Tag 112:
Der Knoten ist geplatzt

In der letzten Woche hatte ich noch einmal einen Moment, der so vieles gelöst hat. Leider hatte ich so viel zu tun, dass ich erst jetzt dazukomme darüber zu schreiben. Es war bei meinem Coaching-Training in Amsterdam, als ich beim Live-Coaching von einem der Teilnehmer zuschaute. Er bearbeitete ein Thema, das genauso auch von mir hätte kommen können und ich fühlte mich so sehr mit ihm verbunden, dass plötzlich Tränen über meine Wangen kullerten. Gleichzeitig fing mein rechter Arm wie verrückt an zu zittern und wollte gar nicht mehr aufhören. Nach meiner Studie des Buches „Sprache ohne Worte“ von Peter Levine wusste ich, dass sich so das Lösen von alten Traumen andeutet. Also ließ ich meinen Arm zittern und nahm mir in der Mittagspause Zeit in dieses Zittern hineinzuspüren. Ich erforschte, was mir dieses Zittern sagen wollte und welche alten Blockaden und Traumen dahintersteckten. Und plötzlich kamen Bilder auf, wie meine Hände an jemandem klammerten und ihn nicht loslassen wollten. Ich spürte das Kind in mir, dass nicht verstand warum sich dieser Mensch von mir abwendete. Ich wollte alles tun, um ihn bei mir zu behalten. Ich konnte es einfach nicht verstehen und suchte nach Dingen, die ich falsch gemacht haben könnte. Dieses Festhalten und Anklammern wurde zu meinem Kernproblem im Leben. Ich nahm es von dieser frühen Szene aus meiner Kindheit mit in jede weitere Beziehung mit Männern. Doch als ich mir vergegenwärtigte, welche Ursache dieses Beziehungsverhalten hatte, löste sich dieses Zittern und ich fühlte mich befreit. Ich spürte plötzlich eine Veränderung in mir. Ich konnte auf einmal verstehen, warum ich es mir so oft so schwer gemacht hatte. Und ich wusste, dass ich durch diese Erkenntnis mein Verhalten in Zukunft anders reflektieren und steuern werden kann. Es war pure Befreiung. Lange und intensiv erarbeitet. Die Belohnung eines harten Kampfes der letzten Wochen.

Die nächste Stufe des Alleinseins

Durch diese Entwicklungen befinde ich mich gerade in der nächsten Stufe des Alleinseins. Die Phase, wenn einem allein nicht mehr das Kopfchaos begegnet, sondern wenn auf einmal Ruhe eintritt. Wie in einer Beziehung oder guten Freundschaft, wenn man nach einem intensiven Austausch miteinander das gemeinsame Schweigen genießen kann. Ich schweige gerade oft und viel mit mir. Und es ist auch der Grund warum ich gerade weniger oft Artikel schreibe. Am Anfang waren so viele Dinge in mir, die geäußert werden und sich Luft machen wollten. Es war so viel Dampf im Kessel. Und der musste erst einmal abgebaut werden.

Die Vielzahl der Social Media-Plattformen ist mir gerade einfach zu viel. Ich realisiere für mich mehr und mehr, dass ich viel eher ein analoger als ein digitaler Mensch bin. Diese kleinen Mikro-Universen ziehen einfach so viel meiner Aufmerksamkeit und geben mir im Austausch dann doch wieder so wenig. Ihr ganzes System ist auf schnelle Dopaminkicks und externen Aufmerksamkeitsspritzen aufgebaut und steht so im Gegensatz zu dem, was ich eigentlich suche. Diese Portale nutzen die Grundbefürfnisse der Menschen – gesehen zu werden und dazuzugehören – sehr schlau aus. Nur mit jedem weiteren Schritt auf meiner Reise zu mir selbst, brauche ich diese externen Anerkennungsquellen umso weniger. Ich lebe heute in einer anderen Welt. Und die braucht andere Mikro-Universen als die gängigen Massenmedien.

