Tag 261:
Was ich noch sagen wollte…

Ich bin heute morgen sehr glücklich und befreit aufgewacht. Ich habe nämlich gemerkt, dass es mir gar nicht darum geht, ob ER meinen letzten Post liest und sich daraufhin bei mir meldet. Mein Gedankenchaos hat viel weniger damit zu tun, was ich von ihm will, und dreht sich viel mehr darum, was ich von mir selbst will. Und das ist mir zu erlauben all meinen Gedanken und Gefühlen Raum zu geben und diese auch einer anderen Person gegenüber auszusprechen – egal wie unangenehm, kindisch oder peinlich dies vielleicht sein möge. So offen, wie ich meine Reflexionen nämlich in einem Blog beschreiben kann, so schwer fällt es mir oft, tatsächlich einem Mann gegenüberzustehen und genau dieser einen Person ganz direkt zu sagen, dass ich ihn mag. Zumindest dann wenn ich mehr als ein rein freundschaftliches Interesse an ihm habe. Wo mir sonst das Herz auf der Zunge liegt und ich ohne Probleme ganz offenherzig mein Innenleben präsentiere, spüre ich in solchen Situationen nämlich einfach nur einen riesigen Knoten in meiner Zunge und finde keine Worte. Und dieser Situation gehe ich am liebsten aus dem Weg.

Es fällt mir wahnsinnig schwer meine eigene Unnahbarkeit abzulegen und bei solchen emotionalen Themen ins Risiko zu gehen. Denn meine Angst vor Zurückweisung ist dabei einfach zu groß. Was ist denn, wenn ich jemanden mehr als nett finde, aber der andere mich nicht? Ich finde das umgekehrt immer furchtbar unangenehm. Dieses „Nein sorry, du bist ein toller Mensch, aber mehr ist da einfach für mich nicht.“ hat in meinen Ohren auch immer folgenden Unterton: „Du bist nicht genug für mich.“. Und nicht genug zu sein, ist ein unschönes Gefühl. Ich bleibe daher bei so etwas lieber vage und hoffe, dass mein Gegenüber mir seine Zuneigung zeigt und mich entsprechend erobert. Auf diese Weise trage ich nämlich viel weniger Risiko, als dass ich mich emotional verletzlich mache und es peinlich wird, wenn meine Gefühle nicht erwidert werden. Ich reiche zwar meine Hand, aber bleibe dabei oft so unverbindlich, dass ich immer dem anderen die Schuld in die Schuhe schieben kann, wenn es dann doch nicht funktioniert.

Als ich gewissen Ex-Kollegen im letzten Jahr besuchte habe ich zwar Flüge gebucht und ihm das mitgeteilt. Aber ganz schnell ergänzte ich das auch um die Information: „Ich muss mal raus und will ein paar Freunde besuchen. Es wäre schön, wenn wir uns auch sehen könnten, wenn du da bist.“ Anstatt zu sagen: „Hey, ich bin wegen dir hier und möchte gern mit dir Zeit verbringen“, tue ich dann lieber beschäftigt und hoffe, dass der andere mich zu seiner Priorität macht, damit ich nicht zu sehr bitten und meine Zuneigung ihm gegenüber nicht zu offen zeigen muss. Auch als ich vor zwei Wochen in Berlin war, schrieb ich ihm eine kurze Nachricht: „Ich bin auf dem Weg nach Berlin, allerdings dann auch schon verabredet. Ich hätte daher nur Zeitfenster X und Y. Bekommen wir es trotzdem hin uns zu sehen? Wäre schön.“ Eigentlich war er auf meiner Besuchsliste ganz weit oben. Doch ihm das zu sagen schaffte ich einfach nicht. Ich wollte meine Pläne nicht für ihn passend machen, wenn ich das Gefühl hatte, dass er es nicht auch für mich so machte. Stattdessen schaltete ich meinen Modus auf unnahbar und hoffte, dass er mich zur Priorität in seinem Tagesablauf machen würde. Zum Schluss war ich lieber enttäuscht, dass er so wenig Zeit für mich hatte; anstatt einfach offensiver nach Zeit mit ihm zu fragen. Denn auch das ist eines meiner emotionalen Muster. Dieses „Wenn du mich nicht willst, dann will ich dich erst recht nicht“ ist nur leider echt blöd und wenn zwei Menschen miteinander wie die Königskinder spielen, dann wird da eben nicht viel daraus.

