Tag 120:
Take a good guy and love him as he is…

In den letzten Tagen litt ich unter einem großen Kopfchaos. Meine Gedanken wuselten wild und her und verknoten sich um sich selbst. Und was war der Grund? Männer! Oder genauer gesagt ein Mann namens Oliver.

(Ja. Ich gebe es zu. Im letzten Post hatte ich es ja bereits angedeutet. Ich brauchte nach 4 Monaten nur mit mir mal wieder ein bisschen das Austesten von all dem was ich bisher gelernt hatte in einem stärker praxisrelevanten Setting…)

Ich hatte Oliver vor mehr als einem Jahr über Tinder kennengelernt, als ich frisch nach Hamburg gezogen war. Unsere Dates waren lustig und seine Küsse wundervoll. Aber mehr war nie zwischen uns. Irgendwie war er mir damals nicht männlich und ehrgeizig genug. Und ich nutzte Tinder auch eher, um neue Bekanntschaften in Hamburg kennenzulernen und meine Wochenenden in der neuen Stadt mit Dates zu füllen, anstatt alleine in meiner neuen Wohnung zu sitzen. Wirklich bereit für eine neue Beziehung war ich nicht – mein Herz klebte viel zu sehr an meinem Berliner Ex, den ich zwar geografisch jedoch keineswegs emotional hinter mir gelassen hatte.

Ich war damals recht spontan nach Hamburg gezogen. Ich wollte raus aus Berlin. Weg von Christian. Die Stadt war einfach zu klein für uns beide und so ergriff ich die Flucht mit meinem ganzen Hausstand auf in den Norden. Und was passt in solcher Situation besser als sich mit Dates abzulenken, die man gar nicht so ernst meint? Dates, die ich selbst nicht ernst nehme, haben wenig Potenzial mir gefährlich zu werden. So war es auch mit Oliver. Wir verbrachten entspannte Momente. Der perfekte Flirt für zwischendurch. Zumindest bis ich das Gefühl hatte, dass er mehr von mir wollte als unsere unschuldigen und ergebnisoffenen Dates. Er bezeichnete mich als „Freudinnenmaterial” und in dem Moment sprangen alle meine Bindungssirenen an. Ich lief weg, weil ich mit der Situation überfordert war und weil ich nicht wusste, wie ich ihm das vermitteln sollte. Schließlich wirkte er so wie der Typ, der kein Wasser trüben könne. Zumindest dachte ich das damals…

In den letzten Wochen habe ich immer mal wieder an ihn gedacht. Wir hatten damals schöne Dates und nachdem ich meine Bindungsangst heute viel besser im Griff hatte, überlegte ich ihm zu schreiben. Ein kurzes Hallo und ein paar Zeilen. Ein Zeichen, dass ich an ihn denke. Abwartend wie er darauf reagieren würde. Schließlich war ich es damals, die das Ganze beendete. Ich wollte mich einfach mal wieder mit der Realität messen und wenn ich ehrlich bin, fing mein OYNG-Experiment in den letzten Wochen an “wehzutun”, da mir körperliche Nähe wirklich fehlte. Er war ein kleines Stück Schokolade, dass ich mir nach 4 Monaten strenger Abstinenz gönnen wollte. Wohlwissend, dass die Sahnetorte immer noch tabu ist. Manchmal muss einfach auch mal wieder ein bisschen abseits des Weges treten, um zu erkennen was der richtige Pfad ist…

Letzte Woche trafen wir uns tatsächlich wieder. Er war noch immer Single und fragte mich nach einer gewissen Zeit, was damals mit mir los war. Ich erzählte ihm etwas von „Ex-Freund…nicht losgekommen…kompliziert“ und versprach ihm, dass ich ihn diesmal nicht wieder so verwirren würde wie damals. Gleichzeitig gab ich ihm zu verstehen, dass ich kein Abenteuer suche und ihn einfach nur besser kennenlernen wollte.

Wir redeten über damals und was wir jeweils dachten und plötzlich wurde es still in mir. Er meinte mit „Freundinnenmaterial“ damals angeblich gar nicht, dass er mit mir zusammen sein wollte. Er fand mich einfach nur cool. Aus unserem Gespräch ergab sich, dass er es eher mit „mingeln“ hält und eine feste Beziehung nicht ganz oben auf seiner Wunschliste für die nächsten Jahre stand. Sein Leben sei gerade chaotisch und er wüsste selber nicht, wie es sich entwickeln werde und er sich daher nicht binden wolle. Meine imaginäre Kinnlade klappte ziemlich weit herunter, als ich das hörte. Der Mann, den ich wiedergetroffen hatte, weil ich dachte, dass er beziehungsaffin wäre, zeigte diesmal ganz andere Seiten.