Sind wir doch ehrlich: Diese digitalen Welten sind für viele der Ausweg aus dem Gefühl ganz allein zu sein. Man muss weder wirklich allein sein, noch muss man sich dem ungeschützten Austausch mit anderen Menschen stellen. Wenn uns ein anderer User nervt oder uns zu nahe kommt, dann entfolgen oder blockieren wir ihn einfach. In dieser Welt fällt uns Abgrenzung oft viel einfacher. Leider trainiert das zwar die digitalen, jedoch noch bei weitem nicht die realen Abgrenzungsfähigkeiten.

Ich habe gelernt mich selbst zu lieben, meine eigenen Bedürfnisse selbstständig zu erfüllen und unabhängig von der Aufmerksamkeit und Nähe anderer zu werden. Ich habe vor allem eine lange Reihe von Knoten gelöst. Knoten, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie habe. Knoten, die am Anfang wie ein undurchdringliches Knäuel anmuteten. Und heute habe ich endlich das Gefühl, dass der Faden geordnet vor mir liegt. Ich weiß, dass er sich durch die Bewegungen des Lebens auch mal wieder verfitzen und verknoten wird. Aber wenn ich immer direkt dabei bin die Knoten zu lösen, dann kommt es erst gar nicht mehr dazu, dass sich über Jahre und Dekaden ein Knoten-Ungetüm ansammelt. Ich fühle mich frei. Keine Ketten mehr. Keine Angst. Irgendwie richtig gut.

Wenn es hakt und die Teufelchen und Saboteure auf meiner Schulter wieder versuchen Kontrolle über mein Leben zu übernehmen, bin ich in der Lage mich von diesen zu distanzieren. Ich gebe zu, dass sie sich immer noch ab und zu bemerkbar machen und versuchen ihre Meinung kundzutun, um mich in meinem Verhalten und meinen Entscheidungen zu beeinflussen. Allerdings ist mein Umgang mit ihnen heute ein anderer. Ich kann sie „labern“ lassen und ihre Lautstärke herunter drehen. Und genauso ist es mit meinen Überlebensmechanismen. Ich kann mich heute ins Rampenlicht stellen, aber ich muss es nicht mehr, um mich gut zu fühlen. Ich kann Sport und meine Laufroutinen genießen, ohne dies zu nutzen um vor Dingen wegzulaufen und ich kann mich in Arbeit stürzen ohne meine inneren und emotionalen Bedürfnisse zu vernachlässigen. Alle meine Stärken dienen mir auch weiterhin. Der wichtige Unterschied: Sie dominieren mich nicht mehr. Ich habe die Gangschaltung geölt und bin in der Lage flexibel hoch und herunter zu schalten. Und dies bewirkt eine andere Ruhe in mir.

Ich reize meine Kapazitäten nicht mehr bis zu meiner Belastungsgrenze aus. Ich akzeptiere meine Grenzen und versuche nicht immer gegen sie anzukämpfen und über sie hinweg zu springen. Ich lebe heute im Einklang mit mir, meinen Bedürfnissen und Fähigkeiten. Wahrscheinlich ist genau das eines der Geheimrezepte, die ich geben kann.

Mein ganzes Leben habe ich gegen mich und gegen meine Bedürfnisse angekämpft. Ich wollte Grenzen partout nicht akzeptieren. Ich existierte fortwährend an meiner Belastungsgrenze und befand mich ständig mit einem Bein im Burn-Out oder zumindest kurz davor. Mein Leben war absolut voll. Für mich und die Liebe, die ich unterschwellig suchte, war gar kein Platz in all dem Chaos und der Überforderung. Und aus Angst auf dem Weg heraus einer unaushaltbaren Leere zu begegnen, spielte ich dieses Spiel brav weiter.

In den letzten Wochen und Monaten habe ich mich intensiv mit dieser Leere und all den unangenehmen Emotionen beschäftigt, die mich hemmten mein Leben so zu führen, wie ich es mir wünschte. Ich gab ihnen Raum und ließ sie sein. Und stellte fest, dass all das gar nicht so bedrohlich ist, wie ich immer dachte. Ich machte meinen Frieden mit all dem und akzeptiere diese Gefühle heute als Teil meiner Welt. Ich habe verstanden, dass das Leben nicht immer Sonnenschein ist. Um die Sonne wertschätzen zu können, muss man auch wissen wie sich Regen und Schatten und Sturm anfühlen. Und seitdem mir dies bewusst ist und ich es akzeptiere ohne fortwährend dagegen zu kämpfen, ist meine Welt eine andere.

