Tag 266:
Wenn Schönheit eine Mauer baut

In der letzten Woche hatte ich ein sehr Augen öffnendes Gespräch mit einer Seelenverwandten, die ich eigentlich noch gar nicht so lange kenne. Sie wurde auf meinen Blog aufmerksam und fragte mich irgenwann in einer Nachricht, ob wir uns nicht einmal in persona kennenlernen wollen. Ich fand die Idee schön und wir trafen uns in Hamburg, gingen an der Elbe spazieren und verstanden uns von Anfang an blendend. Ihr Weg insirierte mich – genauso wie ihre Offenheit über ihre eigene Geschichte und ihre ganz eigenen Themen zu sprechen.

Wir telefonierten am Mittwoch länger und irgendwann sagte sie mir, wie froh sie wäre, dass wir uns getroffen haben und in Verbindung geblieben sind – und das obwohl sie erst nicht genau wusste, ob sie mir schreiben könne. Sie meinte, dass meine Fotos immer so „schön” aussahen und sie das unsicher machte. Und in dem Moment realisierte ich, wie hoch die Mauer sein kann, die mein Äußeres in gewissen Fällen erzeugt. Ich hatte nämlich mit einem guten Freund vor kurzem ein sehr änhliches Gespräch. Menschen, die mein Aussehen verunsicherte – bevor sie mich kennenlernten – und dann erleichert waren, wie natürlich und einfach ich bin, wenn man mich in persona kennenlernt.

Worin sich diese beiden Menschen ähneln ist, dass sie beide mutig sind und sich ihren Themen stellen. Beide sind reflektiert, bei sich und haben Zugang zu ihren Gefühlen. Sie sind in der Lage zu beobachten, was da gerade in ihnen passiert und entsprechend gegenzusteuern, wenn hier gerade die kleinen inneren Saboteure am Werk sind. Ich frage mich deshalb wie viele Menschen ich mit meinem Äußeren abgeschreckt habe und das, obwohl das alles andere ist, was ich wollte. Denn in der Tat habe ich mit der Pflege und dem Fokus auf mein Äußeres eine Mauer aufgebaut. Und je „schöner“ ich mich machte, desto höher wurde die Mauer, die ich baute. Sie hatte nur einen ganz anderen Zweck als Menschen von mir zu distanzieren, sie sollte mich lediglich vor Angriffen schützen. Ich wollte schön sein, um angenommen zu werden und grenzte mich dadurch umso mehr ab und aus. Ich wurde zu etwas, das man gern anschaute – aber eher aus einer gewissen Distanz.

Wenn ich ehrlich bin, dann empfinde ich mich selbst nämlich gar nicht so, wie mich andere sehen. Ganz im Gegenteil, ich habe nur immer so viel Zeit und Mühe in mein Äußeres investiert, weil ich in mir drinnen dachte, dass ich so wie ich bin, nicht schön genug bin, um angenommen und geliebt zu werden. Mehr noch: Ich hatte innerlich immer das Gefühl, dass andere mit dem Finger auf mich zeigen, hinter dem Rücken über mich reden und sich über meine Unansehnlichkeit lustig machen würden. Deshalb baute ich eine Fassade auf. Ich schminkte mich und stylte meine Haare, kaufte mir hübsche Klamotten und hoffte, dass ich dann weniger für meine in mir empfundene Hässlichkeit angefeindet werden würde. Ich hoffte, dass ich mich so vor Hänseleien schützen könnte. Ich realisiere erst jetzt, dass mein Versuch mich vor gewissen Problemen (die so gar nicht existierten) zu schützen, ganz viele andere Herausforderungen in mein Leben brachte.

Um meine Fassade aufrecht zu erhalten, tat ich fast alles. Auch deshalb war mir Sport immer so wichtig. Und auch deshalb fiel es mir schwer andere Menschen bedingungslos und nah in mein Leben zu lassen. Meine Bedingung war nämlich immer, dass meine Routinen nicht gestört werden würden. Ich hatte große Angst, dass mich das Glück einer Liebe antriebslos und deshalb wieder hässlich machen würde. Denn wenn ich zu Hause allein meine Abende verbachte, machte ich jeden zweiten Abend Sport und ging morgens Laufen, wenn kein Mann neben mir lag, der viel verlockender war als meine Laufschuhe. Doch je öfter da jemand in meinem Leben präsent war, desto öfter ließ ich meine Routinen schleifen, was dann wieder diese Angst in mir auslöste.

Darüber hinaus hatte ich Sorge, dass wenn jemand wirklich dauerhaft in meinem Leben und in meinen vier Wänden wäre, dass er dann erkennen könnte, wie ich hinter der Fassade wirklich aussehe und mich dann abstoßend finden würde. Ich glaubte nicht, dass die Lena, die existierte sobald die Wohnungstür ins Schloss fällt, liebenswert wäre – das Mädchen ohne Schminke und auch mal mit nicht gemachten Haaren, die auch einfach mal mit allem etas überfordert ist, ein bisschen chaotisch sein kann und nicht immer reden will. Wahrscheinlich ist genau das der Grund, warum ich mir immer Männer suchte, die geografisch weit weg waren oder mir aus sonstigen Gründen nicht zu nah kommen konnten – sie waren keine Gefahr für diese Fassade. Ich konnte mich immer ein paar Tage, in denen wir uns sahen, in meinem schönsten Licht zeigen und dann wieder in den Normalmodus wechseln. Mit einem Mann zusammengewohnt habe ich deshalb noch nie. Und jeder, der mir diesbezüglich zu nah kam, den schlugen meine Abwehrmechanismen ganz schnell in die Flucht.

