Tag 187:
Kapitel 2 – Neuanfang

Es war bisher eine wunderschöne Reise. Sechs Monate ohne Männer und dafür umso mehr mit mir haben meine Sicht auf die Welt massiv verändert und ich fühle mich in mir wahnsinnig aufgeräumt. Die Ausgrabungen sind gut vorangekommen und mein Inneres ist freigelegt. Offen, ehrlich und verletzlich. Ich verstehe nach all den Jahren der Suche und Unklarheit endlich mich, meine Gegenwart, meine Vergangenheit und die Ursachen meiner Probleme. Und zum ersten Mal in meinem Leben ist einfach mal alles gut so wie es ist.

Manchmal ist es Zeit, Dinge nicht nur anders, sondern auch hinter sich zu lassen, sich von ihnen zu distanzieren und loszulassen. Ein Umzug kann solch ein Schritt sein – die alte Welt zu zurückzulassen und in eine völlig neue einzutauchen. So ähnlich war mein Umzug von Berlin nach Hamburg vor 1,5 Jahren. Ich hatte das Gefühl, die Stadt wäre zu klein für mich und die Vergangenheit, die ich endlich und nachhaltig loslassen wollte. Ein neues Leben in Hamburg kam für mich mit neuen Eindrücken, neuen Freunden und einem neuen Leben, das ich mir abseits der Erinnerungen an alte Zeiten und der Sehnsucht die dadurch aufkam, aufbauen konnte. Manchmal ist „aus den Augen aus dem Sinn“ das Beste, was man machen kann, um neu zu starten.

Und gerade habe ich das Gefühl, dass ich genau das brauche. Jedes Mal, wenn ich einen Blick in den Blog werfe, sehe ich die alten Texte und Bilder und erinnere mich an mein altes Ich und an ein altes Leben. Ein Leben, das ich hinter mir gelassen habe. Ich führe heute ein anderes und ich bin heute ein anderer Mensch. Und dies will ich auch in meinen Texten zum Ausdruck bringen. Es ist ein bisschen wie das eigene Kinderzimmer aufzuräumen – die alten Spielsachen in Kisten zu verstauen und auf den Speicher zu packen, bevor man mit neuem Mobiliar in die erste eigene Wohnung zieht. Übertragen auf meinen Blog heißt das, die Einträge aus der ersten Hälfte meines OYNG-Experiments einzupacken und so zu verstauen, dass ich immer mal wieder reinschauen kann, ohne dass sie den Raum für Neues versperren.

Am Anfang war wahnsinnig viel Druck auf meinem Kessel, der die Themen und Texte einfach aus mir heraussprudeln ließ. Weil ich jahrelang über gewisse Dinge schweigen musste, war der Druck so groß und das Bedürfnis mich zu äußern unendlich groß. Heute bin ich ruhiger und mit mir im Reinen. Es waren Gedanken, die einfach heraus mussten. Die nicht nur immer und immer wieder in meinem Kopf kreisen, sondern hinaus in die Welt wollten. Es war ein Reinigungsprozess für meinen Geist, mein Herz und meine Seele. Alles was ich auf (digitales) Papier brachte und damit in die Welt hinaus entließ, ließ ich ziehen. Ich arbeitete förmlich einen wahnsinnig Berg von Gedanken und Emotionen ab, die sich über die Jahre auf dem Schreibtisch meines Seelenfriedens angesammelt hatten. Und jeder Aspekt, den ich so betrachtete und verarbeitete, löste sich und schaffte Raum für mehr. Auf diese Weise entknotete ich ein dickes Knäuel ineinander verworrener Knoten und machte mich frei von den Ketten meiner Vergangenheit, die mich bis in die Gegenwart einengten und quälten.

