Tag 211:
Wenn ich das tue, was ich möchte…

Neulich hatte ich morgens beim Meditieren folgenden Gedanken:

Wenn ich das tue was ich möchte und mir gut tut und du das tust, was du möchtest und dir gut tut, verbringen wir dann unser Leben zusammen? Und wenn ja, sind wir zusammen dann glücklich?

In dem Moment, in dem dieser Gedanke in mir aufstieg, erkannte ich das Kernproblem meiner Vergangenheit in Beziehungsangelegenheiten. Ich wusste einfach nicht, was ich wollte und was mir gut tat, denn ich wusste nicht wer ich bin. Ich schnupperte hier hinein, probierte das und schaute mir jenes an. Mit jeder Beziehung, die ich führte, und mit jedem Mann, den ich datete, lernte ich eine andere Welt und andere Facetten an mir kenne. Ich war dabei wie eine Biene, die von Blume zu Blume flog und dabei herausfand, welche Art Blumen sie eigentlich mag. Das Einzige, was ich wusste, war, dass ich mich nach Liebe, Geborgenheit und Zugehörigkeit sehnte. Ich sehnte mich so sehr danach, dass ich vernachlässigte was ich darüber hinaus noch brauchte.

Es viel mir schwer Nein zu sagen, weil ich nicht wusste, wozu ich Ja sagen wollte. Es viel mir schwer Grenzen zu setzen, denn ich wusste nicht, wo diese für mich sind. Ich wusste daher auch nicht, welche Männer ich daten und mit welchen ich zusammensein wollte. Ich probierte aus und wusste es immer erst danach.

Der Weg, den ich im letzten Jahr im Dezember eingeschlagen habe, nennt man wohl erwachsen werden. Es geht darum herauszufinden wer ich bin und wer ich sein möchte und all die Eigenschaften und Qualitäten, die ich mir über die Zeit meines bisherigen Lebens angeeignet hatte, zu beleuchten, zu hinterfragen und neu zu sortieren. Vor allem geht es auch darum, mich so zu akzeptieren wie ich bin und aufzuhören, das Leben einer anderen zu führen.

Erst wenn ich weiß, wer wir bin, kann ich mich entscheiden welchen Weg ich gehen will und wer dazu ein guter Begleiter an meiner Seite sein kann. Erst wenn ich mich in mir gefunden habe, kann ich im Außen nach dem dazu passenden Stück suchen.

Ich lehnte oftmals die Männer ab, die gewisse Eigenschaften hatte, die ich an mir selbst nicht annehmen wollte. Gleichzeitig vergötterte ich jene, die dem entsprachen, was ich erreichen wollte. Erst indem ich mich akzeptiere wie ich bin, kann ich auch den Menschen annehmen, der dazu passt – denn im Idealfall ist er mir in einigen Dinge ähnlich.

Früher mochte ich die lauten Männer, die sich selbst gern dargestellt haben und stets zeigten, was sie konnten, weil ich selbst ständig beweisen musste, was in mir steckte. Ich mochte die Karriersten, weil ich selbst auf diesem Pfad unterwegs war. Ich erinnere mich daran, dass ein Freund abends in einem Restaurant zu mir sagte: „Lena, du brauchst einen langweiligen Mann.“ Und ich erinnere mich, wie direkt im nächsten Moment leise Tränen über meine Wangen rollten. Er meinte damit, dass ich so aktiv und stets auf Achse war, dass nur ein langweiliger Mann Platz an meiner Seite haben könnte, der das Rampenlicht nicht so sehr brauchte wie ich. Und gleichzeitig war es meine größte Angst mich auf einen solchen Mann einzulassen, der zum einen der Beweis dafür sein könnte, dass ich ebenso bin und zum anderen mich in ein langweiliges Leben ziehen könnte.

Heute mag ich ruhige und bedachte Männer viel mehr. Diejenigen, die immer auf Achse und Hansdampf in allen Gassen sind, sind mir irgendwie zu viel. Vielleicht auch deshalb, weil ich heute das Rampenlicht, die Aufmerksamkeit und das Gesehen werden nicht mehr so brauche wie früher. Ich kann mich hübsch anziehen und auf die Bühne stellen, aber ich muss es nicht mehr jeden Tag und ständig. Ich habe selbst die ruhigen und auch langweiligen Seiten an mir neu entdeckt, angenommen und lieben gelernt.

Die Frage einer glücklichen Beziehung dreht sich für mich mittlerweile viel weniger um das, was der andere hat oder kann. Es geht viel mehr darum, ob ausreichend Schnittmengen vorhanden sind, wenn beide ihre Leben so verbringen, wie sie es sich selbst vorstellen ohne jeden Tag und ständig Kompromisse in den wichtigen Aspekten des Lebens machen zu müssen. Gehen wir den gleichen Weg, wenn jeder selbst bestimmt dorthin geht, wohin er gehen möchte? Ich will kein Leben führen, wenn der eine immer nach links und der andere immer nach rechts möchte und der Kompromiss in einer Mitte liegt, in der keiner wirklich glücklich ist.