Vielleicht suchte ich mir auch deshalb ältere Männer, denn hier war meine Angst vor dem Vergleich mit anderen weiblichen Wesen (ihren Frauen oder Ex-Frauen) nicht so groß. Sie himmelten mich regelmäßig mit großen Augen an und ihnen glaubte ich es irgendwie. Doch mit jüngeren Männern, die tatsächlich die ganze Palette junger Frauen haben konnten und auch immer wieder solche kennenlernten (konnten), hatte ich einfach nur Panik als „nicht schön genug“ betrachtet und abgelehnt zu werden. Es war auch hier wieder meine Angst vor Ablehnung, die mich von dem weg trug, was mir vielleicht gut getan hätte. Ich konnte es einfach nicht zulassen. Die Gefahr für mein – auf Äußerem aufgebautes – Selbstwertgefühl war einfach zu groß.

Ich glaube, dass ich auch deshalb meinen Ex-Kollegen oft so negativ bewertet habe, weil er eine Gefahr für meinen Selbstwert war. Auch wenn ich am Anfang dachte, dass er nicht gut genug für mich wäre und sich mir deshalb beweisen müsste – wenn ich aus heutiger Perspektive darauf schaue, dann realisiere ich, dass ich es war, die dachte nicht gut und schön genug zu sein. Weil er ab einem bestimmten Zeitpunkt, ab dem ich erkannte, dass er ein wahnsinnig interessanter Mensch ist, nicht mehr nur der Lückenfüller war, als den ich ihn am Anfang sah, wurde ich unnahbar und beäugte alles, was er machte, unter einer kritischen Lupe. Ich verhielt mich so, wie ich selbst das Gefühl hatte bewertet zu werden. Da ich damals aber so viel von mir nicht annahm – ich war damals noch ein ganz anderer Mensch – hatte ich viel zu viel Angst mich emotional auf ihn einzulassen, weil ich befürchtete, dass er das seinerseits nicht tun würde. Ich hatte Angst ihn ein bisschen mehr als nur zu mögen, weil ich Angst hatte, dass er es nicht tun würde und meine Zuneigung zurückweisen würde. Und weil ich im Zusammensein mit ihm nicht dieses faszinierte Strahlen in meine Richtung in seinen Augen sah, zog ich mich lieber zurück und redete mir alles schlecht. Ich nahm die Überzeugung an, dass er nicht gut genug für mich wäre und baute meine Mauer so hoch, dass er sie niemals überwinden konnte. Alles, um mich bloß nicht wieder in eine Situation zu begeben, in der ich mal wieder mehr wollte als der Mann von mir. Meine Erfahrungen aus meiner Vergangenheit prägten meine Zeit mit ihm einfach zu sehr, als dass ich ihn und das mit uns neutral betrachten konnte. Und keiner kann im Außen etwas beweisen, wenn ich in meinem Inneren eine andere Ansicht vertrete.

Nur mal angenommen: Was wäre wenn ein anderer Mensch/Mann genauso schüchtern und vorsichtig ist wie ich, auch wenn er/sie – ebenso wie ich – nach außen total taff und mutig wirkt? Was ist, wenn ich immer dachte mich besondes hübsch machen zu müsse und das genau den gegenteiligen Effekt von dem hatte, was ich eigentlich damit bezwecken wollte. Was ist, wenn meine Schutzmauer zu einer Festung für mich würde, deren Schutzfunktion ebenso bezweckte Dinge von mir fernzuhalten, nach denen ich mich eigentlich sehnte.

Heute muss ich ehrlich sagen, dass ich am liebsten mit meinen Yoga-Pakts, einfachen Shirts und mit nur ganz wenig Tages-Make-Up unterwegs bin. Alles andere fühlt sich irgendwie falsch an und ist kein Teil mehr von mir, weil ich diesen Schutzwall nicht mehr brauche. Ich fühle mich in der Tat heute verkleidet, wenn ich sexy Outfits anhabe oder im Businessoutfit mit Designertasche herumlaufe. Ich bin nicht mehr dieser Mensch, der das braucht. Und ich will auch nicht mehr für diesen gehalten werden. Wenn ich heute diese Art Bekleidung (z.B. aus beruflichen Gründen) anziehen muss, dann hoffe ich, das die anderen Personen, um mich herum zwischen meinem wahren Selbst und der Rolle, die ich in diesem Moment einnehme, unterscheiden können. In meiner Freizeit bin ich deshalb lieber natürlich – ohne Maskerade und Kostüm, denn ich möchte nicht, dass andere Menschen denken könnten, dass mir solche Dinge wichtig wären und ich mich mit so etwas identifiziere bzw. meine Gegenüber anhand ihrer Bekleidung und etwaiger Designerlabens, die sie tragen, bewerte. Ich möchte einfach mit der Art Welt, in der viel über Bewertungen läuft, nicht mehr assoziiert werden. Ich möchte einfach nur noch als das gesehen werden, was ich bin. Ein Mädchen, dass Natürlichkeit, Einfachheit und das Glück der kleinen Dinge schätzt. Und vor allem möchte ich keine Menschen mehr anlocken, die nur an meinem Äußeren interessiert sind oder im Gegensatz dazu jene abschrecken, die an meinem Inneren interessiert sind.

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