Wenn ich ehrlich bin, bin ich gerade einfach nur glücklich mir das einzugestehen. Meine Bedürfnisse nicht nur mir selbst gegenüber, sondern auch gegenüber anderen zu äußern, fällt mir nämlich immer wieder außerordentlich schwer. Ich glaube, dass es dabei nicht einmal so sehr um ihn geht, sondern er mir hier wieder eine Projektionsfläche für meine blöden alten Muster bietet. Ich spüre nämlich gar nicht das Verlangen ihn gleich morgen wiedersehen zu wollen. Ich weiß, dass es hier viel mehr um mich geht.

Ich glaube auch nicht, dass das mit uns beiden auf einer Beziehungsebene tatsächlich funktionieren würde. Wahrscheinlich war ich auch deshalb immer so vorsichtig und unnahbar. Denn wir beide sind – egal wie sehr ich ihn mag – sehr unterschiedlich. Aber genau in dieser Unterschiedlichkeit liegt eben auch der Reiz. Da wir uns leider nicht auf Anhieb verstehen und es mit uns alles andere als einfach ist, werde ich mit ihm immer wieder dazu motiviert meine Sichtweisen zu hinterfragen und neue einzunehmen. Weil seine Welt so konträr zu meiner ist, verlasse ich immer wieder meine Komfortzone und wachse dadurch so sehr. Dafür bin ich für jeden Kontakt zu ihm unendlich dankbar. Denn Wachstum und persönliche Weiterentwicklung sind ganz wichtige Aspekte für mich. Vielleicht scheint er auch deshalb so hell für mich und hat eine unglaublich Anziehungskraft auf mich – weil ich dort genau das finde was ich suche: Eine Reibungsfläche für mein persönliches Wachstum. Vielleicht ist er deshalb noch in meinen Gedanken, weil es noch mehr zu lernen gibt.

Wenn ich unsere Verbindung so sehe, dass ich die Reibungspunkte mit ihm liebe und er deshalb weiterhin in meinen Gedanken präsent ist, damit noch mehr der alten Gefühle und Gedanken zu Tage treten können, die ich noch nicht betrachtet und neu sortiert habe, dann bin ich gerade einfach nur wahnsinnig dankbar für jeden Konflikt, den ich mit ihm hatte. Mehr noch, ich bin für die Konflikte sogar noch dankbarer als für das, was gut lief. Wenn ich es so sehe, dann muss ich mich nicht grämen, dass es nicht so lief, wie ich es mir initial erhofft habe. Ganz im Gegenteil, ich bekomme genau das, was ich mir wünsche. Nur vielleicht auf eine etwas andere Weise, als ich es zunächst gedacht habe. Und solange er noch gewisse Gedanken und Gefühle in mir aufwirbeln kann, weiß ich, dass da noch alte Gefühle sind, die angeschaut und verarbeitet werden wollen.

Vielleicht habe ich ihn mir deshalb als meine Projektionsfläche gesucht: Er ist nah genug an mir dran, dass ich viel über mich lernen kann, aber weit genug weg, als dass wir uns regelmäßig sehen oder daten könnten. Er liefert mir punktuelle Reibungspunkte und ich habe gleichzeitig genug Raum diese zu durchdenken und auf mich wirken zu lassen, anstatt mich ständig in persona mit ihm zu fetzen.

Dieser Perspektivwechsel lässt das ganze Bild gerade in ganz anderen Farben scheinen. Ich glaube ich lerne gerade noch mehr anzunehmen was ist, anstatt immer für das zu kämpfen, was ich mir als Ausgang vorgestellt habe. Ich lerne gerade mit meinen Gefühlen und vielleicht auch einem gewissen Gedankenchaos lockerer umzugehen, nahbarer zu werden und zu verstehen, dass ich jemandem sagen darf, dass ich ihn mag und gern Zeit mit ihm verbringen würde, ohne dass eine Zurückweisung des anderen an meinem eigenen Selbstwert kratzt.

