Tag 24:
Bitte sieh mich,
bitte nimm mich an!

Eine Leserin schrieb mir vor einiger Zeit: „Kennst du es, dass du weißt ein Mann wird dir nicht gut tun oder geht schon jetzt nicht so gut mit dir um, wie er sollte und du gehst aber dennoch auf ihn ein? Du solltest die Finger davon lassen, aber genau das reizt dich daran.“

Ja, meine Liebe, das kenne ich sehr gut. Und ich habe gestern etwas gelesen, das mir hilft dir diese Situation ein bisschen besser zu erklären. Kurz gesagt: Es ist das Adrenalin. Dieser wunderschöne Botenstoff, der uns so wach und lebendig fühlen lässt. Und weil es sich so gut anfühlt, kannst du deine Hände nicht von den Adrenalinstößen lassen, welche die verbotene Situation bei dir auslöst. Du suchst immer und immer wieder seine Aufmerksamkeit, weil du wissen willst, wie weit du gehen kannst und dabei immer wieder die kleinen Kicks bekommst, die dich so lebendig fühlen lassen. Auch wenn es nicht immer positiv ist und er dich zurückweist und sich Wut in dir aufbäumt, ist es trotzdem ein Moment, in dem du dich intensiv fühlen kannst.

In jeder Kennenlernphase und jedem Annähern an einander zeigt sich eine ähnliche Situation als wenn du Prüfungsangst hättest: Dein Herz schlägt schneller, dein Atem ist beschleunigt, du hast wackelige Knie und vielleicht sogar einen Kloß im Hals oder schwitzige Hände. Es ist der Stressbotenstoff Adrenalin, der dies bewirkt. Ähnlich ist es auch bei einem Date oder in der Kennenlernphase. Schreibt er oder schreibt er nicht? Mag er mich? Bin ich gut genug, um ihn zu bekommen? Nimmt er mich so wie ich bin bzw. wie ich vorgebe zu sein?

Wir Menschen haben seit Kindesbeinen an zwei Grundbedürfnisse. Diese sind gesehen werden und angenommen sein. Beides essentiell für Kinder, um zu überleben. Würden Kinder keine Aufmerksamkeit bekommen, wäre die Gefahr groß, dass sie verhungern oder auf andere Weise verkümmern. Würden sie nicht angenommen und zur Familie zugehörig sein, wären sie dem Tode geweiht, da sie alleine nicht lebensfähig wären. Heute gibt es Wege der Adoption und andere Optionen nicht gewollten Kindern das Leben zu ermöglichen. Früher jedoch bei unseren Vorfahren war das zurückgelassene Kind schnell Futter für die Tiere. Und wir dürfen nicht unterschätzen wie stark uns unsere evolutionsbiologische Herkunft in unserem Fühlen und Verhalten immer noch prägt.

Die Kennenlernphase bzw. die Phase der ersten Verliebtheit dient in vielen Fällen stark dazu unseren eigenen Selbstwert zu stärken. Omnipräsente Fragen sind: Bin ich gut genug? Willst du mich, auch mit meinen Schwächen? Bin ich liebenswert? Gerade am Anfang ist alles noch so fragil und unsicher. Unsicherheit schafft Anspannung und Anspannung lässt das Adrenalin durch unser Blut strömen und uns nachts schlecht schlafen.

Oh ja, wie ich diese Schlaflosigkeit in der frühen Phase des Zusammenkommens hasse. Die allgemeine Grundanspannung, durch die jedes Wort und jede Tat auf die Goldwaage gelegt wird. Die Momente wenn man sich dem anderen noch nicht sicher ist und das Miteinander noch so ist, wie ein aufregender Tanz, bei dem die Schmetterlinge zum Takt der Musik ihre Flüge schwingen. Die Aufmerksamkeit ist ganz bei dem anderen, man wartet auf seine Nachrichten und freut sich über jeden Smiley. Alles Positive, das von der anderen Seite kommt, ist mit einem leisen: „Du bist gut.“ verknüpft. Die Bestätigung setzt wiederum Glücks- und Wohlfühlhormone frei, die die Anfangsphase – wenn sie gut läuft – so angenehm machen. Wir sind im Rausch und werden süchtig nach Aufmerksamkeit und Bestätigung, wenn unser Selbstwert ohne die positiven Rückmeldungen eher im niedrigen Bereich angesiedelt ist. Je narzisstischer wir veranlagt sind, desto süßer ist der Honig, den man uns mit jedem Wort um den Mund schmiert. Gleichzeitig hat jede ablehnende Äußerung das Potenzial uns zum Fallen zu bringen. Bleibt die Belohnung aus, indem der andere sich distanziert oder weniger aufmerksam ist, als am Anfang, setzt der Entzug ein. Unsere ausgehungerten Rezeptoren schreien und betteln nach mehr und anstatt uns wieder auf uns selbst zu fokussieren, bleibt unsere Aufmerksamkeit bei der anderen Person, in der Hoffnung, dass es noch einmal so schön werden möge, wie es am Anfang war. Anstatt uns wieder auf uns selbst zu besinnen und selbst dafür zu sorgen, dass es uns gut geht, kleben wir am anderen. Je mehr er sich zurückzieht, desto stärker betteln wir um Aufmerksamkeit. Wir werden zum Junkie an der Nadel, von der wir wissen, dass sie uns schadet. Es ist verhext.

