Tag 126:
Ich will ficken wie ein Mann!

Wisst ihr worum ich Männer wirklich beneide? Dass sie so einfach Sex und Liebe trennen können! Ich würde manche Dinge – insbesondere Sex – auch gern ein bisschen weniger emotional und dafür ein bisschen stärker rational angehen können. Emotionen zu haben ist schön. Sie aber hin und wieder ausschalten bzw. sie selbstbestimmt steuern zu können, ist aus meiner Sicht eine ebenso schöne und erstrebenswerte Sache.

Ich habe es in den letzten Wochen bereits mehrfach durchklingen lassen. Meine Abstinenz macht mir gerade wirklich keinen Spaß. Ich quäle mich durch. Aber Genuss sieht anders aus.

In diesem Aufbäumen meiner sexuellen Lust und deren Reflexion lerne ich gerade enorm viel und entdecke neue emotionale Problemfelder. Eines davon ist das Thema “Casual Sex“. In den letzten Tagen ist mir noch einmal bewusst geworden, dass nichts daran verwerflich ist seine körperlichen Bedürfnisse auszuleben, wenn man dies transparent kommuniziert und es darüber mit dem anderen ein Einverständnis gibt. Mir wurde klar, dass ich nicht deshalb in der Zeit vor Beginn meines OYNG-Experiments mit Männern immer wieder gegen Wände gelaufen bin, weil ich Sex hatte. Sondern weil ich Sex hatte und hoffte, dass daraus mehr werden würde und ich ein ums andere Mal meine emotionalen Bedürfnisse nicht erfüllt fand. Ich war enttäuscht, weil ich hoffte, dass auf meine körperliche Hingabe auch eine emotionale Hingabe des anderen folgen würde. Und mir liefen die Tränen, weil ich schon wieder die gleichen dysfunktionalen Verhaltensmuster an den Tag legte.

Immer wenn ich mit jemandem schlief und ihm körperlich nah war, baute ich zu dieser Person auch eine gewisse emotionale Verbindung auf, die ich vertiefen wollte. Und das ganz und gar nicht deshalb, weil ich mir hätte vorstellen können mein Leben über einen längeren Zeitraum mit dieser Person zu teilen, sondern viel mehr aufgrund des Bindungshormon-Cocktails in meinem Blut. Genau diese Verstrickung körperlicher und emotionaler Themen würde ich gern auflösen. Ich würde gern Sex und Liebe so trennen können, wie Männer dazu in der Lage sind. Ich würde gern ficken wie ein Mann!

Zweifelsohne verstehe ich, dass für meine weiblichen Urahninnen damals in der Höhle diese emotionale Bindungsreaktion auf Sex genau so Sinn ergeben hat. Aber heute – als moderne und unabhängige Frau – ist die Realität doch in der Tat eine völlig andere. Ich stehe meinen Mann in so vielen Bereichen. Nur beim Sex braucht es halt doch einen anderen, um diese wahnsinnig schönen Momente zu genießen. So schön wie Selbstbefriedigung sein kann, wenn dies Sex in Zweisamkeit gleichwertig ersetzen könnte, würde unsere Menschheit wohl aussterben.

Ich sage es ganz ehrlich: Sex, Körperlichkeit und Nähe sind menschliche Grundbedürfnisse – zumindest bei mir und ich denke das gilt auch für die Mehrheit der Menschen. Ich bilde mir ein, dass ich mit den Themen Sex und Liebe auf spielerischere Weise und mit einer anderen Leichtigkeit umgehen könnte, wenn ich dazu in der Lage wäre Sex von Liebe zu trennen. Ich würde gerne meine körperlichen Bedürfnisse in Zweisamkeit befriedigen lernen, ohne dass dies tiefgreifenden Einfluss auf meine emotionale Gefühlswelt hat oder ich mit diesem Einfluss zumindest besser umgehen kann. Ich würde gern nicht jeden, mit dem ich Spaß in der Horizontalen habe, als potenziellen Partner fantasieren. Ich würde gern einfach den Moment genießen und lernen nicht gedanklich immer sofort in eine gemeinsame Zukunft abzuschweifen.

