Tag 22:
Rein ins Bindungschaos

Es ist Weihnachten und ich weiß, ich sollte wahrscheinlich einen liebevollen Text über das Schreiben, wie es bei uns zu Hause so läuft. Mach ich aber nicht. – So viel kann ich euch schon jetzt sagen. An Weihnachten nach Hause zu fahren, kostet mich immer ein wenig mehr Kraft, als mein eigenes Leben in meinem geliebten Hamburg zu führen.

Meine Familie schleppt leider über Generationen ihr Familienprobleme mit sich herum und gibt sie fleißig immer wieder an die nachfolgenden Generationen weiter. Aber: Nicht mit mir. Was ich gerade tue – ein Jahr ohne Männer – hat auch viel mit dem zu tun, was in meiner Erziehung und in unserer Familie schief gelaufen ist. Daher packe ich das Bündel an, das mir meine Lieben an Ballast mitgegeben haben, um meine zukünftigen Kinder nicht auch noch damit beschweren zu müssen. Bindungsprobleme haben ihren Ursprung nämlich zu meist in der Familie. Und sobald ich gestern in der alten Heimat angekommen war, fand ich mich auch direkt in einem großen Bindungschaos wieder.

Als Kind war ich immer der Vermittler, der alle befriedet und zusammengebracht hat. Meine Mutter und meine Großeltern waren einfach nicht in der Lage ihre Probleme selbst zu lösen. Die Dynamiken zwischen ihnen waren lang tradiert und gut eingespielt. Ein „Das machen wir ab heute anders!“ war hier nicht so einfach möglich.

Ich habe gestern weiter in einem wundervollen Buch über Bindungsangst gelesen, dass mir ein Leser empfohlen hat. Der Titel ist „Vom Jein zum Ja!“ und es ist von Stefanie Stahl geschrieben. Im zweiten Teil des Buches geht es darum zu verstehen, wo die Bindungsangst herkommt. Ich hatte mich schon vorher immer mal wieder mit dem Thema und meiner Bindungsangst beschäftigt, aber gestern ist mir nochmals so deutlich geworden, was der Ursprung meiner Bindungsangst ist.

Wie wir mit Liebe und Bindung umgehen, wird insbesondere in den ersten Lebensjahren bestimmt, in denen die neuronalen Nervenbahnen initial angelegt und geformt werden. Alles was wir in dieser Zeit lernen wird zu den Grundmustern unserer Gefühls- und Verhaltensweisen. In dieser Zeit lernen wir auch ob uns Liebe bedingungslos geschenkt wird oder ob wir sie uns hart erarbeiten müssen und Zuneigung eher eine Währung für gutes Benehmen und gewünschte Verhaltensweisen darstellt. In dem letzteren Fall ist Liebe eher eine Dienstleistungsbeziehung. Außerdem wird in dieser Zeit unsere Sicht auf die Welt bzw. uns selbst sowie unser Selbstwert geprägt.

Ich hatte keinen Vater, dafür aber eine nähebedürftige und vereinnahmende Mutter, die mich als Ersatz für ihre enttäuschenden Männerbeziehungen bekommen hat. Ein kleines Windelpaket, das immer nah und da ist, damit sie nicht mehr alleine sein musste. Dafür war ich gedacht. Nach langer gemeinsamer Arbeit gibt sie das heute auch zu. Daher entwickelte ich einen diffusen Bindungsstil, der auf der einen Seite durch das Vermissen eines Vaters geprägt war und auf der anderen Seite einen Schutzwall gegen meine übergriffige Mutter aufbaute.

In der Reflexion meiner Kindheitserlebnisse mit dem, was ich mit Männern oft erlebe, habe ich gestern eine wertvolle Erkenntnis gesammelt. Ich habe gestern entschlüsselt, warum ich so schwer „Nein!“ zu Männern sagen kann. Meine Mutter wollte immer meine Nähe und als Kind ist man essentiell darauf angewiesen es sich mit dieser nicht zu verscherzen. Insbesondere wenn man nur die eine Bezugsperson hat. Schließlich ist man hilflos und unselbstständig und braucht jemanden, der einen füttert und dafür sorgt, dass es einem gut geht. Die ständigen Übergriffe meiner Mutter musste ich daher ertragen, um zu überleben. Gestern wurde mir das wieder extrem deutlich als sie ständig zu mir kam, mich ständig umarmen und mir Küsse auf die Stirn geben wollte. Alles schön und angenehm, wenn es mal stattfindet, aber nicht alle fünf Minuten und wenn es eher als Ruf nach Aufmerksamkeit statt als Geste der Liebe gemeint ist. Es fiel mir dann wie Schuppen von den Augen, warum ich bei Christian und auch in anderen Situationen nicht einfach Neinsagen konnte. Nein wäre als Kind mein Todesurteil gewesen und genau diese Angst des Verlassenwerdens kam an dem Abend, von dem ich euch an Tag 18 erzählt hatte, wieder hoch. Dies zu verstehen und zu begreifen, dass heute die Gefahr des Neinsagens bei weitem nicht mehr so groß ist, wie sie als Kleinkind war, ist eine Übersetzungsleistung, die ich erst nach dieser Einsicht mache kann. Ihr glaubt nicht wie gut es tut, diesen Zusammenhang verstanden zu haben.

Außerdem habe ich begriffen, warum ich Kennenlernphasen und Beziehungssituationen immer so anstrengend empfinde und mich als angespannt erlebe. Ich habe dann einfach nicht mehr das Gefühl, dass ich dieser entspannte und in mir ruhende Mensch bin, den ich sonst kenne.

