Tag 101:
Etikettenschwindel

Gefühle sind etwas so unfassbar Individuelles. Oft glauben wir genau zu wissen, was uns unsere Gefühle sagen wollen. Aber ist dem tatsächlich so? Kennen wir uns alle wirklich so gut?

Was wäre, wenn ich Liebe falsch gelernt habe? Wenn ich das Gefühl von Liebe oder zumindest von Verliebtsein dem falschen emotionalen Muster zugeordnet habe? Wenn Liebe eigentlich etwas ganz anderes ist, als ich es immer glaubte? Ich glaube, dass diese Hypothese stimmt. Ich glaube, dass meine bisherige Definition von Liebe nicht so war, wie sie in ihrer ursprünglichen Form gemeint ist. Und diese Erkenntnis öffnet und schließt gleichzeitig ganz viel.

In den letzten Tage habe ich meine Gefühle für ein paar Männer meiner Vergangenheit intensiv beleuchtet. Männer, an denen ich emotional irgendwie verhaftet schien. Und aus deren Gefühlsnetz ich mich befreien wollte. Eine Befreiung, die mir immer wieder so schwer fiel und mich fortwährend mit Rückschlägen konfrontierte. Ich dachte immer, ich müsste den Schalter finden, um die Gefühle zu diesen Menschen abstellen zu können und endlich bereit für einen neuen Mann in meinem Leben zu werden. Ich hatte das Gefühl, dass mein Herz an ihnen festgekettet war. Jeder okkupierte es auf seine ganz individuelle Art und Weise. So sehr, dass kein anderer „vernünftiger“ Mann darin Platz finden konnte. Und das obwohl diese Männer mit ihrem skurrilen Anheftungspotenzial allesamt bei weitem nicht die waren, mit denen ich in Zukunft eine Familie gründen und langfristig zusammensein will.

Ich dachte, mich meiner Gefühle für jene Männer entledigten zu müssen, um frei für eine Art der Liebe zu werden, die sicherlich nicht immer einfach, aber doch aufgrund ihrer Grundlagen zumindest weniger kompliziert angelegt ist. Auf dieser Reise des Ablösens hatte ich immer wieder das Gefühl endlich erkannt zu haben, was mich so hartnäckig an sie band. Nur um danach festzustellen, dass sie weiterhin in meinen Gedanken präsent waren. Dass weiterhin dieses Grundrauschen einer gewissen Zuneigung und Verbundenheit existierte, das es mir so schwer machte von ihnen loszukommen und meine Segel in eine andere Richtung zu setzen. Heute habe ich eine wichtige Erkenntnis gemacht: Ich war Opfer eines Etikettenschwindels. Und die Gefühle, die ich tatsächlich für sie habe, sind keine partnerschaftliche Form von Liebe. Sie haben einen anderen Charakter, der nicht aufgelöst werden muss, damit ich frei werden kann. Er muss nur richtig eingeordnet werden.

Nähe ist noch keine Liebe

Als ich Christian kennenlernte, war sofort eine besondere Art der Nähe da. Wir verstanden uns auf Anhieb blendet. So als wenn wir uns schon sehr lange kennen würde. Vom ersten Tag an war dieses Grundverständnis füreinander und eine emotional-freundschaftliche Nähe da. Und hier liegt die Krux: Ich habe diese Nähe bis dato mit Verliebtsein oder Liebe verwechselt.

Immer wenn ich jemandem nah war, verliebte ich mich auch in ihn. Dieses Gefühl der Nähe, wenn ich die Nacht in seinen Armen verbrachte und morgens neben ihm aufwachte, war für mich unter dem Begriff des Verliebtseins abgespeichert. Deshalb verliebte ich mich auch fast immer beim Sex. Wenn er drinsteckte, war ich schon verliebt… Ohne Zweifel ist man sich beim Sex körperlich – und bei gutem Sex sogar emotional – nah. Aber dies darf nicht fehlinterpretiert werden. Zwischenmenschliche Nähe und Aufmerksamkeit sind mit Sicherheit kostbare Güter, jedoch nicht gleichzusetzen mit einer aufrichtigen und langfristigen Form der Liebe sind.

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

Es war schlicht und einfach die Art der Liebe, mit der ich aufgezogen wurde. Meine Mutter dachte, mir immer nah sein zu müssen, damit unsere Verbindung zueinander nicht abreißen würde. Ich musste ihr immer Aufmerksamkeit zukommen lassen, damit sie sich geliebt und nicht allein gelassen fühlte. Auch ihre Form der Liebe war nicht Liebe in Erich Fromm’s Sinn. Sie glaubte, dass sie mich lieben würde, indem sie mir Nähe schenkte. Je mehr Nähe, desto mehr Liebe. Eine Logik, die nicht funktionierte. Und da man als Kind lernt, dass man seine Eltern lieben muss und von ihnen geliebt wird, klebte ich das Etikett für Liebe auf die Dosen für Aufmerksamkeit und Nähe. Heute verstehe ich, dass sie nicht in der Lage war mich zu lieben. Sie wurde selbst als Kind nicht geliebt. Und sie hat ihr obskures Verständnis von Liebe an mich weitergeben. Es war als hätte man mir die Farben rot und blau verkehrt herum beigebracht. Immer wenn ich rot sah, dachte ich es wäre blau. Und da die Beschreibung von Liebe etwa so ähnlich schwer ist wie die von Farben, ist mir nicht aufgefallen, dass etwas in meinem Lernprozess schief gegangen war.

Es ist gut das zu realisieren. Indem ich die falsche Zuordnung erkenne, kann ich meine Gefühle neu ordnen und die Etiketten ändern. Ich kann Liebe neu lernen. Genau das war auch das Ziel, mit dem ich zu Beginn meines OYNG-Experiments angetreten war. Lustigerweise kann mir das nicht wie geplant ein Buch oder ein psychologisches Konzept beibringen. Das einzige was hier hilft ist achtsam für meine Gefühle zu sein und mich nicht mit den groben Gefühlszuständen wie Wut, Angst, Liebe und Trauer zufrieden zu geben. Stattdessen gilt es genau zu betrachten welche Facetten hinter diesen unterschiedlichen Emotionen gerade präsent sind. Es gibt nicht nur eine Form von Liebe. Es gibt mehrere. Und diese Differenzierung gilt es zu machen und richtig zuzuordnen.

Ich bin sehr gespannt wie sich die Liebe anfühlen wird, die es für mich gilt neu zu entdecken. Was Liebe dann ist, wenn es nicht das Gefühl ist, das ich bis dato unter dem Begriff Liebe abgespeichert hatte. Früher wäre ich aufgrund dieser Erkenntnis – nicht zu wissen was Liebe ist – vielleicht in Panik ausgebrochen. Doch heute weiß ich, dass alles genau zum richtigen Zeitpunkt kommt. Die Liebe wird mir ihr wahres Gesicht zeigen, sobald ich dafür reif bin. Und: Ich freue mich jetzt schon wahnsinnig darauf.

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