. Passt ja ganz gut zum letzten Post. 😉

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