Ich erlebte meine Mutter immer als eine extrem schwache Person. Sie war oft gestresst, überfordert und weinte viel. Emotionales Gleichgewicht sieht anders aus. Gleichzeitig bin ich ein sehr feinfühliger Mensch bzw. bin ich über die Zeit zu diesem geworden. Ich hatte daher sehr früh das Gefühl meiner Mutter mit meinen eigenen Bedürfnissen nicht auch noch zur Last fallen zu können und unterdrückte meine eigenen Wünsche und Grenzen. Ich wurde zu einem braven und stets funktionierenden Kind. Die Schule meisterte ich im Handumdrehen, ich war früh selbstständig und sie musste sich daher (fast) nicht um mich kümmern. Im Gegensatz dazu war ich dafür da, mich so viel es ging um sie zu kümmern.

Kinder spüren wie es ihren Eltern geht auch ohne wortreiche Erklärungen. Wenn es ihren Eltern schlecht geht oder diese miese Laune haben, dann beziehen sie es das lange auf sich und haben das Gefühl Schuld daran zu sein. Dass es die Arbeit oder die Nachbarn sind, können sie lange nicht verstehen. Sie haben das Gefühl etwas falsch zu machen und passen ihr Verhalten an, damit es den Eltern besser geht. Im Rückblick war ich genau solch ein Kind. Damit es meiner Mutter besser oder zumindest nicht noch schlechter ging, war ich der liebevolle Engel. Ich lernte früh mich zu verstellen und meine eigenen Bedürfnisse zu unterdrücken. Wenn ich darüber nachdenke, habe ich selten das getan, was eine kindgerechte Verhaltensweise gewesen wäre, stattdessen war ich stets fleißig und tat das , was man von mir erwartete. Ohne, dass es mir bewusst war, staute sich so in mir ein unglaublicher Druck und Zwang an, wenn es um Bindungssituationen ging. Bindung war für mich immer mit Verlust meines Selbst und einem grenzenlosen Zwang verbunden, so zu sein, wie man es von mir erwartet. Gleichzeitig habe ich meine Antennen immer an, wenn ich mit anderen bin, um wahrzunehmen, was es ist, das der andere gerade braucht. Für den anderen ganz angenehm, aber für mich ist es genau diese Anspannung die mich im Zusammensein mit Männern immer verrückt macht. In meinem Kopf ist ständig eine Stimme, die sich fragt ob ich gut und richtig bin oder ob ich gerade etwas falsch mache, dass seine Konsequenz im Liebesentzug haben könnte. Ich denke jeder von euch kann sich vorstellen, dass ich mir daher unterbewusst Männer gesucht habe, die eine natürliche Distanz durch Alter, Geografie oder Beziehungsstatus zu mir hatten. Es war für mich der einzige Weg eine Beziehung auszuhalten und nicht das Gefühl zu haben immer funktionieren zu müssen. Der Freiraum, den ich gefühlt sehr stark brauche, ist quasi mein Rückzugsbereich, in denen ich dann wieder ich selbst sein kann.

Wenn ich über all das Nachdenke, ist es kein Wunder, dass ich aus Beziehungen flüchte, sobald diese zu eng werden und mich Männer, die wirklich Bindung wollen eher abschrecken als anziehen. Und: Es ist auch klar, warum ich nicht weiß, was ich wollen will, nachdem ich verstanden habe, dass ich seit Kindesbeinen an meine eigenen Bedürfnisse unterdrückt und die der anderen angenommen habe.

Ich werde noch ein paar mehr Reflexionen und Schritte auf diesem Weg brauchen, um mein Bindungschaos aufzulösen. Aber ich habe ja auch noch fast ein Jahr Zeit. Eines weiß ich allerdings sicher: Es fühlt sich gut und richtig an. Ich fühle mich gerade gut und richtig an. Ein schönes Gefühl.

In dem Sinne wünsche ich euch ein wundervolles Weihnachtsfest im Kreise eurer Lieben und vor allem in hoffentlich angenehmen, liebevollen und respektvollen Bindungsdynamiken.

 

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3 Gedanken zu „Tag 22:
Rein ins Bindungschaos
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  1. Liebe Lena, so wie du die Bindungsangst beschreibst, geht es mir auch. Zudem stelle ich mich auch auf jeden Menschen, nicht nur Männer, neu ein. Unbewusst verhalte ich mich so, wie ich denke, dass es für ihn am besten ist. Damit er sich wohl und verstanden fühlt. Meine Gründe dafür konnte ich leider noch nicht aufdecken. Vielleicht liegt es daran, dass ich mir dieses Verhalten auch von anderen wünsche. Vielleicht wurde ich früher zu sehr eingeengt und bekomme daher Panik, wenn es verbindlich wird mh…

    1. Liebe/r Leser/in,

      ich kann dir das Buch von Stefanie Stahl “Vom Jein zum Ja!” empehlen. Sie geht dort auf die verschiedenen Ursachen von Bindungsangst ein. Die Ursachen liegen meist in der Kindheit. Vielleicht hattest du Eltern, die du mit deiner Verhaltsweise so gestützt hast und ihnen nicht zur Last fallen wolltest?

      Ich wünsche dir alles Gute dabei den Knoten aufzulösen und zu verstehen wo es herkommt. Dann wirst du euch entspannter damit umgehen können.

      Mit den besten Weihnachtsgrüßen
      Deine Lena

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