Tag 28:
Schwächen schwächen dich nur, wenn du sie versteckst

Leute. Hallo. Hier. Ich bin’s. Oh man, mir geht es so gut. Ich könnte die Welt umarmen und stecke so voller positiver Energie, dass ich es fast selbst nicht glauben kann. Wahnsinn. Gestern war für mich ein Tag einer extrem wichtigen Erkenntnis und ich kann es kaum erwarten sie mit euch zu teilen:

Schwächen schwächen dich nur, wenn du sie versteckst! 

Denn mal ehrlich, ich habe noch nie einen Menschen kennengelernt, der offen zu seinen Schwächen gestanden hat und damit nicht gut angekommen wäre. Es sind in der Regel die sympathischsten Menschen, die ich kenne. Anstrengend hingegen sind die, die versuchen eine Show zu spielen oder Kompensationen aufbauen, um ihre Defizite dahinter zu verbergen. Die Menschen saugen Energie, da sie die Bestätigung von anderen suchen und brauchen, statt sich selbst so zu lieben wie sie sind. Deshalb sind die Menschen, die in sich ruhen auch so anziehend und von einer besonderen Aura umgeben – sie investieren ihre Energie in einen guten Moment, statt sie aufzuwenden, um Anerkennung von außen zu bekommen.

Ich bin gestern nach einer gefühlten Ewigkeit mal wieder eine große Runde um die Alter gelaufen. Von mir bis zur Alster, einmal herum und wieder zurück zu mir nach Hause sind es 15 km. Wahnsinn. Ich fühlte mich toll und war so stolz.

Danach bin ich zu folgender Einsicht gekommen: Seitdem ich offen und ehrlich über alles und zu jedem bin, strotze ich förmlich vor Kraft und Energie. Ich fühle mich wacher, lebendiger, echter und habe das Gefühl zum ersten Mal in meinem Leben ganz ich zu sein – abseits von Konventionen und Glaubenssätzen. Ich erfinde mich neu und mit dem Entdecken neuer Seiten an mir wird ganz viel neue Energie in mir frei. Gleichzeitig versuche ich nicht mehr meine Schwächen zu verstecken. Früher habe ich unbewusst viel Kraft dafür aufgewendet dies zu tun. Ich war ständig am Bewerten und Nachdenken ob ich dies oder das tun soll und welches Verhalten in der Situation richtig ist, damit ich andere Leute nicht verschrecke. Ich war ständig im „Ich will gefallen“-Modus, weil mir der Selbstwert fehlte in meiner Gänze zu mir zu stehen. Stattdessen baute ich Kompensationen auf:

Kompensation 1: Eine schöne Fassade aufbauen

Ich versuchte meinen geringen Selbstwert hinter einem schönen Äußeren zu verstecken. Es war mein Schutzschild gegen Anfeindung und Abgrenzung. Je dünner ich wurde oder je mehr meine Bauchmuskeln zum Vorschein kamen, desto besser fühlte ich mich. Weil ich in der Schule früher ausgegrenzt wurde, grenzte ich mich selbst immer weiter über einen besonderen Körper ab. Ich bildete mir ein, je schöner mein Äußeres sei, desto weniger angreifbar wäre ich gegenüber Anfeindungen von außen.

Mich brachte dieser ganze Körperkult direkt in Essstörungen und Sportsucht. Es dauerte Jahre bis ich dort wieder heraus war. Heute esse und bewege ich mich gesund und liebe meinen Körper mit einem runden Popo, anstatt zu versuchen ungesunden Modelmaßen hinterher zu rennen.

Hierzu ein Beispiel: Nachdem Sebastian das erste Mal durchblicken ließ, dass er nicht wisse, wie er mit meinem OYNG-Experiment umgehen soll, war ich traurig. Ich war trotzig und irgendwie auch ein bisschen sauer. Was habe ich gemacht? Ich war shoppen! Ich habe mir für viel zu viel Geld ein Schutzschild nach außen gekauft im Sinne eines Koffers voller neuer Anziehsachen. Mich vor den Spiegel zu stellen, mich hübsch zu machen und mir vorzunehmen, wieder mehr Sport zu machen, um noch knackiger zu werden und wieder auf ein Sixpack zu trainieren, fühlte sich gut an. Es war wie ein „Fuck You! Ich brauche dich nicht. Ich bin heiß und du verpasst gerade was, wenn du mich nicht willst.“ Vielleicht kennst du den Begriff eines Revenge-Bodies. Aber: Das Ganze kann auch gefährlich sein bzw. nach hinten los gehen. Sport ist super, wenn er einem gut tut. Wenn du es allerdings nur machst, um deine Schwächen zu verstecken und dich stärker zu fühlen und damit weniger angreifbar für Kritik von außen zu sein, dann sind das die falschen Gründen jeden Tag ins Fitnessstudio zu laufen. Alles was du tust, solltet du für dich machen und nicht um jemand anderem damit den Leberhaken zu verpassen.

In meinem jüngsten Fall war es das Gefühl purer Abgrenzung, das ich während meines Einkaufs hatte. Es kam auf, um meine Gefühle der Schwäche unter Lagen neuer und schicker Klamotten zu verstecken. Es war einer meiner altbekannten Schutzmechanismen. Nur diesmal wusste ich welches Programm gerade abläuft und ich konnte viel gesünder und reflektierter damit umgehen. Ich begriff schnell, dass die Flucht in den Sport nicht helfen wird, um mich langfristig besser zu fühlen, sondern nur eine Kompensation meiner aktuellen Stimmungslage ist. Ich überlegte daher was ich für MICH tun möchte, um mich mit Energie aufzuladen und tat genau das, was MIR gut tat.

