Tag 203:
Wie eine Ratte im Käfig

Jeder der mich kennt, weiß, dass ich ein emotionaler Mensch bin. Ich bin ein Mensch, der Emotionen liebt – intensiv, vollumfänglich und echt. Ein Mensch, der emotional ist und auch die Emotionalität bzw. den EQ (emotionale Intelligenz) anderer Menschen braucht. Mit Personen, die ihr emotionales Feuer eher auf Sparflamme lodern lassen, kann ich nur schwer umgehen. Doch genauso intensiv, wie ich Freude, Glück und Liebe spüre, genauso stark schütteln auch andere Gefühle, wie bspw. Sehnsucht und Traurigkeit mein Leben durch.

Gefühle haben immer zwei Seiten: Eine, die wir wollen und eine, die wir nicht wollen. Liebe geht genauso mit Sehnsucht einher, wie sie mit Freude verknüpft ist. Die Frage ist nur, wie wir damit umgehen. Wenn das Ziel kontemplativer Techniken ist, seine Emotionen wie ein stiller Beobachter wahrzunehmen und Schmerz ohne Leid zu empfinden, dann ist es auf die Liebe übertragen zu Lieben ohne den Schmerz des Vermissens und der Sehnsucht zu spüren.

Für mich bedeutet Liebe alles – Liebe zu anderen Menschen, Liebe zu mir, Liebe für das was ich tue. Ein Moment, der nicht von Liebe ausgefüllt ist, ist für mich ein verschwendeter Moment. Erfüllung in meinem Leben finde ich durch Liebe – Liebe in den unterschiedlichsten Facetten.

In meiner Vergangenheit habe ich unter der emotionalen Achterbahn der Liebe immer wahnsinnig gelitten und ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich das nicht auch heute noch tun würde – meine Kontaktfläche mit Männern ist gerade nur geringer als sonst. Lernte ich einen Mann kennen, waren neben dem Glück der ersten Moment, gleich oft auch Tausend andere Gefühle, da. Gefühle, die oftmals nichts mit der aktuellen Situation zu tun hatten, die ich gerade erlebte, sondern Gefühle aus der Vergangenheit, die durch meine Erlebnisse in der Gegenwart aufgewirbelt wurden. Es waren emotionale Stolperfallen und alte Kisten, die ich nicht aufgeräumt hatte und von denen ich lange Zeit noch nicht einmal etwas wusste. Und doch wirbelten sie mit aller Intensität mein Leben durcheinander.

So sehr, wie ich die Liebe liebte, so sehr verabscheute ich, wie mich das Kennenlernen von Männern aus meinem Gleichgewicht brachte. So sehr, wie ich eine Beziehung wollte, so sehr schreckte mich all das ab, was ich auf dem Weg dorthin durchleben musste.

Jedes Mal aufs Neue brachten mich meine Gefühle um den Verstand und ließen mich kaum schlafen. Ich fühlte mich agitiert, aufgewühlt und rastlos. Wie eine Ratte im Käfig, die nicht weiß, wann sie den nächsten Elektroschock bekommt – nur dass sie ihn bekommen wird. Meine Stresshormone waren am Anschlag. Nach den ersten Wochen oder Monaten in diesem Ausnahmezustand fühlte ich mich von alledem oft so ausgelaugt, dass ich über jeden Grund froh war, der mir erlaubte aus dem Miteinander auszubrechen. Ich suchte unterbewusst förmlich Fehler an dem anderen, die ich in meinem Kopf dann von der Mücke zum Elefanten machen konnte, nur, damit ich für mich einen Grund hatte, warum das alles auf gar keinen Fall klappen kann und ich wieder zurück in mein altes Leben konnte. Ich wollte diese Fehler förmlich finden und setzte die Lupe an, um sie zu sehen. Sie waren mein Ticket zurück zu innerem Frieden. Vielleicht brauchte es auf dem Weg noch ein paar Trennungstränen, aber ich wusste, dass diese mich wieder zurück in meine gewohnte Umgebung und meine Komfortzone bringen würden. Dort, wo meine Welt mit mir selbst und ohne Stress von außen so schön muckelig war.

