Tag 3:
Zurück in die Vergangenheit

Einmal Himmel und zurück

Manchmal braucht es nicht viel, um in die Vergangenheit zu reisen. Keine verrückte Zeitmaschine. Manchmal reicht nur ein Anruf. Gestern rief mich mein Ex an. Mr. “Wundervolle Nacht im Mai“ – falls ihr meinen Blog-Opener gelesen habt. Er hatte ihn gelesen und wollte mit mir in alten Erinnerungen schwelgen. Er ruft immer mit Video an – ein sehr visueller Mensch. Und sofort waren die alten Erinnerungen an die gemeinsamen Momente wieder da. Was damals passiert ist, war pure Achterbahn.

Wir haben uns beim Frühstücken in einem Café kennengelernt und waren auf den ersten Blick voneinander fasziniert. Ein Wort ergab das nächste. Ein bisschen Liebe auf den ersten Blick, denn wir hatten sofort eine intensive Verbindung zueinander. Er sagte an diesem Morgen sofort ein paar seiner Meetings ab, um mehr Zeit mit mir zu verbringen und nahm mich sogar noch mit auf einen Kaffee in sein Büro, weil wir uns einfach nicht voneinander verabschieden wollten. Ich weiß noch wie ich danach wie auf einer rosa Wolke durch die Stadt schwebte. So etwas hatte ich noch nicht erlebt. Direkt am gleichen Abend trafen wir uns zum Dinner. Danach ging jeder in sein Bett. Aber der Funke war schon längst übergesprungen. Ich erinnere mich, wie ich in der gleichen Nacht von ihm träumte. Der Traum allein war so unglaublich intensiv. Ich ahnte noch nicht wie intensiv es mit uns noch werden würde. Ein Wochenende hier, eine Einladung dorthin und hunderte Telefonate. Es ging alles so verdammt schnell. Fast wie in der Achterbahn wenn man von 0 auf 100 beschleunigt wird. Er machte mich sprachlos. Es erschien perfekt. Wir verliebten uns innerhalb weniger Wochen ineinander und genau dann wurde es kompliziert, denn er war nicht frei. Als ich es erfuhr, stürzte für mich eine kleine Welt zusammen. Ich heulte wie ein Schlosshund und war am Boden zerstört. Direkt am Morgen nach unserer Traumnacht im Mai trennten wir uns – es war die Nacht in der er mir sagte, dass er mich liebte. Es war zu viel, zu gefährlich, zu fordernd, zu wenig das, was ich für meine Zukunft und mein emotionales Gleichgewicht wollte. Er war einfach zu verheiratet. Und ich wollte nie eine Geliebte sein. Die Achterbahn kam abrupt zum Stehen. Noch schlimmer – sie knallte gegen die Wand – und alles ging so schnell, dass ich gar keine Zeit hatte, den Sicherheitsgurt festzuschnallen. Einmal Himmel und zurück.

Es war der Tag als ich anfing über meine Erfahrungen mit der Liebe zu schreiben, denn ich hatte so viel zu verarbeiten und wollte die Energie, die zu diesem Thema in mir steckte, nicht in Tränen über meine Wangen kullern lassen, sondern in etwas Gutes kanalisieren. Ich wollte kein Opfer sein, dass leidet und sich in seinem Elend suhlt. Ich wollte das annehmen, was mir gegeben wurde und das Beste daraus machen. Also rappelte ich mich auf, taumelte ein wenig, klopfe den Staub von meinen Sachen und klebte schnell ein paar Pflaster auf die Platzwunden, die ich mir beim Aufprall geholt hatte. Es war ja nicht meine erste Trennung – ich wusste also was ich tat und auch was ich nicht tun wollte. Also klappte ich meinen Laptop auf und schrieb mir alles von der Seele. Gleichzeitig fing ich an mich mit dem Thema Liebe nicht nur über Rosamunde Pilcher und Jane Austen zu informieren, sondern mich auch in ein paar wissenschaftliche und philosophische Konzepte zum Thema Liebe einzulesen. All das führte mich Schritt für Schritt zu der Idee von ONE YEAR NO GUY.

Ich lernte unglaublich viel durch die Zeit mit ihm. Vor allem mich nicht mehr auf deutlich ältere und schon gar nicht auf verheiratete Männer einzulassen bzw. früher danach zu fragen. Ich lernte auch – zumindest indirekt – was es heißt dem anderen gegenüber “committed” zu sein, denn egal wie verknallt er in dem Moment war, eine Trennung von seiner Frau lehnte er rigoros ab. Und so war es für uns beide die richtige Entscheidung das Ganze so schnell wie möglich zu beenden, denn unsere Vorstellungen von dem, wie es mit uns weitergehen sollte, waren in keinster Weise miteinander vereinbar.

