Tag 152:
Mein rechter rechter Platz ist leer…

„Wenn ich die Plätze um mich herum immer besetzt halte, damit ich mich nicht allein fühlen muss, wie soll sich dann der/die neben mich setzen, den/die ich eigentlich gern neben mir hätte?“

Diese Erkenntnis hatte ich gestern Abend auf einem langen Spaziergang durch den Hamburger Hafen – mein Sehnsuchtsort in meiner “Zuhause-Stadt”. Ich sah der Sonne beim Untergehen zu und wie sich der Himmel dabei in einem wunderschönen Rot färbte. Es war ein traumhafter Moment. Ich saß an der Elbe, blickte in die Weite und spürte diese Sehnsucht in mir. Eine Sehnsucht nach Nähe und Geborgenheit, die mich bereits mein ganzes Leben begleitet.

So lang wie mein Leben andauert, habe ich das Gefühl, dass mir etwas fehlt. Es ist wie ein stiller Schrei aus der Tiefe meines Körpers. Dieses Gefühl hat keine Worte. Es stammt aus einer Zeit, in der ich noch nicht fähig war Empfindungen in Worte zu fassen. Immer wieder überkommt mich dieses Gefühl tiefer Einsamkeit. Ein Gefühl, das ich so gut es geht versuche von mir fernzuhalten. Und Menschen, die oberflächlich auf mein Leben schauen, würden nicht im Traum daran denken, dass ich solche Emotionen in mir trage. An der Oberfläche zeige ich sie nicht. Stattdessen strahle ich wie die Sonne, finde in der fremdesten Menschenmenge sofort Anschluss und mein Leben ist kunterbunt gefüllt mit kleineren oder größeren Abenteuern. Doch wie viel davon ist gemacht, um zu überdecken und wie viel davon bin wirklich ich?

Abseits der Verabredungen und erfüllten Selbstbeschäftigung zeigt es sich immer Mal wieder. Ich versuche deshalb diese “einsamen Momente”so gut es geht zu umgehen, in denen sich Einsamkeit und die Überzeugung „Keiner will mich“ in mir ausbreiten. Es ist das Motiv, das sich durch mein Leben zieht und wahrscheinlich auch DER Grund, warum ich mich seitdem ich denken kann nach einer Beziehung sehne. Warum diese Sehnsucht so allumfassend, intensiv und dominant gegenüber allem anderen ist. Ich möchte das Gefühl haben endlich angenommen und gewollt zu sein. Ich möchte das Gefühl haben, dass endlich jemand aus vollem Herzen “JA!!!” zu mir sagt. Und ihr wisst ja wie Heilung funktioniert: Dir wird nicht das gegeben was du willst, sondern das was du brauchst, damit du dieses Thema ausheilen kannst. Was bei mir gleichbedeutend ist mit ganz vielen Situationen, in denen ich mich allein fühlen kann…

Als ich vor ein paar Tagen darüber nachdachte, wurde mir klar wo dieses Gefühl herkommt. Ich bin das ungeplante „Produkt“ einer Affäre. Keiner meiner Elternteile wollte mich wirklich. Meine Mutter sagte zwar immer, dass ich ihr Wunschkind gewesen wäre – aber wir wissen beide, dass es mit 23 Jahren, unverheiratet und in der damaligen DDR sicher nicht irgendeiner Wunschvorstellung entsprach auf solch eine Weise ein Kind zu bekommen. Stattdessen muss sie ziemlich geschockt und verunsichert gewesen sein, dass sie aus heiterem Himmel schwanger war – von einem Mann, den sie weder liebte noch in ihrem Leben wollte. Oft ist es dann so, dass sich die Mutter nicht richtig auf das Kind einlassen kann und in der Seele des Kindes davon Spuren zurückbleiben. Ich denke, dass meine Seele seit Tag 1 ihrer Entstehung diese Sehnsucht nach Angenommensein und Gewolltwerden in sich trägt und danach schreit, dieses Gefühl des Mangels endlich loszuwerden. Mich alleinzufühlen war quasi da, noch bevor ich Arme, Beine und ein Herz hatte. Und es prägte mich so nachhaltig, dass es mich auch heute immer noch beeinflusst.

Aufgrund dieses Gefühls versuchte ich mein Leben und die leeren Plätze darin stets so zu füllen, dass keiner diese Einsamkeit sehen konnte. Schon als Kind hatte ich Angst, dass andere erkennen könnten, dass ich einsam bin und keiner mich will. Ich hatte Angst, dass die Reaktionen der anderen dieses Gefühl in mir noch bestätigen könnten. In der Folge war in meinem Leben kein Platz für etwas, das sich aus sich selbst heraus entwickeln konnte – in dem Raum, den diese Leere bietet. Jedes Mal, wenn ich auch nur eine Prise Einsamkeit spürte oder sich gerade ein Mann aus meinem Leben verabschiedete, suchte ich mir ganz schnell einen neuen, der diesen frisch freigeworden Platz füllen konnte. Nur, damit mir dieses Gefühl der Einsamkeit nicht in aller Härte in mein Gesicht schlug. Es war dazu gedacht mich zu schützen und gleichzeitig verhinderte es, dass sich etwas in meinem Leben manifestieren konnte, das mehr als nur „von mir dort hingesetzt” wurde.

Diese Erkenntnis ist unglaublich berührend. Ich habe mich entschieden jetzt wirklich alles loszulassen. Und mit allem meine ich v.a. die Männer, die da noch irgendwo im Orbit kreisen und sich immer mal wieder ihren Platz in meine Gedanken finden. Ich habe entschieden, die Vergangenheit wirklich Vergangenheit sein zu lassen und mich dazu zu zwingen, nichts Altes mehr anzufassen und krampfhaft in meinem Leben halten zu wollen. Auch wenn es verdammt hart und emotional anstrengend ist – ich vertraue darauf, dass sich das in mein Leben finden wird, was zu mir gehört und bei mir sein soll. Und das ohne, dass ich ständig darum und dafür kämpfen muss. Ich lasse los. Lasse hinter mir. Und fange von vorn an. Tabula rasa. Raum für Neubeginn. Und alles, was sich ab jetzt neben mich setzen möchte, hat dazu Platz.

Es ist wie das Aufwachen aus einem Traum und in dem Moment zu realisieren, dass ich mein Leben selbst bestimmen kann und der (Alb-)Traum zu Ende ist.

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