Leider war mir das damals alles nicht bewusst. Ich dachte immer, dass ich einfach Pech in der Liebe hätte und mich keiner will. Und hoffte, dass irgendwann der richtige kommen würde, mit dem alles anders und einfach ist. Wenn ich ehrlich bin, war es idR ich, die den Mann nicht wollte oder sich solche Exoten suchte, von denen ich von Beginn an wusste, dass es nicht funktionieren wird. Erst in den letzten Wochen habe ich wieder gemerkt, wie schnell es meine Emotionen schaffen, mich aus dem Gleichgewicht zu bringen.

In meiner Coaching-Ausbilding habe ich zum Thema Emotionen folgendes gelernt:

Emotion = E + Motion = Energy in Motion

Und genauso ist es bei mir auch. Sobald meine Emotionen in Gang kommen, setzt sich bei mir ganz viel in Bewegung. In mir ist dann so viel los, dass ich abends nicht ins Bett komme und morgens 5 Uhr wach bin, dass meine Kopf voller Gedanken ist und diese hübsche friedvolle Stille in mir, die ich so sehr liebe, irgendwie verschwindet.

In diesen Momenten denke ich immer, ich müsste mich des Mannes entledigen und dass es einfach der falsche Mann wäre. Schließlich kam mit ihm ja die Verwirrung in mein Leben. Aber es ist unabhängig von der Person – denn es ist mit jedem so. Ich realisiere erst heute, dass ich mich der Reaktion entledigen muss, die ich auf Männer zeige. Und diese ist nirgendwo anders als in mir. Es bringt nichts dem einen „bye bye“ zu sagen, nur damit mit dem nächsten das gleiche Spiel wieder von vorn losgeht. Es gilt hier noch tiefer in meine Gefühls- und Verhaltenswelt einzudringen und die Ursachen dieses Ausnahmezustandes aufzulösen, den ich immer spüre, wenn ich mich in der Kennenlernphase mit jemanden befinde, der das Potenzial für mehr haben könnte.

Lustigerweise ist mein Stresslevel nämlich bei den Männern sehr viel niedriger, von denen ich von Beginn an weiß, dass das nicht der Mann für den Rest meines Lebens sein wird. Ein bisschen Aufregung hier, ein bisschen Unsicherheit da – aber lange nicht dieses Gefühlschaos, das ich oben beschrieben habe.

Ich denke vieles hat damit zu tun, dass ich wahnsinnige Angst habe mich entscheiden zu müssen und ab Tag X nur noch mit dem einen Mann bis zum Rest meines Lebens zusammensein darf. Es ist die Angst vor Langeweile und Routine und einem schnöden und wenig interessanten Miteinander genauso wie die Angst vor Vereinnahmung, die immer wieder aufkommt, wenn die Frage nach der Exklusivität aufkommt. Auf der einen Seite wünsche ich es mir so sehr, mich auf einen Mann mit Haut und Haar einlassen zu können und zu wissen, dass er mich auffängt, wenn ich mich fallen lasse und auf der anderen Seite kommen dabei alle meine emotionalen Narben der Vergangenheit auf. Die emotionalen Narbe einer Mutter, die mich ganz für sich haben wollte und bis heute nicht loslassen kann, die mich mit all ihrem emotionalen Ballast erdrückt hat und die mich als Schlüssel für ihr Seelenheil sah. Es kommen dann die alten Erinnerungen an all die Tränen auf, die meine Mutter weinte und für die ich mich verantwortlich fühlte. Und ich will heute als Erwachsene weder vereinnahmt werden, noch für die emotionale Balance des anderen verantwortlich sein.

Ich will jemanden, der Eigenverantwortung für seine eigenen Emotionen trägt und gleichzeitig in der Lage ist diese mit mir zu teilen. Ich will jemanden, der Zugang zu seinen Emotionen hat, ohne sie wegzuschließen oder mich damit zu belasten und sein Glück allein in meine Hände legt. Wahrscheinlich muss ich dafür zuallererst die Beziehung zu meiner Mutter heilen, damit die Geister dieser Verbindung endlich verschwinden und aufhören meine Gegenwart zu beeinflussen. Und vielleicht gelingt es mir dann endlich, nicht mehr vor Männern zu fliehen und ihnen dann auch noch die Schuld dafür in die Schuhe zu schieben.

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