Tag 267:
Die Entdeckung der Langsamkeit

Freitagabend lag ich noch lange auf meiner Couch und genoß das wunderschöne Gefühl der Befreiung, das sich schon die ganze letzte Woche in mir ausbreitete. Ich lag eingewickelt in meine Kuscheldecke, schlürfte meinen Tee, hörte meine Lieblingsmusik und laß in einem meiner Lieblingsbücher – dem „Kurs in Wundern“. Darin fand ich einen Abschnitt, der mich sehr berührte:

“Ein wahnsinniges Glaubenssystem kannst du nicht von innerhalb dieses Systems bewerten. Seine Reichweite schließt das aus. Du kannst nur darüber hinausgehen und von einem Ort, wo geistige Gesundheit herrscht, zurückblicken und den Kontrast sehen. Nur durch diesen Kontrast kann der Wahnsinn als wahnsinnig beurteilt werden.“
(Ein Kurs in Wundern, Kapitel 9, VIII. 6.)

Ich schloß meine Augen und realisierte, dass ich mit meinem Entschluss für ein Jahr ohne Sex bzw. Männer zu leben genau diesen Schritt gegangen bin und diesen Abstand erzeugt habe, von dem in dem Zitat die Rede ist. Erst durch diese Distanz konnte ich den Wahnsinn sehen, dem ich unterlegen war. Erst indem ich mir erlaubte alles zu lassen, konnte ich reflektieren was davon ich bin und was ich für mein Leben möchte.

Mein Abstand und meine Reflexionen gehen dabei bei Weitem über das Zusammen- oder eben nicht Zusammensein mit Männern hinaus. Sie betreffen mein ganzes Leben und haben in so vielen Bereichen eine wunderschöne Transformation bewirkt. Ich habe einen ganz anderen Lebensrhythmus für mich entdeckt. Damit ich nämlich all diese Gedanken, Gefühle und Überlegungen in mein Leben einladen konnte, musste ich langsamer werden. Mein altes Leben war geprägt von ständiger Hast und Ungeduld. Ich bin immer mit einer wahnsinnigen Geschwindigkeit durch mein Leben gerannt und wollte am liebsten mit 25 schon all das erreicht haben, was andere mit 50 erreicht hatten. Auch deshalb hatte ich oft ältere Männer bzw. habe meine Zeit ingesamt lieber mit älteren Menschen als mit Altersgenossen verbracht, weil ich mit ihnen das Leben führen konnte, nach dem ich mich so sehr sehnte. Ich konnte nie stehen bleiben und fühlte mich getrieben. Dabei habe ich ganz viel der Schönheit entlang des Weges nicht gesehen, weil ich nur Augen für das Ziel hatte.

Eigentlich wollte ich nur ankommen. Ich hatte nur einen anderen Blick darauf, wie ich das erreichen könnte. Meine Vorstellung davon wie ich mein Leben leben wollte, war in etwa so: Ganz viel arbeiten, erfolgreich sein, viel Geld verdienen, um dann genug Geld dafür zu haben endlich Mal eine Pause machen zu können. Wenn ich heute ehrlich zu mir bin, dann ging es meinem wahren Selbst nie um den Erfolg. Eigentlich ging es mir immer um die Pause und die Ruhe, nach der sich meine Seele so sehr sehnte. Die Existenzangst, die ich zeitlebens in mir trug, erlaubte mir dieses Stehenbleiben nur nicht, solange ich nicht ein gewisses Maß an finanzieller Sicherheit angespart hatte. Nur irgendwie war keine Zahl auf meinem Konto genug.

Dieses Verhalten trieb mich immer weiter und weiter in die absolute Erschöpfung. Das, was ich machte und das, was ich wollte, waren so verschieden, dass ich ständig im Konflikt mit mir und meinen Zielen war. Ich wusste, dass das, was bzw. wie ich es tat, mir nicht gut tat. Und dennoch steuerte mich meine Angst immer wieder in die gleichen Situationen. Ich lief von einem Erschöpfungszustand zum nächsten, ruhte mich aus, nur um gleich danach wieder zu viel Gas zu geben und mich kurz darauf wieder an meinem energetischen Ende wiederzufinden. Das ging so über Jahre, bis ich tatsächlich in den letzten Wochen einfach nicht mehr konnte. Ich schaffte es nicht mehr stundenlang an meinem Schreibtisch zu sitzen, zu funktionieren und Leistung zu bringen. Ich saß einfach nur voller Anspannung und Angst vor meiner Arbeit – nicht wissend wie lange ich heute wieder arbeiten müsste, bis alles erledigt sein würde. Und meine Seele weinte leise im Takt des Tastaturanschlags, mit dem ich meine E-Mails beantwortete.