Manchmal treffen wir Menschen, die wir spannend, anziehend, faszinierend, etc. finden und unser Leben auf irgendeine Weise bereichern. Doch nicht mit jedem von diesem Menschen können und sollen wir zusammen sein. Es gibt Menschen, die sich lieben und trotzdem ganz unterschiedliche Vorstellungen vom Leben haben. Vorstellungen, die auch mit der größten Anstrengung nicht auf einen Nenner zu bringen sind. Wenn der eine in der Großstadt und der andere in der Natur leben will oder aber sich der eine eine Großfamilie wünscht und der andere keine Kinder möchte. Es sind die großen Themen des Lebens und ein gewisses Grundverständnis dafür, das einfach passen muss.

Was ich mir für die Zukunft wünsche ist zusammenzusein, weil man zusammengehört und es gar nicht anders geht, anstatt immer wieder neu all seine Energie darauf aufwenden zu müssen, es passend zu machen. Ich wünsche mir diesen wundersamen Magnetismus, der das Zusammensein zwischen zwei Menschen einfach macht. Dieses blinde Verständnis füreinander, ohne dass man immer alles besprechen muss. Wenn es einfach keinen anderen Weg gibt als einander wiederzusehen – immer und immer wieder.

Wir können uns für Beziehungen entscheiden, die wir mit aller Kraft und ständigem Kampf zusammenhalten müssen. Oder wir können loslassen und darauf vertrauen, dass sich irgendwann der Partner in unser Leben gesellen wird, der wirklich zu uns passt – zu dem Zeitpunkt zu dem es richtig ist.

Der erste Weg ist für die von uns, die ungeduldig sind, oft der einfachere. Wir haben das Gefühl, dass wir nicht unbestimmt warten müssen, sondern unser Leben selbst in der Hand haben. Und selbst wenn es vielleicht nicht so läuft, wie wir es uns wünschen, tun wir wenigstens etwas.

Der zweite Weg setzt voraus, dass wir zuerst uns selbst finden. Wie soll ich mich entscheiden, mit wem ich mein Leben verbringen möchte, wenn ich noch nicht einmal weiß, wer ich bin und welches Leben ich führen möchte. Es ist der Weg, den ich gerade gehe.

Um bei mir bleiben zu können, muss ich zuerst wissen wer ich bin. Ich musste herausfinden, indem ich mich vom Zusammensein mit Männern separierte. Jeden neuen Tag, an dem ich mit mir selbst bin, führt mich zu einer neuen Erkenntnis über das, was ich bin und was mich ausmacht und schafft eine neue Klarheit über das was ich möchte und brauche, damit es mir gut geht und ich glücklich bin.

Ich verstehe erst jetzt, wie die einzelnen Puzzleteile meines bisherigen Lebens zusammen passen. Langsam ergeben die Teile, die ich bisher zusammengesetzt habe, einen Sinn. Stück für Stück wird das Bild, das mein Leben repräsentiert, deutlicher. Erst jetzt habe ich so langsam das Gefühl, dass ich in mein eigenes Fahrwasser finde. Erst jetzt habe ich das Gefühl, der Mensch zu sein und zu werden, der ich sein möchte. Ich zeige mich endlich so, dass mich der Mensch erkennen kann, der zu mir passt. Ich habe die Fassade abgelegt und die falschen Pfade verlassen. Ich habe das Gefühl aus einem Traum aufzuwachen. Und vor allem habe ich gelernt zu vertrauen, das Leben passieren zu lassen, im Moment zu sein und vor allem nicht um all das zu kämpfen, was mein Ego gern hätte. Stattdessen ist ganz viel Energie übrig, die ich in die Dinge investieren kann, die mir einfach nur gut tun. Zum ersten Mal in meinem Leben, habe ich aufgehört ständig gegen geschlossene Türen zu springen, in der Hoffnung, dass sie irgendwann aufgehen und einfach durch die zu laufen, die offen stehen. Es macht das Leben leichter.

Please follow and like us:

2 Gedanken zu „Tag 211:
Wenn ich das tue, was ich möchte…
&8220;

  1. Hey Lena,
    ich bin gerade über Instagram und den Hashtag “Lesen” auf deine Story gestoßen.

    Und deine Worte in der Story haben so dem entsprochen, was ein Freund gestern zu mir meinte, dass ich den Beitrag lesen wollte.

    Er meinte eben auch, dass beide Seiten in einer Beziehung ja (vllt. im Idealfall) einfach das tun, was sie wollen, und so ihre Zeit gemeinsam verbringen; deswegen nicht notwendigerweise im beständigen Austausch sind, sondern auch mal nur gemeinsam unterschiedliche Dinge tun. Aber – auch so – die Zeit lieber zusammen verbringen.

    Schöner Beitrag und viel Erfolg (oder was immer es braucht) noch mit dem Experiment 🙂
    Marco

    1. Lieber Marco,

      danke für deine Zeilen.

      Ja, ich denke genau das ist die Grundlage für langfristiges gemeinsames Glück.

      Liebe Grüße
      Lena

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.