Kompensation 2: Der hellste Kopf sein, die höchsten Ziele haben und einen Berg von Abzeichen anhäufen

Ich war immer schlau. Aber nur schlau zu sein, reichte mir irgendwann nicht mehr. Ich wollte die Beste sein – die besten Noten und das beste Abitur. Auch im Studium reichte es mir nie eine Prüfung nur zu bestehen. Ich wollte immer die Bestnote und war enttäuscht, wenn es dazu nicht gereicht hat. Ich investierte all meine Kraft in Prüfungen, anstatt ein lebendiges Studentenleben zu führen. Meine Leistungen trug ich wie kleine Auszeichnungen vor mir her. Die Noten waren die Bestätigung dafür, dass ich gut bin. Eine Bestätigung, die ich sonst nicht spürte. Je mehr Anerkennung ich durch meine Leistungen erfuhr, desto mehr wurde mein Selbstwert durch Dinge mit kurzer Halbwertszeit aufgeladen. Anstatt mein Gefühl für mich nachhaltig zu stärken, investierte ich meine ganze Energie noch mehr in gute Noten, Auszeichnungen und dafür Stipendien anzuhäufen. Ich brauchte es, um meinen Selbstwert hochzuhalten, weil mein mühsam aufgebautes Gerüst sonst zusammengefallen wäre. Je mehr meine Selbstachtung durch Taten aufgeladen war, desto weniger traute ich mich einfach zu sein. Es war ein Teufelskreis, in dem ich gefangen war.

Die Folgen meiner Kompensationen war, dass ich viele Jahre, ja eigentlich fast mein ganzes bisheriges Leben, meine Gefühle nicht genug zu sein, hinter einem schönen Äußeren, tollen Klamotten und einem Berg von Zeugnissen und Auszeichnungen versteckte. Ich wollte heiß sein, damit ich anziehend wirke. Ich wollte erfolgreich sein, um bewundert zu werden. Alles, was ich nicht wollte, war es schwach zu sein. Klar, wer will das schon? Aber anstatt, dass mich meine Kompensationen langfristig in meinem Selbstwert gestärkt hätten, schwächten sie mich. Statt mich mit meinen Problemen auseinander zu setzen, lenkte ich mich mit all meinem Streben von meinen eigentlichen Problemen ab, weil sie zu sehr wehgetan haben. Wenn ich nach dem Sport unter der Dusche stand oder einen neuen Preis in den Händen hielt, fühlte ich mich stark. Das Einzige was stärker wurde, war jedoch meine Fassade. Gleichzeitig wurde mein emotionales Inneres immer weiter geschwächt. Der Erfolg wurde zu meiner Daseinsberechtigung und ich musste all meine Energie dazu aufwenden diesen aufrecht zu erhalten, weil ich sonst Angst hatte aufzufliegen und abgelehnt zu werden. Selbstwert beginnt da, wo der schöne Schein aufhört und man zu seinen Schwächen stehen muss.

Heute bin ich einfach ich und sage was ich denke und fühle – so wie es ist. Mein Leben ist viel leichter, denn ich taktiere nicht mehr. Ich bin jeden Tag ein Stückchen echter. Und die Energie, die ich vorher darin investiert habe, meine Fassade hochzuhalten bzw. so zu sein, wie ich dachte, dass man es von mir erwarten würde, steht mir heute umso mehr für mich zur Verfügung. Mit all dieser Extra-Energie kann ich mich und mein Leben noch viel mehr genießen. Ich mache heute Sport, weil es mir gut tut und kleide mich besonders, weil ich es mag. Aber es definiert mich nicht mehr. Ich fühle mich in Turnschuhen genauso wohl mit mir, wie im Mini-Kleid und wenn ich mal drei Tage keinen Sport mache und 15,3 Gramm zunehme, geht auch keine Welt mehr unter. Ich bin in allem viel entspannter und gelassener.

Ich kann dir nur empfehlen deine Energie in den Prozess zu investieren, dich selbst zu finden. Verschwende sie nicht, indem du sie in die falschen Ziele steckst bzw. darin eine Rolle zu spielen, die dir Anerkennung bringt. Das Problem dabei ist, dass unsere Kompensationen uns oftmals viel Anerkennung und Halt geben und sich so gut anfühlen bzw. zu unseren größten Stärken heranwachsen. Wenn wir dieses Spiel jahre- oder jahrzehntelang gespielt haben, wisse wir nicht mehr, wer wir ohne sie sind. Unser Selbst ist von meterdicken Kompensationsschichten verdeckt. Es gilt diese behutsam abzutragen und wieder zu deinem Kern und dir selbst hervorzudringen. Nur wenn du tief genug gräbst und so auf deinen Kern stößt, kannst du dein volles Potenzial entwickeln und ein erfülltes und glückliches Leben führen. Nur wenn du du selbst bist und merkst, dass du so wie du bist gut bist und angenommen wirst, lösen sich deine inneren Knoten und deine volle Pracht kann sich zeigen. Es ist ein Weg und kein kurzfristiges Ziel, aber es lohnt sich so sehr diese Reise anzutreten. Ich bin selbst noch mittendrin die Schichten abzutragen. Mit jeder Lage, die ich abschüttele, fühle ich mich leichter und befreiter. Stell es dir vor wie ein großer schwerer Rucksack voller Steine, den du jeden Tag mit dir herum trägst und der dir jeden deiner Schritt erschwert und dich müde macht. Am Anfang bist du von der Schwere erdrückt und dir fehlt jede Leichtigkeit. Je mehr Steine du dir entledigst, desto eher kannst du auch Mal springen, einen Umweg laufen und dich der Schönheit deines Lebens erfreuen.

Ich kann dich nur ermutigen dich zu trauen. Es ist ein wahnsinnig tolles Gefühl.

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