Nach all der Zeit des Kampfes und des stetigen Funktionierens habe ich auch hier letzten Endes endlich zugelassen schwach sein zu dürfen und nicht funktionieren zu müssen. Erst als ich aufhörte mich zu Leistung zu zwingen, begriff ich, wie viel Müdigkeit sich in mir angesammelt hatte. Wenn ich ehrlich bin, dann war es wohl das Aufgeben meiner Sportroutinen, dass eine ganz neue Langsamkeit in mein Leben brachte. Indem ich es schaffte hierbei herunterzuschalten, schaffte ich es auch in anderen Dingen die Geschwindigkeit herauszunehmen. Ich erlaubte mir loszulassen und alles so geschehen zu lassen, wie es sich gerade zeigte. Ich erlaubte mir das erste Mal in meinem Leben meinen Fokus nicht auf meine Leistungsfähigkeit zu setzen, sondern meinen Bedürfnissen Raum zu geben und anhand ihnen zu leben. Ich hörte auf wegzulaufen und das veränderte so viel. Ich fand einen ganz neuen Rhythmus. Und seitdem ich das zulasse, sprudeln die Gedanken und Erkenntnisse nur so aus mir heraus. Ich brauchte wohl die Langsamkeit, weil nur in ihr meine Gedanken und Gefühle Raum und Zeit finden, sich zu zeigen.

Nachdem ich mir erlaubte schwach zu sein, hatte ich einfach für ganz viele Dinge keine Kraft mehr, die ich früher nur unter absoluter Aufopferung und Einbringung aller meiner Energiereserven leisten konnte. Über Monate hinweg war ich immer wieder im abrupten Wechsel von Gas geben und Bremsen. Immer wieder wenn ich meine inneren Gänge hochschaltete, sagte meine Seele ganz schnell: „Halt! Stopp! Du bist schon wieder viel zu schnell!“ und zeigte mir meine Grenzen auf.

Auch wenn es mir so lange so schwer gefallen ist, ein Nicht-Funktionieren anzunehmen, so habe ich heute eine andere Perspektive darauf. Ich lasse es zu, weil ich glaube, dass mir mein Körper hier helfen will, meinen wahren Weg zu finden. Wenn man mit Tempo 250 auf der Autobahn fährt, ist es unmöglich die Schönheit der Blumen am Wegesrand wahrzunehmen. Auch kleinen und interessant scheinenden Abzweigen, die sich abseits der Hauptstraße zeigen, kann man bei so einer Geschwindigkeit nicht einfach folgen. Wenn man sie überhaupt sieht, müsste man eine Notbremsung machen und hätte mit großer Wahrscheinlichkeit einen massiven Autounfall verursacht.

Viele Menschen fragen mich, wie ich denn auf all meine Gedanken komme, die ich in meinem Blog beschreibe. Ich antworte dann immer wieder: „Ich nehme mir einfach die Zeit dazu und dann kommen die Gedanken und Erkenntnisse von ganz allein.“ Oft bekomme ich dann Folgendes erwidert: „Ich hätte für so etwas gar keine Zeit. Ich habe VIEL ZU VIEL zu tun.“ Ich lächele dann nur und sage: „Du hast andere Prioritäten und nimmst dir die zur Verfügung stehende Zeit nur nicht dafür, sondern für andere Dinge. Zeit haben wir alle.“ Irgendwie fühle ich mich beim Schreiben ein wenig wie ein Medium – die Gedanken sind alle schon da und wenn ich mich an meinen Laptop setze, fließen sie durch meine Finger auf das Display.

Jede Phase des Lebens hat ihre eigenen Bedingungen und ihre eigene Geschwindigkeit. In der Phase der Heilung und Transformation, in der ich mich gerade befinde, braucht es diese Langsamkeit. Es braucht genug Raum und Zeit, damit meine Gedanken und Gefühle Raum und Zeit haben, um aus den Tiefen meiner Seele aufsteigen zu können. Mehr noch – eine gewisse Entschleunigung ist die Grundlage dafür diesen Weg zu gehen und die Schönheit sowie die Geschenke entlang dieses Weges zu entdecken.

Natürlich war das zuerst eine große Umstellung für mich. Es bedeutet nämlich zu ganz vielen Dingen Nein sagen zu müssen, die ich früher im Kampfesmodus auf mich genommen habe und plötzlich nicht mehr tun konnte. Eine Umstellung, gegen die ich zuerst mit aller Kraft ankämpfte, weil sie meine Identifikation mit meiner Leistungsfähigkeit – ergo mein Ego – in Gefahr brachte. Weil ich immer die war, die funktionierte und Bestleistungen erbrachte, stellte sich mir die Frage: „Wer bin ich, wenn ich genau das nicht mehr bin?“ Und aus diesem Grund konnte ich meine Erschöpfung über Jahre nicht zulassen. Es wäre einfach zu gefährlich für mein Ego-Selbst gewesen. Erst jetzt, da ich mit von so vielem entidentifiziere, erlaube ich mir auch diese Eigenschaft von mir – zumindest temporär – abzulegen und zu schauen, was sich hinter dieser Fassade zeigt.

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