Ich habe durch all die Arbeit mit mir selbst meinen Frieden mit allem gemacht. Meine vergangenen Männergeschichten sind aufgearbeitet und versöhnt. All das, was ich in den ersten Texten verarbeiten musste, ist geklärt. Die Wunden meines Herzens sind verheilt und es fühlt sich stärker und gleichzeitig sanfter und offener als als jemals zu vor. Ich fühle mich bereit aus der Isolation des „für mich seins“ herauszutreten und Stück für Stück meine Komfortzone im Außen zu erweitern. Ich fühle mich bereit dazu wieder “zwischenmenschliche Risiken” einzugehen. Ich sorge mich nicht mehr wegen der Gefahr, ich freue mich ob der Möglichkeit zum Lernen und meiner praxisnahen permanenten Weiterentwicklung.

Aus diversen persönlichen Gründen habe ich mich entschieden die Texte der ersten Hälfte meines Experiments zuerst einmal wieder in meine Privatsphäre zurückzuverlagern und offline zu stellen. Ich möchte einfach nicht mehr aus der Perspektive des Alten auf das Neue schauen. Ich möchte einfach mein neues Leben leben ohne den schweren Rucksack der Vergangenheit weiterhin auf meinen Schultern zu tragen. Ich möchte mein neues Leben mit einem weißen Papier und einem Stift in der Hand noch einmal von vorn starten.

Mein OYNG-Experiment ist damit nicht vorbei. Ganz im Gegenteil: Es entwickelt sich weiter und reift. Es ist in den letzten Monaten aus den Kinderschuhen herausgewachsen, hat die Mini-Kleider seiner Teenagerzeit ablegt und wird nun langsam erwachsen. ICH werde nun langsam erwachsen und ich sehe das, was ich insbesondere am Anfang über mein Privatleben geschrieben habe, heute mit einem etwas anderen Auge. Es war in vielerlei Hinsicht Aufmerksamkeitshascherei im Bild-Zeitungs-Stil mit vielen expliziten und provokativen Schlagzeilen. Ich dachte, dass ich mich so stark exponieren muss, um mich und mein Projekt interessant zu machen. Es war die Art wie ich damals mit meiner Außen- und v.a. Männerwelt interagiert habe. Ich habe das Thema Sex als so zentral wahrgenommen und das worauf es eigentlich ankommt – das Zwischenmenschliche – zu stark in den Hintergrund gestellt. Heute haben sich meine Prioritäten geändert und diese möchte ich auch hier im Blog widerspiegeln. Mit Teil 2 meines Experiments trete ich in eine neue Dimension meiner Reise ein. Nach dem „mit mir sein“ gilt es jetzt zu lernen „mit anderen zu sein“ und dabei gleichzeitig bei mir zu bleiben. Es geht darum diese Verbindung, die ich in den letzten Monaten zu mir selbst aufgebaut habe, weiterhin aufrecht zu erhalten, auch wenn ich mich mit der Außenwelt und der Emotionalität und Eigenwilligkeit anderer Menschen zu konfrontiere. Das Leben mit sich selbst kann sehr schön sein, aber es kann sich auch schnell zu einer realitätsfernen Blase entwickeln. Die Kunst ist die Balance und die Integration von Yin und Yang, Innen und Außen, Du und Ich, Aktivität und Passivität, Distanz und Nähe.

Wohin die Reise geht, nachdem Etappe 1 gemeistert ist? Ich bin gespannt! Ich setze die Segel und lasse mich vom Wind von Abenteuer zu Abenteuer führen. Es wird neue Kämpfe geben, die es auszufechten gilt. Neue Lektionen, die ich lernen darf. Und hoffentlich auch einige Kokosnüsse, die ich an Traumstränden in der Sonne und mit den Füßen im Meer genießen kann. Das Leben ist jetzt. Es ist Zeit damit aufzuhören theoretisch über die Liebe nachzudenken. Es ist Zeit zu leben. Und vor allem ist es Zeit zu lieben – in jedem Moment und egal ob Freund oder Feind. Was auch immer passiert, es wird gut sein. Ich vertraue auf das Leben, dass es mir hilft zu wachsen. Und: Ich werde euch selbstverständlich weiter auf dem Laufenden halten.

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