Ein Freund verglich dies augenzwinkernd auf diese Weise: „Du gehst ja auch zum Frisör“ und ich finde, dass er damit sehr Recht hat. Ja, ich habe gewisse körperliche und auch emotionale Bedürfnisse und ich möchte meine körperlichen Bedürfnisse als Teil meiner Persönlichkeit akzeptieren ohne sie an Beziehungswünsche und Zwang nach beiderseitigem Commitment zu knüpfen. Schließlich will ich Sex haben wollen und nicht haben müssen, damit der andere bei mir bleibt.

Was wäre jedoch, wenn ich für mich klar wüsste, dass dieser oder jene Mann für mich meine körperlichen Bedürfnisse befriedigt und ich das für mich ganz klar von jeglicher emotionaler Bedürfnisbefriedigung abgrenzen könnte? Natürlich hatte ich in meinem Leben auch Sex, der nicht auf die Aussicht von Ehe und gemeinsamen Kindern ausgerichtet war. Männer, die ich in Momenten in mein Leben ließ, in denen ich einfach Lust hatte. Dieser Sex war nur nie so toll, als dass ich mich längerfristig hätte auf diese Form der Bedürfnisbefriedigung einlassen wollen. Es war aus meiner Perspektive Sex mit angezogener Handbremse. Ich war nicht da. Ich war angespannt. Und das hemmte wiederum mein Lustempfinden. Kurzum, irgendwie dachte ich mir danach meist: „Das hätte ich mir auch sparen können!“

Für mich stellt sich daher folgende Frage: Was wäre wenn ich Casual Sex genießen könnte? Würde ich dann in Zukunft nicht noch unabhängiger und entspannter beim Kennenlernen von Männern sein? In der Vergangenheit passierte es mir oft, dass mich das Warten auf „den Richtigen“ sexuell komplett aushungern ließ und ich so leichte Beute für die Falschen wurde. Wenn ich in der Lage wäre körperliche und emotional-soziale Befriedigung zu trennen, dann könnte ich Dates leichter abweisen, die auf menschlicher Eben zweifelsohne nicht langfristig funktionieren ohne mich durch mein Nähebedürfnis zum “passend machen” verleiten zu lassen. Für mich wäre das echte sexuelle Freiheit. In meiner Vorstellung hätte ich Menschen, die zu meiner emotionalen, sozialen und intellektuellen Befriedigung beitragen würden (meine Freunde) und einen (oder vielleicht auch mehr als einen) anderen Menschen, mit dem ich auf ungezwungene Weise meine Körperlichkeit ausleben könnte. Wenn dies so wäre, könnte ich ganz entspannt andere Männer kennenlernen ohne mit einem unbefriedigten Bedürfnis in eine Kennenlernphase zu starten. Ich könnte dann viel entspannter in die Due Diligence einsteigen und schauen ob es da jemanden gibt, der abseits aller Erwartungen eine Bereicherung in meinem Leben ist. Ich denke das wäre eine durchaus entspanntere Weise im Vergleich dazu wie ich es aktuell bzw. in meiner Vergangenheit oft angegangen bin.

Ein Teil in mir fragt sich, inwieweit ich mir das Ganze selbst gerade schön rede. Insbesondere in dieser Phase der Abstinenz, die mir gerade überhaupt keinen Spaß macht und ich am liebsten die Segel streichen, den Kopf ausschalten und einfach mal wieder ungezwungen und erwartungsbefreit Sex haben würde. Ich möchte einfach mal wieder sein wie „die anderen Menschen“ und nicht immer aus der halb-erleuchteten, spirituellen Ecke auf alles schauen, es durchdenken und dann weise danach handeln. Irgendwie bin auch ich nur ein Mensch und irgendwie finde ich es gerade auch mal wieder ok abseits meines Weges zu schauen und meine Komfortzone zu erweitern. Es ist wie die Sahnetorte, die man nascht, obwohl man weiß, dass die grünen Smoothies die gesündere und auch bessere Option wären.