Ich habe euch deshalb gestern so intensiv mit in meine Emotionen genommen, um euch zu zeigen, dass es nicht darum geht uns mit unseren Gefühlen zu identifizieren und auf alle Impulse zu reagieren, die in uns aufkommen. Ich war verwirrt und ja, vielleicht habe ich sogar Gefühle für diesen Mann, das heißt aber nicht, dass ich direkt reagieren muss. Ich kann mich erst einmal in Seelenruhe hinsetzen und beobachten welche Gedanken da alle in mir aufkommen und schauen was ich möchte und was mir gut tut, wenn ich den aufkommenden Perspektiven Raum gebe. Denn oft ist es genau das, was uns so umtreibt: unsere Gedanken in unserem Kopf. Dinge, die wir gern noch gesagt, getan oder miteinander erlebt hätten. In meinen Posts gebe ich dem Raum ohne eine andere Person direkt anzusprechen oder eine Reaktion von meinem Gegenüber zu erwarten. Schreiben ist meine Form meine Gefühle zu aufzudecken, zu sortieren und zu verarbeiten. Es geht viel mehr darum, was in mir noch gesagt, durchdacht und reflektiert werden möchte. Und oft ist es gelöst, sobald es den Weg auf das digitale Papier findet. Je mehr wir versuchen das wegzudrücken, desto mehr treibt es uns um.

Ich habe daher beschlossen einfach anzunehmen, dass er in meinem Kopf ist und meinen Gedanken und Gefühlen diesbezüglich Raum zu geben. Manchmal muss es nämlich gar nicht bei dem anderen ankommen. Manchmal muss es einfach nur gesagt werden dürfen. Und gerade nachdem ich ihm gegenüber oft so abweisend war, wollte ich auch einfach noch einmal vermitteln, dass er für mich ein ganz besonders bereichernder Mensch ist, dem ich trotz all dem Stress, den wir hatten, sehr wohl gesonnen gegenüber stehe. Es ist nun einmal so, dass er in meiner Gedankenwelt noch präsent ist und für irgendetwas wird es gut sein. Es quält mich seit heute nicht mehr. Ich denke auch nicht irgendetwas tun zu müssen. Ich beobachte nur einfach all die Gefühle und Gedanken, die gerade aufgewirbelt werden. Wofür das alles passiert, verstehe ich eh oft erst wenn ich die entsprechende Lektion gelernt habe. Oft sind es Lektionen, von denen ich bis fast zum Schluss gar nicht wusste, dass es das ist, was ich lernen sollte. Ich habe ehrlich gesagt gerade auch überhaupt nicht das Gefühl irgendetwas erzwingen oder beschleunigen zu müssen. Gerade lerne ich einfach mal meine Gefühl zu äußern, auch wenn ich damit womöglich auf Ablehnung, Zurückweisung oder Nicht-Reaktion stoßen könnte. Ich bleibe im Moment, gebe mich der Situation hin, höre in mich und lerne was ich lernen soll. Ich glaube so funktioniert Leben. Einfach Mal den Kopf und die eigene Kontrolle über eine Situation ausschalten und schauen was passiert.

Ich denke wenn zwischen uns hätte mehr sein sollen, dann wäre das schon längst passiert. Ein Mädchen spürt i.d.R. ob ein Junge sie mit verliebten Augen anschaut und von ihr verzückt ist, oder ob man eine Bekanntschaft entlang des Lebensweges ist. Und wenn er nicht auch so große Probleme hat seine Zuneigung mir gegenüber zu äußern oder zu zeigen, dann gibt es zumindest aus meiner Perspektive wenig was darauf hindeuten würde, dass von seiner Seite da mehr sein könnte. Ich halte es wie bei so vielem im Leben: Impulse setzen, etwas dafür tun, aber wenn es sich nicht ausgeht, dann soll es wohl auch einfach nicht sein. Natürlich kann man mir dabei vorhalten nicht genug zu kämpfen. Aber für eine Frau, die ihr ganzes Leben gekämpft hat, geht es auch gar nicht darum zu lernen noch mehr zu kämpfen, sondern viel mehr darum das Leben auch mal so annehmen zu können wie es ist und dann einfach loszulassen.

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