Aus der Distanz und mit ein wenig Abstand denkt man sich oft: „Was war ich damals nur so vernarrt in den Idioten?“. Trotzdem kann ich mich an unzählige Situationen erinnern, in denen meine Freunde mir sagten: „Der Typ ist es nicht wert. Er behandelt dich nicht gut. Lass ihn.“ Und doch war ich nicht fähig meine Hände von ihm zu lassen. Ich wusste, dass es zum scheitern verurteilt war und dennoch reizte mich seine Aufmerksamkeit so sehr. Es war das Bedürfnis gesehen zu werden, nach dem ich mich so sehr sehnte. Es war der Wunsch von ihm angenommen zu werden, der mein Verhalten motivierte.

Deshalb hatte ich in den letzten 2,5 Jahren auch ein Faibel für reifere Männer entwickelt, die erfolgreiche Karrieren haben. Ich hatte das Gefühl, dass wenn er mich mag und mich intelligent, weise, sexy, etc. findet, es dann wohl auch so sein muss. Ich kann mich noch an die ersten Treffen mit Christian erinnern. Ich war so glücklich, dass ein Mann wie er mich toll findet. Er sah meine Stärken und machte mir Komplimente für alles was mich auszeichnete. All das potenzierte meinen Selbstwert ins Unendliche. Ich war so stolz, fühlte mich so sehr gesehen und war so lebendig. Es war dieses Gefühl, das es mir so schwer machte ihn aufzugeben.

Gleichzeitig hatte ich deshalb mit ihm so viel Geduld, weil ich hoffte, dass er sich irgendwann zu mir bekennen würde. Es war die anfängliche Hoffnung danach, dass das Zusammensein mit ihm mich auch vor anderen auf ein Podest heben würde und dann alle sehen könnten, dass ich etwas Besonderes bin. Es waren diese Grundbedürfnisse, die ich als Kind nicht ausreichend befriedigt bekommen hatte und wonach ich mich so sehr sehnte.

Im letzten halben Jahr haben wir unsere Freundschaft zum Glück auf eine andere Stufe gehoben. Als er zu mir sagte: “Du bist für mich Familie.”, wusste ich, dass uns nichts trennen kann. Familie ist das, was bleibt. Es ist das Blut, das einen verbindet. Es ist mehr als ein bisschen Aufmerksamkeit. Es ist tiefe Verbundenheit und dadurch brauche ich auch die Bestätigung von außen nicht mehr. Er hat mich angenommen – nicht nur auf dem roten Teppich, sondern in seinem Herzen. Es ist diese besondere Verbundenheit, die uns beide über alle Höhen und Tiefen trägt.

Heute weiß ich ob der Dynamiken. Ich kann verstehen, dass meine Sehnsucht nach Aufmerksamkeit keine gute Basis für eine Beziehung ist, da es nichts bringt in ein Faß ohne Boden mehr Wasser hineinzuschütten. Es gilt das Loch zu flicken. Wenn aus der anfänglichen Zuwendung eine Beziehung entstehen sollte, dann wird diese irgendwann in ruhigere Fahrwasser kommen und ich werde nicht umhin kommen mir neue Aufmerksamkeitsquellen zu erschließen, wenn die alte versiegt oder zumindest etwas weniger fließt. Dies würde unweigerlich in eine neue Verliebtheit im Sinne einer Trennung oder Affäre führen. Um dies zu umgehen, muss ich lernen mir selbst genug Aufmerksamkeit zukommen lassen bzw. weniger davon zu brauchen. Mein ONE YEAR NO GUY-Experiment hilft mir mich darin zu üben. Insbesondere durch das tägliche Schreiben, nehme ich mir jeden Tag Zeit über mich, meine Vergangenheit und meine Gefühle sowie mein Verhalten nachzudenken. Und genau das ist so wichtig und gut.

 

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