Ich zweifele allerdings deshalb an meiner Argumentationsstruktur, weil das bedeuten würde mein Experiment in dieser Form, wie es angedacht war, zu beenden. In dieser Inkonsequenz und Sprunghaftigkeit sehe ich eindeutige Parallelen zu meinem Beziehungsverhalten. Ich nehme mir etwas vor und anstatt es überzeugt durchzuziehen, lasse ich mich auf dem Weg von anderen Dingen ablenken bzw. von aufkommenden Herausforderungen demotivieren. Wenn ich eine monogame Beziehung führen will und das Ernst meine, müsste ich an dieser Stelle weiter kämpfen – in der Hoffnung, dass die Motivation und Lust an meinem Jahr ohne Männer wieder zurückkommt. Ich müsste hart zu mir sein, so wie ich es auch sein müsste wenn ich in einer Beziehung wäre und ich im Verlauf dieser Lust auf einen anderen Mann bekommen würde. Ich müsste kämpfen und mich selber davon überzeugen, dass es um das höhere Ziel geht. In meinem Fall ist mein höheres Ziel mir selbst eine gewisse Charakterstärke zu beweisen und nicht von meinem Pfad abzuweichen. Wenn ich jetzt mit meiner Abstinenz aufhören würde, würde mich das nur darin bestärken, dass ich wohl nie in der Lage sein werde eine langfristig treue Beziehung zu führen – unabhängig davon ob dies wirklich mein Beziehungsmodell der Zukunft werden wird. Es wäre gleichzeitig zu einem gewissen Befreiungsschlag auch das Zeichen und mein eigenes Eingeständnis meiner Schwäche meine Lust und meinen Körper zu kontrollieren.

Das Ganze hat also zwei Seiten, die es gilt abzuwägen: Die eine Seite ist aktuelle Lustbefriedigung und ggf. eine Erweiterung meiner Komfortzone im Bereich Erwartungsfreiheit und im Moment leben. Die andere Seite ist das Gefühl mir und meinen Zielen treu zu bleiben und sie auch dann weiterzutreiben, wenn mir der Wind entgegen bläst.

Wenn ich mich Frage, was für mich wichtiger ist, dann ist es der zweite Punkt. Ich kann auch noch nach meinem Jahr der Abstinenz lernen mit Casual Sex umzugehen. Aber ich werde mich wohl nie noch einmal freiwillig auf ein Jahr ohne Sex einlassen, nachdem ich jetzt schon mehr als 4 Monate – also ein Drittel der Zeit – geschafft habe. Ab jetzt gilt es zu kämpfen. Vielleicht jeden Tag. Auch wenn es schwer ist. Vielleicht finde ich auch die Motivation für meine Abstinenz nicht wieder zurück. Und trotzdem will ich zumindest sagen können, gekämpft zu haben. Ich will mich quälen, um mir selbst zu beweisen, dass ich mein Verlangen beherrschen kann. Nicht für jetzt, sondern für die Zukunft. Es ist wie das Training für einen Marathonlauf, das nicht immer Spaß macht. Es ist der Anstieg auf dem Weg zum Gipfel und die Stelle an der man am liebsten stehen bleiben und umkehren würde, weil einem die Lunge gerade fast aus dem Hals heraus hängt. Es ist der schwierige Anstieg, der eisige Gegenwind, der Hunger und der Durst. Es ist das was die Spreu vom Weizen trennt. Es ist mein ganz persönliches Sex- und Liebesbootcamp.

Und wenn ich nach diesem Jahr ohne Männer sage, dass ich mich dann nach all der Abstinenz nur noch mehr sexuell ausleben muss als vorher, dann ist es so. Aber ich kann gleichzeitig auch sagen, dass ich das schaffe, was ich mir vornehme. Und das ist mein Ziel!

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