Tag 170:
Das woran wir Mangel leiden, ist uns das höchste Gut

Immer mal wieder frage ich mich, warum ich mich eigentlich so intensiv mit dem Thema Liebe beschäftige. Bei anderen scheint es ja schließlich damit auch einfach so und nebenbei zu funktionieren. Und das ohne, dass sie jeden Liebesratgeber lesen, der ihnen in die Hände fällt. Warum ist für mich wahre Liebe im Zentrum meiner Aufmerksamkeit, während andere mit seichteren Formen von Beziehungen zufrieden sind? Und warum habe ich das Gefühl darum so hart und unter vollem Einsatz meiner Kräfte kämpfen zu müssen, während es anderen einfach so zufällt?

Ich glaube, dass die Antwort darin liegt wie ich das Thema betrachte. Es ist für mich mit dem Stempel „schwierig und anstrengend“ versehen, während es für andere scheinbar das Leichteste der Welt ist. Ich mache es mir selbst unendlich schwer, weil ich es unter der falschen Lupe betrachte und weil ich es mit all meiner Rationalität verkompliziere, statt einfach zu lieben und zu schauen was dabei herauskommt. Ich muss die Brille der Liebe, die in meiner Vergangenheit entweder abwesend oder vereinnahmend war, ablegen, um endlich klar zu sehen. Ich muss meine Wahrnehmung von diesem Thema ändern, damit es mir auch endlich leicht fallen kann. Denn das, was wir im Außen sehen und erleben, ist nur die Reflexion unserer inneren Überzeugungen.

Meine Angst vor einer lebenslangen Beziehung ist trotz aller meiner Reflexion immer noch groß. Aus aktueller Distanz auf das Thema kann ich es mit wachem Interesse beäugen und meinen Wunsch danach sehr intensiv spüren. Sobald die Chance dafür allerdings in greifbare Nähe rückt, überkommt mich plötzlich eine fast panikartige Sorge vor Vereinnahmung und Enge. Jedes Mal wenn ich in diese Situation komme, packt mich ein Fluchtimpuls und ich möchte am liebsten weglaufen. Und das obwohl ich mich noch kurz vorher so sehr danach gesehnt habe.

Für mich scheint es im Vergleich zu anderen so viel schwieriger zu sein einen gesunden Umgang mit dem Thema Liebe und Nähe zu finden – zum einen weil ich in meiner Kindheit nicht die Erfahrung gemacht habe die Liebe eines Vaters zu bekommen und zum anderen, weil die Liebe meiner Mutter nur ein Vehikel war, damit sie sich ihre Bedürfnisse erfüllte anstatt wie eine Mutter für mich da zu sein.

Liebe geht für mich daher nicht einfach so. Ich wusste ja jahrzehntelang gar nicht was Liebe ist und ich beginne erst langsam zu begreifen. Das was andere vom Anbeginn ihrer Entstehung mitbekommen und als selbstverständlichen Aspekt in ihrem Leben annehmen, ist für mich ein harter Kampf. Das was anderen in die Wiege gelegt wird, muss ich mir Stück für Stück selbst erarbeiten. Und genau das erklärt meine so große Sehnsucht nach Liebe und den so großen Fokus, den ich diesem Thema widme:

Weil Liebe in meiner Kindheit so rar war, sehne ich mich heute umso stärker danach. Denn das woran wir Mangel leiden, ist uns das höchste Gut.

Dies erklärt, warum ich mich viel angestrengter mit dem Thema auseinandersetze als andere Menschen. Ich muss es. Liebe ist für mich die große Unbekannte, das lang Ersehnte und mein größter Wunsch. Es ist das, was ich so lange vermisst und mit so viel Energie und Kraftanstrengung versuche zu finden.

Setzt man einen Menschen auf einer Insel aus, wird er diese vielleicht am Anfang erkunden. Irgendwann jedoch wird er Hunger bekommen. Sobald dieser einsetzt wird er seinen Fokus auf die Dinge richten, die ihm helfen können diesen Mangel an Nahrung auszugleichen. Er sieht in den Pflanzen dann nicht mehr das schöne Grün und die wundervollen zarten Blüten – denn diese machen nicht satt – er sieht stattdessen die Früchte, die die Bäume und Sträucher tragen. Diese Veränderung der Wahrnehmung hält so lange an, bis sein Magen gefüllt und er gesättigt ist und setzt erst dann wieder ein, wenn er erneut Hunger bekommt.

Unser Körper bzw. unser Bewusstsein bedient sich schlauer Mechanismen, um das zu bekommen was wir brauchen. Sie verändern einfach den Fokus unserer Wahrnehmung. Wachse ich arm und in Elend auf, werde ich mit hoher Wahrscheinlichkeit versuchen mich dieser Bürde in meinem Leben zu entledigen. Werde ich in einem chaotischen und dreckigen Haushalt groß, kann es sein, dass ich besonders ordnungsliebend und reinlich werde. Wachse ich ohne Liebe auf, dann kann es entweder sein, dass ich mit einem kalten Herzen durchs Leben gehe und mit Liebe nichts anfangen kann oder aber ich tue alles, um mein Leben der Liebe zu öffnen.

Ich habe mich für den zweiten Weg entschieden. Ich habe mein Leben der Liebe gewidmet. All meine Hoffnung und all meine Kraft investiere ich darin, sie zu finden. In meiner Vorstellung schenkt mir das Erfüllung. Eine Familie zu gründen, die ich nie hatte und eine Partnerschaft, die ich mir so wunderschön vorstelle, sind meine Ziele im Leben. Es ist nicht die Million auf dem Konto und auch nicht das große Auto in der Garage. Mein höchstes Gut ist die Liebe und ich würde ihr alle anderen Güter opfern, wenn ich nur wahre Liebe langfristig und dauerhaft allein sowie in Partnerschaft leben kann.

Alles was ich aktuell tun kann ist mir meine Muster bewusst zu machen und wann immer eine Situation bzw. ein Mann kommt, der wirklich mich meint, mich meiner Angst zu stellen und zu bleiben, anstatt zu fliehen. Ich wünsche mir so sehr, dass ich diese Erfahrung bald machen darf und dabei zu erleben, das wahre und ernst gemeinte Nähe nicht bedrohlich ist, sondern ich sie ohne die Schutzmauer der Unnahbarkeit genießen darf.

P.S.: Morgen werde ich zum allerersten Mal in meinem Leben meinen Vater in persona treffen. Ich bin nicht aufgeregt, noch nicht mal großartig vorfreudig und dennoch bin ich gespannt auf das was passieren wird. Ich werde berichten. 😉

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