Tag 284:
Mehr Mehr Mehr

In den letzten Wochen ist mir das Schreiben spürbar schwer gefallen. Warum? Weil mir das Wälzen meiner Probleme aus der Vergangenheit und das Nachdenken über mögliche Zukunftsszenarien unnötig erscheint, seitdem ich – zumindest größtenteils – gelernt habe im Jetzt zu sein. Ich habe mich von der Welt zurückgezogen, weil mir das meiste, das ich nach außen geben kann oder im Außen finde, belanglos erscheint. Das was ich in den letzten Tagen und Wochen in mir spüre, hat keine Worte und kann mit Worten nicht beschrieben werden. Es geht so viel tiefer.

Dieser Zustand des „Mit-Mir-Seins“ hat sich in der letzten Woche noch einmal intensiviert, nachdem ich mit “Mr. wundervolle Nacht im Mai” telefoniert habe. Wir hatten in den letzten Monaten keinen Kontakt. Nicht, weil wir uns gestritten hätten. Sondern weil es sich so einfach leichter angefühlt hat. Wenn ich ihm schreibe, dann wollte ich in der Vergangenheit auch immer seine Aufmerksamkeit und hatte Angst, dass ein Kontaktversuch meinerseits auf Zurückweisung oder keine Antwort von ihm stoßen würde. Doch auch hier erkannte ich alte Muster, die dem jahrelangen Nicht-Kontakt zu meinem Vater sehr ähnelten. Also nahm ich mir ein Herz und brach diese alten Verhaltensmuster auf. Ich schrieb ihm ob ich ihm schreiben dürfte und noch am gleichen Nachmittag telefonierten wir für eine Stunde. Es war wie immer – wunderschön. So schön, dass es schwer ist dieses Gefühl auszuhalten, weil es gleichzeitig so tief und so weit ist. Es gibt keinen Vergleich, den ich hier heranziehen könnte. Ein Gefühl, für das ich in meinem Wortschatz kein Bezeichnung habe. Es ist intensiver und klarer als alles, was ich mit Worten beschreiben kann. Es ist wie reine Energie und absolute Präsenz. Nach meinem heutigen Erkenntnisstand würde ich es als reines Bewusstsein bezeichnen. Doch für jede weitere Schilderung fehlen mir die Worte. Wahrscheinlich schweigen wir auch deshalb so gern und so viel miteinander, weil dieses Gefühl nicht greifbar ist. Es ist.

Seit unserer ersten Begegnung ist diese tiefe Verbindung zwischen uns präsent. Es ist jedes Mal mehr wie eine tiefe spirituelle Erfahrung, die Mal um Mal mein Leben verändert hat. Alles ich ihn kennenlernte, hat das mein Leben verändert. Als ich realisierte welche Absolutheit ein Moment und eine zwischenmenschliche Verbindung haben kann, wollte ich nicht mehr in mein altes Leben zurück. Alles was ich bis dahin lebte, schien mir belanglos. Und genau deshalb fiel es mir damals auch so schwer ihn wieder loszulassen. Ich wollte dieses Gefühl, das er in mir triggerte, nicht wieder abgeben. Ich fühlte mich angekommen. Alles war so klar. Ich fühlte mich so stark. Es war als ob ich in den Händen halte, was ich immer gesucht habe. Doch ich musste es loslassen, um es nicht nur durch ihn, sondern auch in mir zu finden. Ich musste nicht nur mit ihm, sondern auch unabhängig davon erwachen. Und auch wenn es schwer war, es war in der Rückschau so perfekt und richtig. Hätte es damals nicht so wehgetan, wäre ich meinen Weg nicht auf diese Weise gegangen, wie ich es in den letzten Monaten getan habe.

Damals – an einem regnerischen Apriltag – fühlten wir uns wie zwei Aliens, die auf einem fremden Planeten ausgesetzt worden waren und endlich den entsprechenden Artgenossen gefunden habe, mit dem sie sich endlich so zeigen können, wie sie sind. Bei uns waren nie Fassaden nötig. Wir sprechen die gleiche Sprache, haben die gleichen Ziele und auch Wünsche für diese Welt. Die Worte floßen einfach aus uns heraus und wir sahen uns mit ungläubigen Augen an – ergriffen von der Tiefe und Freude des Moments.