 

Heute morgen habe ich ihm geschrieben, dass ich es besser fände, wenn wir uns nicht noch einmal treffen. Ich wollte mich klar von einem weiteren Mann abgrenzen, der ganz klar bindungsängstliche Tendenzen hat (wir hatten auch über sehr viel Persönliches gesprochen, das meine These der Bindungsangst bei ihm untermauerte). Als ich auf „Senden“ drückte, fühlte ich mich stark und frei. Endlich hatte ich es geschafft, direkt die Reißleine zu ziehen und mich nicht wieder ähnlich wie mit Christian in den Lauer- und Wartemodus zu begeben – hoffend, dass er doch irgendwann erkennt wie toll ich bin, seine Bindungsangst überwindet und mich zu seiner Freundin macht. Es war wie ein Befreiungsschlag und gänzlich konträr zu meinen alten Verhaltensmustern. Innerlich klopfte ich mir dafür auf die Schulter und spürte wie sehr ich mich bereits jetzt verändert hatte, wie viel besser ich für mich einstehen, meine Bedürfnisse klar äußern und mich abgrenzen kann.

Ich habe für mich verstanden, dass man eine Bindungsangst nicht damit löst, dass man die betreffende Person mit Liebe einbalsamiert und sich als perfekte Partnerin positioniert. Bei manchen Männern mag dies vielleicht funktionieren und sie werden einer Beziehung zustimmen. Allerdings muss der Wandel innerlich und nicht nur in der äußeren Beziehungsform vollzogen werden. Sonst werden diese Menschen irgendwann zu einem gewissen Zeitpunkt wieder ausbrechen und sich in Affären oder die Arbeit flüchten, um zu viel Nähe zu entgehen.

Ja, ich bin stolz auf mich. Es ist wichtig zu verstehen, dass Ja und Nein wie Yin und Yang sind. Wenn ich zu etwas Ja sage und daran arbeite dies in meinem Leben zu manifestieren, dann muss ich im gleichen Moment auch lernen, zu den Dingen Nein zu sagen, die mich diesem Ziel nicht näher bringen, sondern mich eher wieder weiter davon entfernen.

Von daher war dieses vorsichtige Date gut, auch wenn es nicht den Ausgang hatte, den ich mir dabei erhofft hatte. Ich habe das Leben angenommen und habe im Moment gelebt. Was ist im Moment richtig? Was brauche ich im Moment? Wer ist mein Gegenüber im Hier und Jetzt? Diese Perspektive möchte ich viel mehr in meinem Leben verankern und einen Menschen finden, der bereits im Jetzt derjenige ist, mit dem ich zusammensein und mit dem ich Intimität genießen möchte und nicht im Jetzt mit einem Mann zu schlafen, den ich heute defizitär finde, der aber morgen mit ein bisschen Hilfe von meiner Seite mein Traummann sein könnte.

Ich lebe ab jetzt nach einem neuen Motto:

„Don’t take a bad guy and try to make him a good one. Take a good guy and learn to love him as he is.“

In dem Sinne – schöne Ostern.

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5 Gedanken zu „Tag 120:
Take a good guy and love him as he is…
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  1. Hallo Lena,

    das hier “Und was passt in solcher Situation besser als sich mit Dates abzulenken, die man gar nicht so ernst meint? Dates, die ich selbst nicht ernst nehme, haben wenig Potenzial mir gefährlich zu werden. So war es auch mit Oliver. Ich spielte mit ihm und er tanzte nach meiner Pfeife, verbrachte Zeit mit mir und lenkte mich ab ohne mehr einzufordern” klingt für mich genau nachdem, was der Oliver macht und Du ihm/den Männern jetzt vorwirfst… oder habe ich das falsch verstanden…

    Gruß
    Christoph

    1. Lieber Christoph,

      danke dir für dein Feedback und die Reflexion der Situation. Ja, da hast du absolut recht. “Damals” habe ich andere z.T. auch für meine Zwecke benutzt. Allerdings habe ich nie falsche Versprechungen gemacht und ihm klar gesagt, dass ich nichts festes möchte. Ich finde hier liegt der große Unterschied – spiele ich etwas vor, um meine eigenen Bedürfnisse zu befriedigen oder kommuniziere ich offen, dass ich nur spielen möchte.

      Es geht mir nicht darum, dass spielen verboten ist. Es geht mir darum dies offen zu positionieren, sodass der andere eine Chance hat das für sich einzuordnen und zu überlegen ob er/sie das unter gegebenen Bedingungen möchte. Wenn man der anderen Seite vormacht, dass man etwas anderes will, als man es in der Tat tut, ist das konträr zu meinem Wertesystem.

      Und ja, auch ich habe mich nicht immer richtig verhalten. Das gebe ich offen zu. Aber ich bemühe mich zumindest besser darin zu werden und sehr offen und klar zu kommunizieren was ich möchte oder nicht möchte.

      Ich hoffe das klärt deine Frage.

      Liebe Grüße, Lena

      1. Hallo Lena,

        danke für die Rückmeldung. Ist für mich jetzt klarer geworden! Und ich bin heilfroh, daß ich auf Tinder&Dates nicht brauche. Würde da gnadenlos scheitern…

        Viele Grüße
        Christoph

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