Liebe ist partielle Amnesie

Als ich ihn gestern wieder am Telefon sah, überkam mich daher auch kein Gefühl der Sehnsucht. Nein, es kamen auch keine alten Verliebtheitsgefühle in mir hoch. Seit der Nacht im Mai war so viel passiert. All das wirkt heute so unglaublich weit weg. Die Schmetterlinge blieben im Winterschlaf. Denn ich wusste, dass egal wie schön es damals war, ein „wir“ keine Chance auf Zukunft hat. Ja sogar im Gegenteil, ich schaute ihn an und fragte mich wie ich mich je auf ihn einlassen konnte. Warum ich nicht noch schneller nein gesagt hatte und warum ich bei dem Blick auf den Ring an seinem Finger nicht sofort freundlich aber bestimmt Reißaus nahm. Wahrscheinlich, weil ich genau diese Einsichten erst mit ihm erlangen musste. Wahrscheinlich, weil ich diese unfassbare Intensität brauchte, damit sich diese Lektion für immer einbrennt.

Das Gemeine am Verliebtsein ist ja, dass im Moment der Faszination die rosarote Brille fest auf der Nase sitzt und es schwer fällt die eigene Situation genau zu reflektieren. Das merkte ich immer wieder, wenn ich selbst in einer unklaren Situation mit einem Mann war bzw. wenn im Unterschied eine Freundin eine ähnliche Situation erlebte und mich um ihren Rat bat. Es ist immer so viel leichter anderen einen Rat zu geben. Im Vergleich dazu ist es der Horror sich selbst objektiv anzuschauen UND auch noch danach zu handeln. Das Schlimme ist, es ist jedes Mal aufs Neue so. Die Erfahrungen der Vergangenheit sind Dank des lustig-bunten Hormoncocktails in meinem Blut oft wie weggespült und ich glaube – mal wieder – sehr naiv daran, dass jetzt endlich alles gut wird – auch wenn ich den Herrn – mal wieder – noch so gar nicht kenne. Sich daran zu erinnern, hilft mir mittlerweile mit ein wenig mehr Entspannung in die Kennenlernphase zu starten. Um ehrlich zu sein, treibe ich die Entspannung ja gerade auf die Spitze, da ich mich mit Sex gerade ja so überhaupt nicht hetzen lassen.

Vielleicht ist danach zu viel zwischen uns passiert oder nicht passiert. Vielleicht war die Enttäuschung über sein Verhalten nach dieser Nacht zu groß, als dass ich heute noch etwas fühlen will oder kann. Vielleicht ist es Selbstschutz, vielleicht habe ich auch nur eine andere Seite an ihm entdeckt, die die anderen so perfekt erscheinenden Seiten relativiert. Vielleicht habe ich auch einfach nur meine Lektion mit ihm gelernt und deshalb kann ich ihn heute ziehen lassen.

Diesen Rückblick zu wagen tut unglaublich gut. Insbesondere wenn ich daran denke, wie schwer es mir fiel ihn aus meinem Herzen gehen zu lassen und wie lange ich brauchte, mich wieder aufzurappeln und glücklich zu sein. Heute bin ich glücklicher denn je. Es war kaum vorstellbar, aber ja, es ist alles gut geworden und ich wache heute nicht mehr jeden Morgen auf, denke an ihn und wünschte mir, dass er neben mir liegen würde. Es ist sogar so, dass ich gar nicht mehr an ihn denke, wenn ich aufwache. Ich bin wieder zurück in meinem Leben und er in seinem.

Lasst euch das ein Hoffnungsanker sein, wenn ihr auch gerade durch eine Trennungsphase oder andere schmerzliche Themen in eurem Leben geht, denkt daran, wie ihr andere Schwierigkeiten gemeistert habt und dass es in der Rückschau alles gar nicht so schlimm war. Ich hoffe, dass ich über mein ONE YEAR NO GUY-Experiment in 12 Monaten auch so sprechen kann und dass es mir eine neue Form der Ruhe und Gelassenheit verleiht.

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9 Gedanken zu „Tag 3:
Zurück in die Vergangenheit
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  1. Nach den ersten drei sehr interessanten Texten bin ich schon sehr gespannt auf weitere Beiträge. Ich befinde mich zwar in keiner ähnlichen Situation, dennoch finde ich das Thema sehr spannend und dein Vorhaben sehr erfrischend. Ich hoffe du machst viele gute Erfahrungen im nächsten Jahr und findest deinen Weg.

    Liebe Grüße,
    Laura

  2. Wow!
    In deinen Texten steckt so viel Wahrheit und ich finde mich darin ständig wieder.
    Ich war in einer ähnlichen Situation und deine Worte bestärken einen, immer weiter zu machen und nicht zurück zublicken – auch wenn man wieder fallen wird und von neuem aufstehen und weiter gehen muss.
    Danke, dass du dein Experiment hier teilst!

    1. Danke für deine Worte. Es freut mich so sehr, dass dich mein Experiment und auch meine Worte motivieren. Und du hast so recht – wenn wir lernen wollen, müssen wir auch das Risiko in Kauf nehmen, mal hinzufallen und zu scheitern. Beim nächsten Mal machen wir es besser. Durch jede auch noch so schlimme Erfahrung lernen wir dazu. Aus meinen größten Fehlern habe ich immer am meisten gelernt. 🙂

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