Wenn ihr also einen Tipp von mir wollt, dann ist es folgender: Nehmt euch so an wie ihr seid und findet euren eigenen Rhythmus, in dem ihr leben, lieben und lachen könnt. Nicht zwangsläufig nur im Tanz mit den schönen Seiten des Lebens, sondern auch im Umgang mit den dunkleren Facetten. Wenn ihr diese Gefühle kultiviert, wird sich euer Leben verändern. Und ihr werdet merken wir ihr euch auf eine ganze andere und neue Art und Weise öffnet. Es ist ein anderes Gefühl innerer Freiheit und Balance. Es ist unbändiges Glück und tiefe Zufriedenheit. Es ist Friede und Verbundenheit. Und vor allem ist es wunderschön.

 

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2 Gedanken zu „Tag 112:
Der Knoten ist geplatzt
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  1. Hi Lena,

    nun hast du endlich ausgesprochen, was ich mir schon die ganze Zeit, in der ich dir folge, gedacht habe. Nämlich das du das irrsinnig rasante Tempo, mit dem du komplexe Themen extrem wortreich bearbeitet hast, unmöglich in dieser Form 365 Tage durchhalten kannst und willst.
    Es ist absolut die richtige Entscheidung, herunter zu fahren. Du bist keine Maschine und höchstens dir selbst verpflichtet, sicher nicht uns „Follower“!
    Es ist schon eine erstaunliche Entwicklung, die du in eigentlich recht kurzer Zeit hingelegt hast. Du musst sehr gute Unterstützer um dich haben, denn ich bezweifele, das so etwas rein autodidaktisch möglich gewesen wäre.
    Du darfst mich gern berichtigen, wenn ich nun folgende Theorie verfolge:
    Indem du mit so einer Vehemenz den Blog gestartet und bedient hast, bist du deinem bisherigen, ungesunden Verhaltensmodus weiter gefolgt um dann über gewisse Erkenntnisse zur logischen Schlußfolgerung zu kommen, das diese Art und Weise überhaupt nicht die richtige ist. Deine „Community“ wird nun akzeptieren müssen, das die Lena keine „Daily Soap“ ist, die man unendlich konsumieren kann und die vielleicht irgendwann mal langweilig wird…
    Du hast den Fluch der digitalen Welt erkannt und selbst beschrieben, nachdem du dich vorher ihrer so leidenschaftlich bedient hast. Und diese Wandlung vom Saulus zum Paulus müssen dein Jünger nun erst mal richtig einkategorisieren. Ich weiß, das war jetzt ein bisschen böse formuliert, ist aber im Kern richtig. Ich wünsche dir jedenfalls das Gespür zu erkennen, wer nur Konsument ist und wem etwas an dir liegt….

    Dir und mir
    wünsche ich Augen
    die die Lichter und Signale
    in unseren Dunkelheiten
    erkennen

    Ohren
    die die Rufe und Erkenntnisse
    in unseren Betäubungen
    vernehmen

    dir und mir
    eine Seele
    die all das
    in sich aufnimmt und annimmt

    und eine Sprache
    die in ihrer Ehrlichkeit
    uns aus unserer Stummheit
    herausführt
    uns aussprechen lässt
    was uns gefangen hält

    (Margot Bickel)

    Ich grüße dich herzlich – dein Roger

    1. Lieber Roger,

      ich habe so langsam das Gefühl du wärst immer einen Schritt weiter als ich und wartest darauf bis ich den nächsten Entwicklungsschritt mache, von dem du schon längst wusstest, dass er kommen wird. 😉

      Ich danke dir von Herzen für deine emotionale und literarische Begleitung auf meiner Reise.

      Liebe Grüße,
      Deine Lena

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