Als wir nun letzte Woche miteinander telefonierten, merkte ich wie in mir sofort wieder ein Wunsch nach „mehr“ aufkam. Ich wollte mehr Zeit mit ihm, mehr Gespräche, mehr Schweigen, mehr Kontakt, mehr alles. Wie kann ich auch nicht mehr von etwas wollen, das sich wie pure Erfüllung und Angekommensein anfühlt? Wenn wir miteinander sind, steht die Welt still und ich habe das Gefühl, dass ich meinen Platz auf dieser Welt gefunden habe. Doch dann fragte ich mich: Wann wäre dieser Wunsch nach Mehr erfüllt? Wenn er mir jeden Tag schreiben und mich anrufen wurde? Nein, das hatten wir schon. Das war nicht genug. Wenn wir uns öfter sehen würden? Nein, denn bei jedem Abschied wäre der Wunsch den Moment des Zusammenseins auszudehnen präsent. Wenn wir uns jeden Tag sehen würden? Ja, vielleicht ein bisschen. Aber ich würde ihn sicher jede Sekunde vermissen, die wir unabhängig von einander wären und alles um mich herum vergessen, nur dass ich mit ihm sein kann. Ich merkte wie enorm der Anspruch war, den ich hatte und dass dieser nie und von keinem Menschen befriedigt werden könnte – nicht einmal von ihm. Es war ein Fass ohne Boden, dessen Loch zuerst gestopft und nicht noch mehr Wasser hineingeschüttet werden müsste. Also tat ich auch hier etwas anderes: Anstatt wieder und wieder und wieder den Kontakt mit ihm zu initiieren und zumindest ein bisschen von diesem Gefühl in kleinen Dosen verpasst zu bekommen, setzte ich mich hin und meditierte in dieses Gefühl hinein. Ich erforschte es, weitete es aus und integrierte es in mir, anstatt mich von einer Quelle im Außen abhängig zu machen, die meinen unendlichen Durst niemals stillen wird. Ich lernte dieses Gefühl reinen Bewusstseins und liebevoller Präsenz in mir zu verankern und trage es seitdem – mal mehr und mal weniger – in mir.

Ich habe verstanden, dass kein Kontakt und keine Beziehung mir das geben können werden, wonach ich mich eigentlich immer gesehnt habe. Was ich immer suchte war eine Art spirituelle Transformation mit einer Steigerung meines Bewusstseinszustandes, das zwar in gewissen Dingen wie eine Art Verliebtheit anmutet, doch in Wahrheit unabhängig von dieser bzw. einer anderen Person ist. Ich dachte früher eine Beziehung könnte mich in diesen Bewusstseinszustand heben und dann für immer dort halten. Deshalb war Zweisamkeit und partnerschaftliche Liebe für mich immer das wichtigste im Leben, dem ich alles andere unterordnete. Doch kein Mensch kann dieses Fass ohne Boden in mir füllen. Das kann ich nur selbst und jede Beziehung, die ich führen würde um das zu erreichen, wäre von Tag 1 zum Scheitern verurteilt.

Ich habe verstanden, dass er mir geholfen hat den Zugang zu diesem Gefühl zu bekommen und immer wenn ich diesen verliere, kann ich ihn anrufen und mich wieder mit diesem verbinden. Er ist quasi wie mein Bewusstseinsanker, wenn meine täglichen Meditationsroutinen nicht greifen sollten. Doch er ist nicht dieses Gefühl. Dieses Gefühl ist in mir und nicht im Außen – nur manchmal helfen bestimmte Trigger wie, bspw. Liebe, diesen Seinszustand wahrzunehmen. Auch Momente in der Natur können z.B. dieses Gefühl in mir triggern. Wenn ich auf das weite Meer schaue, spüre ich diese Weite auch in mir – es macht mich immer wieder sprachlos und ergreift mich innerlich gewaltig. Auch deshalb bin ich so gern in der Natur und lebe so gern am Wasser. Laut Eckhart Tolle hilft uns die Weite und Ruhe der Natur, die Weite und Ruhe in uns zu spüren, weil uns dann nichts mehr von unserem Selbst ablenkt und wir bei der Betrachtung des endlosen Firmaments eigentlich die Weite und den Raum in uns selbst spüren.

Seitdem ich dies erkannt habe, habe ich Frieden in mir. Denn ich weiß, dass der Frieden und das, wonach ich immer gesucht habe, in mir liegen und es keinen vagen Zeitpunkt in der Zukunft geben wird, an dem ich mich erfüllt fühlen werde. Ich fühle mich ganz und erfüllt im Hier und Jetzt. Es gibt keinen besseren als genau diesen Moment. Und um das Glück und die Erfüllung zu spüren, die ich so lange in einer Beziehung gesucht habe, habe ich alles in meinen eigenen Händen, was ich dafür brauche. Alles was dazu nötig war, war diese Erkenntnis. Es brauchte das Abschalten und den Rückzug von allen Ablenkungen um mich herum, um mich meiner Selbst und damit meiner Vollkommenheit bewusst zu werden. Ich brauchte die Abkehr von allem um alles im Nichts zu erkennen.

P.S.: Ich habe auch jetzt am Ende des Schreibens dieses Artikels, dass zwar die richtigen Worte auf dem Papier stehen, doch dass sie nicht im Geringsten beschreiben können, was ich eigentlich in mir fühle. Ich glaube, dass nur Menschen, die bereits ähnliches erlebt haben, nachvollziehen können, was ich meine. Es ist wohl wie mit der Erleuchtung – unbeschreiblich, weil so allumfassend. Ich weiß noch nicht, was dieses Gefühl in Zukunft mit meiner Lust auf das Schreiben machen wird. Wenn in mir alles klar und ich dieses Einsichten einfach nicht in Worte fassen kann, dann ist es schwer Blogbeiräge zu schreiben, denn es fühlt sich wie ein schlechter Abklatsch von dem an, was ich eigentlich ausdrücken möchte. Nur eines kann ich schon jetzt sagen, ich habe gefunden wonach ich gesucht habe. Vielleicht ist auch dem Ganzen deshalb gerade wenig hinzuzufügen. Und auch das nehme ich nun einfach mal so hin.

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